15. November 2009 Der beste Schwimmer der Welt schlägt keine Wellen in Berlin. Michael Phelps schwimmt beim Weltcup, fünfzehn Monate nach seinen acht Olympiasiegen von Peking, chancenlos hinterher - wenn er überhaupt an den Start geht.
Zum Duell mit Paul Biedermann, dem Doppelweltmeister von Rom, über 400 Meter Freistil ist er am Samstag gar nicht angetreten. Seinen Start über 100 Meter Lagen ließ er kurzfristig ausfallen. Als er am Samstagvormittag beim Vorlauf über 200 Meter Schmetterling in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain tatsächlich im Becken auftauchte, war er Fünfter. Offensichtlich benachteiligt in der Gleitphase unter Wasser, hatte der beste Schwimmer der Welt, der Mann, der die 200 Meter Schmetterling seit fast einem Jahrzehnt beherrscht, vom Start weg vier Konkurrenten vor der Nase. Auf den folgenden acht Bahnen kämpfte er bravourös. 1:53,82 Minuten brauchte Phelps bis zum Anschlag, da war er schließlich Zweiter – mit der achtbesten, das heißt: der schlechtesten Zeit qualifiziert fürs Finale. Bei der Weltmeisterschaft vor vier Monaten war er, auf der Langbahn, mehr als zwei Sekunden schneller. Im Berliner Finale schwamm er in 1:52,56 Minuten auf den fünften Platz.
Phelps verzichtet beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin, wie schon in Stockholm, auf den Hightech-Anzug, der die Schwimmwelt auf den Kopf gestellt hat. Schon jetzt tritt er in sogenannten Jammers“ an, textilen halblangen Hosen, wie sie vom nächsten Jahr an vorgeschrieben sind im Reglement, mit nacktem Oberkörper und mit Bart. Das ist, als ob ein Formel-1-Team im Vorgriff auf die nächste Saison mit schwächerem Motor, schmaleren Reifen und kleineren Spoilern fährt“, sagt Mark Warnecke, der ehemalige Brust-Weltmeister. Phelps limitiert sich selbst“, findet auch Bundestrainer Dirk Lange. Ich durchschaue wirklich nicht, warum.“
Es wird wieder ums Schwimmen gehen
Phelps, der zwar nicht alle, aber einen Teil seiner Erfolge der Gleit- und vermutlich auch Tragfähigkeit seines Speedo-LZR-Anzugs zu verdanken hat, schwärmte noch im vergangenen Jahr, er fühle sich darin wie eine Rakete, die von der Wand abgefeuert wird“. Jetzt gibt er sich dankbar für das Verbot. Es wird wieder ums Schwimmen gehen“, sagte er in Berlin. Es wird wieder so sein, wie ich es als Junge erlebt habe: Man braucht diese Kraft im Kern, man kann sich nicht vom Anzug zusammenpressen lassen.“ Alles wieder ohne Zusatzstoffe, alles wieder Bio? Anzüge haben zu einem großen Teil das Training bestimmt“, behauptet Phelps’ Trainer Bob Bowman. Sie haben das Schwimmen manipuliert.“ Damit sei nun Schluss, die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2011 in Singapur und die Olympischen Spiele 2012 in London habe begonnen. Phelps wird in London gerade 27 Jahre alt sein. Bowman forderte in Berlin, die mehr als zweihundert Weltrekorde, die den Ganzkörperanzügen zu verdanken sind, in einer separaten Liste zu führen. Die aktuellen Weltrekorde sollten zum Jahreswechsel auf den Stand vom 1. Januar 2008 zurückgesetzt werden.
Was im ersten Moment überzeugend klingt, wollen die wenigsten Schwimmer in Berlin glauben. Kein Mensch trainiert im Anzug“, sagt Warnecke. Jeder Schwimmer schwimmt, wenn er nicht bestimmte Sachen ausprobiert, im Training in Badehose.“ Es gebe keinen trainingsmethodischen Grund, jetzt schon auf den Anzug zu verzichten.
Was sollte ihn da noch antreiben?
Pack die Badehose ein – vielleicht ist es gar nicht die reine Lehre vom Schwimmen, die Phelps dazu bringt, sich ein Handicap aufzuerlegen und sich Schwimmern geschlagen zu geben, die ihm normalerweise nicht das Wasser reichen könnten. Jeder weiß, wie ehrgeizig der Amerikaner ist. Niemand wird seine aggressive Gestik, sein vor triumphierender Wut verzerrtes Gesicht vergessen, das er in Peking und in Rom zeigte, als er mit der Staffel siegte, als er den Serben Milorad Cavic geschlagen hatte. Nicht wenige Zuschauer waren geradezu erschreckt. Phelps hat mit 24 Jahren mehr erreicht, als ein Schwimmer sich je klaren Gedankens und reinen Herzens vornehmen könnte: 14 Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen von Athen und Peking, 23 Titel bei diversen Weltmeisterschaften, fast drei Dutzend Weltrekorde, gut zehn Millionen Dollar auf der hohen Kante, eine Stiftung für benachteiligte Kinder. Was sollte ihn da noch antreiben?
Der jamaikanische Sprinter Usain Bolt, mit drei Olympiasiegen, drei Weltmeisterschaften, sechs Weltrekorden und weltweiter Prominenz so etwas wie der Michael Phelps der Leichtathletik, kämpft gegen den Motivationsverlust, indem er öffentlich verspricht, zu einer Legende des Sports werden zu wollen.
Er fügt sich Niederlagen wie Nadelstiche zu
Selbst das ist Phelps längst. Was hat er noch für Ziele? Das wollen alle wissen“, antwortete er. Aber das verrate ich nur Bob und vielleicht meiner Mutter.“ Wie er, abgeschirmt unter Kopfhörern, zum Startblock schlurft, wie er behauptet, Niederlagen interessierten ihn nicht, wie er durch Berlin und durchs Becken treibt: Da hat sich jemand in seine eigene Welt zurückgezogen. Phelps tut, was kaum ein Gegner vermochte: Er fügt sich Niederlagen wie Nadelstiche zu. So stachelt er seinen Siegeswillen an. So steigert er sich in einen Hunger nach Erfolg, der längst gesättigt zu sein drohte.
Dabei erwartet Michael Phelps keine mildernden Umstände. Nicht einmal die Anzug-Rekorde will er im nächsten Jahr ausgeklammert wissen. Alle Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden“, sagt er im Gegensatz zu seinem Trainer. Man muss es sich nur vornehmen. So habe ich das mein ganzes Leben gehalten.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP