Boxen auf Schalke

Ruslan Chagaev gibt gegen Wladimir Klitschko auf

Von Hans-Joachim Leyenberg, Gelsenkirchen

Geschafft: Klitschko feierte den 53. Sieg im 56. Kampf

Geschafft: Klitschko feierte den 53. Sieg im 56. Kampf

20. Juni 2009 Auch rhetorisch war es am Samstag der beste Wladimir Klitschko, den es je gegeben hat. Nach dem Sieg über Ruslan Chagaev wurde jeder Satz zum Treffer. Worte setzte der Ukrainer mit soviel Bedacht wie seine Fäuste. Für den Unterlegenen gab es nach dessen Aufgabe in der Pause zur zehnten Runde Streicheleinheiten. Für David Haye, den kurzfristig abgesprungenen Herausforderer Prügel. Für Nikolai Walujew, der sich anders als Chagaev nicht traute, als Ersatzmann einzuspringen, eine Mischung aus Spott und Sarkasmus.

Und mit Chagaevs Promoter Klaus-Peter Kohl, einst der Vermarkter der Klitschkos, gegen den diese sogar vor Gericht zogen, machte der Schwergewichts-Champion seinen Frieden. Einst, als die Klitschkos noch als die vielversprechenden Aufsteiger im Profigeschäft gehandelt wurden, hatte Kohl prophezeit, eines Tages mit ihnen als Attraktion ein Stadion wie das in Gelsenkirchen zu füllen. Jetzt ist es dem K2-Management, der Firma der Klitschkos gelungen. In einem flüchtigen Moment nach dem Triumph vor 61.000 Zuschauern in der Arena auf Schalke demonstrierte Wladimir Klitschko mit vier ausgestreckten Fingern einer Hand, wie viele WM-Titel ihn jetzt schmücken. Später sagte er zu diesem Rechenexempel: „Ich denke nicht in Titeln“. Das ist auch das Gescheiteste, was er tun kann, denn die World Boxing Association (WBA), die Chagaev in ihrer Rangliste als „Weltmeister im Wartestand“ führte, hatte das Duell nicht als Titelkampf sanktioniert.
Chagajev war emsig bemüht

Diese Winkelzüge eines Verbandes, der sich mit Walujew als Frontmann schmückt, wirken einfach nur kleinkariert angesichts des XXL-Formats, das die Klitschkos verkörpern. Der 2,13 Meter große Walujew, soviel zur Erinnerung, war einst im April 2007 von Chagaev entzaubert worden. Chagaev wiederum wurde am Samstag von Wladimir Klitschko demontiert. Hätte Trainer Michael Timm den Usbeken nicht aus dem hoffnungslosen Verfolgungsrennen genommen - das Motto des Abends („Knockout auf Schalke“) hätte gesessen wie die Faust aufs Auge. Müsste man Chagajev ein Zeugnis ausstellen, bliebe festzuhalten: Er war emsig bemüht.

In seinem Vorwärtsdrang fing er sich Konter auf Konter ein. Mit der Linken hielt Wladimir Klitschko seinen Gegner auf Distanz, mit der dosiert eingesetzten Rechten machte er Chagaev zum Wackelkandidaten. In der ersten Runde setzte er sie nur einmal ein und traf prompt, in der zweiten Runde brachte sie den 15 Zentimeter kleineren Boxer zu Fall. Zum ersten Mal in seiner Karriere als Profi war Chagaev am Boden, wurde angezählt, machte weiter, ohne groß punkten zu können. Er landete ein paar Treffer zum Körper, sie sollten der Türöffner werden für das Ziel eine Etage höher, doch sie kamen nicht. Weil sich dieser Goliath gegenüber so fix auf seinen Beinen bewegte wie kein anderer Widersacher Chagaevs zuvor. Erschwerend kam das peinigende Störfeuer der Führhand Klitschkos hinzu.

Nächster Tatort New York

Ruslan Chagaev begründete sein Scheitern mit Formulierungen, die man so schon gehört hat und demnächst wieder von Verlierern hören wird: Es sei nicht sein Tag gewesen, aber er werde gestärkt zurückkehren. Gegen diesen Wladimir Klitschko zumindest sei kein Kraut gewachsen. So schnell, so flexibel und variabel hat man den Dominator der Schwergewichtsszene noch nicht gesehen. Der Nachteil für das Publikum: Die Spannung reduziert sich auf die Frage, wie lange der jeweilige Herausforderer der kontrollierten Offensive standhält. Weit und breit ist niemand in Sicht, den Siegeszug der Klitschko-Brüder aufzuhalten.

Gut möglich, dass Witali demnächst Großmaul Haye für die Ungebührlichkeit abstraft, ihn samt Bruderherz provoziert zu haben. Oder sie belassen ihn in der Warteschlange. Ihr Tatort ist demnächst wieder der New Yorker Madison Square Garden, auch Schalke könnte nochmals ein Thema sein. Ihnen steht die Welt offen. In der Nacht zum Sonntag war die Schalke-Arena der Box-Nabel des Universums. 530 Scheinwerfer, die den Ring ausleuchteten, illuminierten die „Krönung auf Schalke“, so das vom übertragenden Fernsehsender RTL alternativ ins Spiel gebrachte Motto. Allein in Deutschland verfolgten 10,39 Millionen Zuschauer (50,6 Prozent Marktanteil) das Spektakel.

Im Ring werden die Klitschkos die Rangfolge nie klären

Wer in der Lage sei, Wladimir zu bezwingen, hat man von Timm wissen wollen. „Nur der eigene Bruder“, kam die prompte Antwort. IBF/WBO/IBO-Weltmeister Wladimir Klitschko indes legte sich eine Stunde nach Mitternacht fest: „Der Beste ist Witali - das bestätige ich jetzt.“ Witali wiederum hat in der Vergangenheit oft genug Wladimir als den Begabteren ins Spiel gebracht. Im Ring werden sie die Rangfolge nie klären. So bleibt es bei den Gedankenspielen zweier Männer, die sich die Macht im Schwergewicht teilen und denen nur noch pro forma die Eroberung des WBA-Titels fehlt.

Mangels wettbewerbsfähiger Konkurrenz kommt Wladimir Klitschkos Feststellung, „mein bester, mein schwerster Kampf liegt noch vor mir“, einer Drohung gleich. Am Samstag habe er nur das zeigen müssen, „was der Gegner erlaubt hat“. Und das war reichlich. Da war kein Flackern in den Augen Klitschkos, keine Spur von Angst wie in so vielen seiner 55 Kämpfe zuvor. So schwülstig es auch klang: In dieser für Wladimir Klitschko so perfekten Stunde war er überwältigt von der eigenen Größe: „Ich liebe diesen Sport so, wie ich ihn noch nie geliebt habe.“

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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