Von Alex Westhoff, Leverkusen
14. August 2005 Zwölf Jahre, so lange haben sie Zeit, sagt der Thronfolger. Spätestens dann will Abdullah Bin Khalifa Al Thani Champions made in Qatar ganz oben auf den Siegerpodesten dieser Welt sehen. Für dieses ehrgeizige Ziel hat das künftige Oberhaupt des Emirats Qatar einen hohen dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag aus dem Staatshaushalt lockergemacht. Frei nach der vom russischen Mäzen des FC Chelsea, Roman Abramowitsch, zu neuer Blüte getriebenen Devise Erfolg ist käuflich entstand vor den Toren Dohas eine Sport-Akademie der Superlative: Aspire - Academy of Sports Excellence.
Mit einer Nachwuchsförderung, dessen Ausmaße seinesgleichen sucht, wollen die Qatarer den arrivierten Sportnationen auf die Pelle rücken. Dazu gehört auch, mit diesen zusammenzuarbeiten und (noch) zu lernen, wie eine Kooperation mit der im Ausland wohlbekannten Sportsektion von Bayer Leverkusen beweist. 80 Nachwuchssportler aus Qatar waren deshalb gerade für ein dreiwöchiges Trainingslager zu Gast in Leverkusen - samt Trainerstab und Ausrüstung fast eine ganze Maschine der Qatar Airways.
Größte Sporthalle der Welt
Bislang ist das Emirat im Sport eher mit der Verpflichtung von alternden Fußballstars wie Stefan Effenberg und Mario Basler für die heimische Liga, zwei ATP-Turnieren oder durch die jüngsten Investitionen in die German Open im Tennis in Berlin und am Hamburger Rothenbaum in Erscheinung getreten. Doch bevor es nach der offiziellen Eröffnung von Aspire im November richtig losgeht, haben sie sich mit dem Bau des Aspire-Dome - mit 250.000 Quadratmeter überdachter Fläche die größte Sporthalle der Welt - bereits selbst ein (Sport-)Denkmal gesetzt.
Im Bauch des Monumentalbaus befinden sich neben einem Fußballfeld samt Tribüne für 8.000 Zuschauer, einem Leichtathletikzentrum mit Platz für 3.000 Besucher, einem olympischen Schwimmbecken sowie einer Halle für Ballsportarten (jeweils für 1.500 Zuschauer) auch Anlagen für Turnen, Fechten, Tischtennis und Squash. Vom Außenbereich ganz zu schweigen. Bei 50 Grad und mehr im Sommer liefert ein eigenes Kraftwerk den Strom für die Klimaanlagen des Geländes, auf dem die Nachwuchssportler auch wohnen und zur Schule gehen können.
Zumindest nicht Letzter im Medaillenspiegel
Hier sollen dem Kleinstaat keine Talente durch die Lappen gehen und die Sieger von morgen geformt werden, lautet der eigene Anspruch. Für den riesigen Trainerstab sei nur das Beste rekrutiert worden, was es auf dem internationalen Markt gibt, wirbt die Akademie für sich. Geld spielt in dieser Phase keine Rolle, weiß der Leichtathletik-Cheftrainer Ralf Iwan aus eigener Erfahrung. Wenn ein Trainer für die Wurfdisziplinen sagt, er brauche noch einen Wurfring, werde sofort ein ganz neuer Wurfkäfig gebaut. Erste Früchte sollen schon in Kürze geerntet werden. Bei den Asien-Spielen 2006 in Qatar wollen die Gastgeber zumindest nicht Letzter im Medaillenspiegel werden, sagt der deutsche Sportmanager der Akademie, Andreas Bleicher.
Doch mit Zielen dieser Kragenweite gibt man sich bei Aspire, das auch in TV-Spots auf CNN und Eurosport für sich wirbt, nicht mehr lange zufrieden. Zum Beispiel sollte die Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 schon erreicht werden, sagte Bleicher, der vor seinem Engagement am Persischen Golf Leiter des Olympiastützpunkts Köln/Bonn/Leverkusen war, mit Blick auf die nicht ewig währende Geduld der Scheichs. Der Doktor der Sportwissenschaften entwickelte die Idee für eine Kooperation mit Bayer Leverkusen, dessen Trainings- und Wettkampfstätten hierzulande als vorbildlich gelten.
Weibliche Sportler keine gute Idee
Die erste Reisegruppe aus Qatar bestand allerdings nur aus Männern. Über den Frauensport schüttet Aspire im islamischen Kleinstaat das Füllhorn nicht aus. Es sei auch keine gute Idee, sagt Manager Bleicher, wenn Bayer bei den geplanten Besuchen in Doha mit einer großen Gruppe weiblicher Sportler einträfe. Die Verantwortlichen von Aspire mußten schnell feststellen, daß sie zwar die modernsten Anlagen besitzen, es in Qatar jedoch deutlich einfacher ist, auf Öl oder Erdgas zu stoßen als auf talentierte Jugendliche. Im Wüstenemirat, das nur rund 750.000 Menschen auf einer Fläche halb so groß wie Hessen eine Heimat gibt, existiert keine gewachsene Sportkultur.
So gestaltet sich die Aufnahme von Mannschafssportarten ins Programm als schwierig, weil es nicht ausreichend Talente gibt, die auf einem Niveau spielen. Deshalb will die Akademie zahlreiche Stipendien an hoffnungsvolle ausländische Sportler vergeben, die den Medaillenhunger des Emirates stillen sollen. Vornehmlich im afrikanischen und asiatischen Raum, wo man mit der Aussicht auf einen katarischen Paß eher offene Türen einrennt.
Ich bin aus Qatar und du nicht
Allein sechs Trainer beobachteten und notierten jede Bewegung der 48 qatarischen Spieler bei den Fußballeinheiten auf dem Bayer-Gelände am Leverkusener Kurtekotten. Die Jungs schienen den Aufwand um sie herum mit professionellen Trainingsbedingungen, noblen Unterkünften, Fahrdienst und einheitlicher Markenkleidung auf und neben dem Platz gewohnt zu sein. Schließlich gewährt Qatar seinen Einwohnern einen der höchsten Lebensstandards der Welt - wenn man den qatarischen Paß besitzt.
Die vielen Inder, Pakistaner und Sudanesen sind ohne die begehrte Staatsbürgerschaft in der Gesellschaft meist für die einfachen Arbeiten vorgesehen. Ähnlich hierarchisch geht es selbst in den Jugendmannschaften bei Aspire zu, hat Randy Hill beobachtet. Nach dem Motto ,Ich bin aus Qatar und du nicht' werden die ausländischen Athleten von den Einheimischen behandelt. Genau so wie es ihnen in der Gesellschaft von den Erwachsenen vorgelebt wird, sagte der australische Talentscout. Das gehe sogar so weit, daß die ausländischen Trainer bei den Nachwuchssportlern nur als Experten ihres Faches, nicht aber auf anderer Ebene anerkannt werden. Die ausländischen Kinder würden sich im Kampf für die Staatsbürgerschaft im Training immer ein wenig mehr reinhängen als die Qaterer, sagte Hill.
Eines haben alle jedoch gemeinsam: So viel Regen wie in Leverkusen und Umgebung hätten sie noch nie gesehen. Den könnten wir zu Hause auch gut gebrauchen, sagte der 13 Jahre alte Ahmed. Doch diesen Wunsch wird selbst der künftige Monarch mit seinem vielen Geld nicht erfüllen können.
Text: F.A.Z. vom 15. August 2005
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