Von Stefan Löffler, Dresden
25. November 2008 Pünktlich am Abend vor der letzten Runde traf Sersch Sarkissjan in Dresden ein. Der armenische Präsident ist auch Vorsitzender des Armenischen Schachverbands. Ehrensache also, dass er seine Schachauswahl zum letzten Spiel gegen China ins Internationale Congress Center begleitete. Sarkissjan sah einen knappen, aber ungefährdeten Sieg.
Damit hat Armenien nach Turin 2006 abermals die Schacholympiade gewonnen. Es ist ein unerwarteter Erfolg. Nominell gingen die Armenier nur als Nummer neun der Setzliste in den Wettbewerb. Im Mai verloren sie mit Karen Asrijan, der mit 28 Jahren einem Herzinfarkt erlag, einen Stammspieler. Weil ihr Ersatzmann deutlich schwächer ist, waren die vier Stammspieler durchgehend im Einsatz. Ihr Spitzenspieler Lewon Aronjan war zusätzlich durch eine Erkältung gehandicapt.
Für Nationalspieler gibt es in Armenien ein Stipendium
Aronjan lebt seit sieben Jahren in Deutschland, doch ein Verbandswechsel kommt für ihn nicht in Frage. Zu hoch ist der Stellenwert seines Spiels in seiner alten Heimat, seit Tigran Petrosjan 1963 Weltmeister wurde. Die Schacholympiade 1996 in Jerewan ist wahrscheinlich der größte sportliche Wettbewerb, der je in dem Kaukasusland stattgefunden hat. Nationalspieler erhalten monatlich ein Stipendium, das ein Vielfaches des durchschnittlichen Einkommens beträgt.
Wladimir Akopjan, Armeniens Nummer zwei, bestreitet fast nur noch Mannschaftswettbewerbe. Er steuerte acht Punkte aus elf Partien bei. Als wertvollster Spieler erwies sich wieder einmal Aronjans ständiger Sekundant Gabriel Sargissjan. Nachdem er schon in Turin die meisten Punkte für sein Team sammelte, wiederholte er dies in Dresden mit neun Punkten und schaffte zugleich - in Weltranglistenpunkten gemessen - die beste Leistung aller Olympiadeteilnehmer. Am vierten Brett saß Tigran Petrosjan, der von seinen Eltern nach dem gleichnamigen Weltmeister genannt wurde und die entscheidende Gewinnpartie beim 2,5:1,5 gegen China spielte.
Israel auf Rang zwei, Amerika gewinnt Bronze
In Dresden hatten die Armenier nur einen schwachen Tag, nämlich gegen Israel, das sich in der Schlussrunde mit einem 2,5:1,5 gegen die Niederlande auf Rang zwei verbesserte. Die zuvor mit in Führung liegende und bis dahin ungeschlagene Ukraine verlor überraschend hoch mit 0,5:3,5 gegen die Vereinigten Staaten und büßte damit sogar noch den Bronzeplatz an die Amerikaner ein.
Den dritten Platz hätte in der Schlussrunde auch noch Russland im Falle eines deutlichen Sieges schaffen können. Doch gegen Spanien reichte es nur zu einem glücklichen 2:2. Mit Platz fünf schneiden die Russen wenigstens nicht noch schlechter als vor zwei Jahren ab, als sie Sechster wurden. Wir haben eine Mannschaft voller Stars, aber sie verbindet kein Teamgeist, sagte der frühere Weltmeister Anatoli Karpow. siehe: Schach: Großmacht im Abseits)
Deutsche Frauen wehren gegen Schweden Debakel ab
Die deutsche Auswahl spielte sieben Runden lang vorne mit, bevor sie durch Niederlagen gegen die späteren Medaillengewinner Israel und die Vereinigten Staaten zurückgeworfen wurde. Nach einem abschließenden 2,5:1,5 gegen Litauen kam sie auf Platz dreizehn. Das klingt nach weniger, als es sportlich wert ist, denn Arkadi Naiditsch, Daniel Fridman und David Baramidze erspielten mehr Punkte als erwartet, und auch Jan Gustafsson und Igor Khenkin enttäuschten nicht.
Im Frauenwettbewerb wehrte die deutsche Auswahl am Ende durch ein 3:1 gegen Schweden ein Debakel ab und landete auf Platz 21. Die lange führenden Chinesinnen wurden Vierte. Gold gewann Georgien vor der Ukraine und den Vereinigten Staaten. Die von Nona Gaprindaschwili, der ersten Trägerin des Großmeistertitels, initiierte Kombinationswertung von Männern und Frauen gewann die Ukraine vor Armenien, den Vereinigten Staaten und Georgien.
Olympiade 2012 in Istanbul
In den letzten Tagen tagte die Vollversammlung des Weltschachbundes (FIDE). Die Schacholympiade 2012 wurde an Istanbul vergeben. Auch Bewerber für 2014 und 2016 haben sich bereits ins Gespräch gebracht. Die in Dresden eingeführte Regel, unmittelbar mit dem Verlust zu bestrafen, wer zu Rundenbeginn nicht am Brett sitzt, soll künftig in allen Turnieren gelten. Einwände gegen diese weitreichende Änderung wurden nicht zugelassen.
Auch die WM wird reformiert. Der Herausforderer des Weltmeisters soll künftig in einem doppelrundigen Kandidatenturnier ermittelt werden. Acht Teilnehmer werden eingeladen: die zwei Ersten der Grand-Prix-Wertung, die beiden Finalisten des Weltcups, der Verlierer des nächsten WM-Kampfes zwischen Anand und dem Sieger des im Februar in Sofia stattfindenden Kandidatenfinals zwischen Wesselin Topalow und Gata Kamsky sowie der Verlierer dieses Kampfes, ferner der in der Weltrangliste Beste, der nicht aus anderem Grund qualifiziert ist, sowie ein mindestens 2700 Elo-Punkte aufweisender Spieler, den der Ausrichter bestimmen darf. Nur wenige waren in diesen Plan eingeweiht, bevor er am Dienstag vorgestellt und nahezu ohne Aussprache beschlossen wurde. (siehe auch: Kommentar: Schach ist am Zug und FAZ.NET-Sonderseite Schach)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa