Tennis-Tagebuch

Notizen aus der Reha-Provinz

Von Andrea Petkovic

07. Mai 2008 Der dichte Nebel lichtet sich. Konturen beginnen sich abzuzeichnen. Aus einem tiefen Summen entsteht eine weit entfernte Stimme, die engelsgleich und beruhigend auf mich einredet.
Als ich fünf Stunden später endgültig aus der Vollnarkose erwache, liege ich in einem Raum voller Menschen, die ebenfalls gerade erwachen oder noch lauthals schnarchen. Kaum habe ich die Augen aufgeschlagen, steht eine Krankenschwester neben mir, liebenswürdig und lächelnd. Die Augen schließen sich, der Aufwachraum verschwimmt wieder zu einer einlullenden Dunkelheit. Das tiefe Schnarchen des Mannes mit der neuen Hüfte ein Bett weiter wiegt mich in den Schlaf.

Einen Tag zuvor hatte mich meine Mutter in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt bei meinem Operateur Alwin Jäger abgeliefert, der meinen Kreuzbandriss im Knie reparieren sollte. Dass jeder operierte Mensch, dessen Operation zufällig geglückt ist, behauptet, er hätte den besten Operateur Deutschlands gar Europas gehabt, erleichtert die Suche nicht unbedingt. Aber ein renommierter Name gleicht einem roten Faden, der sich durch alle Geschichten zieht, und so landete ich bei Jäger.

Die Angst vor der großen Spritze

Ich durchlief die obligatorischen präoperativen Stationen, vom Fachchinesisch redenden Assistenzarzt, der versucht, einem die Operation näher zu bringen, über die Blutentnahme bis hin zur Anästhesiebesprechung. Meine Zimmernachbarin hatte mir ihre Operation geschildert, bei der sie lediglich lokal betäubt wurde. So hörte sie während des Eingriffs die Chirurgen fluchen. Das ersparte ich mir, indem ich die Vollnarkose wählte.

Die möglichen Nebenwirkungen sind vielfältig: Zahnverlust, Stimmverlust, Lebensverlust, alles im Angebot.
Um halb acht am nächsten Morgen liege ich in einem Raum, leer und kalt, um mich herum geschäftige Menschen in sterilen Schutzanzügen. Sie reißen Witzchen, während ich in meiner OP-Kluft versuche, so viele Eindrücke wie möglich zu sammeln. Eine Anästhesistin beugt sich über mich. Sie hält dabei eine riesige Spritze in der Hand. Mit etwa neun Jahren hat mir eine Assistenzärztin beim Blutabnehmen die Vene durchgestochen. Ich bin tagelang mit blauen Flecken auf dem Arm herumgelaufen und hatte Schmerzen ohne Ende. Seitdem bin ich nicht mehr sonderlich gut auf Dinge zu sprechen, die auch nur entfernt Ähnlichkeit mit einer Nadel haben.

48 Stunden auf dem Rücken

Die Assistenzärztin erklärt mir dennoch mit einer Fröhlichkeit, als würde sie mir die frohe Kunde einer Genesung durch Handauflegen verkünden, die örtliche Betäubung. Sie ermöglicht das Einsetzen eines Schmerzkatheters an der Leiste, der die postoperativen Leiden mindern soll. Ein leichtes Brennen und die Betäubung ist verabreicht. Gar nicht so schlimm, denke ich mir. Gerade als ich erwähnen will, dass die örtliche Betäubung beim Zahnarzt bei mir erst eine halbe Stunde später wirkt, macht sich die Anästhesistin ans Werk, den Katheter in meinen Körper einzubauen. Unbeschreibliche Schmerzen - Tränen treten mir ins Auge. Auf meinen Hinweis, dass ich alles spüre, steht ihr leichte Verwunderung ins Gesicht geschrieben. „Ich habe Ihnen doch eine örtliche Betäubung gegeben.“ Die Betonung klingt eher nach einer Frage als nach einer Aussage. Bei der OP habe ich dann Gott sei Dank nichts gespürt.

Zwei Tage später liege ich seit 48 Stunden auf meinem Rücken. Alles, was ich tun muss, tue ich im Liegen. Alles was ich gern tun würde, lasse ich bleiben. Zu sehr hat mich ein Erlebnis des Vortags geprägt. Bei dem halbstündigem Versuch, mein verletztes Bein über die Bettkante zu schwingen - was mir schließlich auch gelang - vergesse ich die Taubheit der Betäubung mit einzurechnen und mein operiertes Bein knickt auf 90 Grad ab. Die 90-Grad-Beugung jedoch peilt man erst zwei Wochen nach der OP an. Mit einer Körperrolle gelingt es mir, mich zurück aufs Bett zu hieven, doch die Lust auf weitere Experimente ist mir vergangen.

Nachtleben mit Privatparty im Knie

Was den Krankenhausaufenthalt betrifft: Ich habe mich schrecklich gelangweilt. In der Zeitperiode zwischen acht und elf Uhr morgens waren alle Termine eingeplant - Röntgen, Blutabnahme, etc. -, in welche zufällig auch immer die Australian-Open-Übertragung fiel, so dass sich die einzigen zwei Ablenkungen am Tag überschnitten und ich ab spätestens zwölf Uhr nichts mehr zu tun hatte. Das TV-Programm um die Mittags- und Spätnachmittagszeit will kein normaler Mensch sehen und die vier Bücher, die auf meinem Nachttisch lagen, bereiteten mir nach etwa zwei Stunden des Lesens und Insichgehens erhebliche Kopfschmerzen, so dass ich bereits gegen drei Uhr nachmittags extrem tatenlos war - bis auf die Selbstgespräche, die mir übrig blieben.

Somit war ich heilfroh als ich endlich die Gesundheitsfabrik mit Vollkornbrot und fettfreiem Naturjoghurt verlassen durfte, um mich - wie ich dachte - ins Nachtleben stürzen zu dürfen, was mir während meiner normalen Turnierwochen meistens verwehrt bleibt. Dabei hatte ich nur ein Problem, welches Knie, Krücke und Orthese hieß. Stand ich länger als zehn Minuten, hatte ich das Gefühl, die gesamten 65 Prozent des Wasserhaushaltes meines Körpers feierten Privatparty im rechten Knie. Ich trotzte dem Schicksal, indem ich das Nachtleben mit offenen Armen und hochgelegten Beinen empfing. Hatte ich mich im Krankenhaus schon der Faulenzerei genähert, so brachte ich es in dem zweiwöchigen Aufenthalt zu Hause zur Perfektion. Dann ging es ins Rehazentrum.

Reha im 2500-Seelen-Dorf

Mehr oder minder freiwillig entschied ich mich für das Sportrehazentrum Spessart in Heigenbrücken. Das Zentrum wird von Werner Krass geleitet, den ich noch aus meinen Anfängen beim Hessischen Tennis-Verband kenne. Ein starker Mann mit enormer Kraft in den Händen - die ich oft genug zu spüren bekomme -, der unter anderem die Nationalmannschaft der Bobfahrer mit André Lange und Christoph Langen betreut hat und etliche Male bei den Olympischen Spielen dabei war.

Bei Heigenbrücken handelt es sich um ein 2500-Seelen Dorf - das einzige Dorf in Bayern, in dem Hessisch gebabbelt wird. Es gibt einen Tante Emma-Laden, der sich Supermarkt schimpft, eine Apotheke, eine Kirche und das Sport-Rehazentrum. Das „Industriegebiet“ besteht aus mehreren Geschäften - einem Edeka und einem Schlecker. Dafür gibt es Pensionen und Hotels zuhauf, denn der schöne Spessart besteht aus Flur und Hain und hierher wurden ehemals die Untertagearbeiter aus dem Ruhrgebiet geschickt, um neue Kraft zu tanken. Jetzt versuche ich, es den „Knappen“ nachzumachen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, Daniel Pilar

 
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