16. Juli 2007 Bei seinen Fans sorgt der beinamputierte Oscar Pistorius für Bewunderung, mit dem jetzt eröffneten Kleinkrieg gegen den Internationalen Leichtathletikverband (IAAF) dürfte der Sprinter allerdings nur Kopfschütteln auslösen. Überraschend ist der 20 Jahre alte Südafrikaner nämlich auf Konfrontationskurs mit der IAAF eingeschwenkt.
Obwohl ihm der Weltverband eine wild card für Starts in Rom und Sheffield im Feld der Nicht-Behinderten ausstellte und ein wissenschaftliches Gutachten finanziert, schimpfte Pistorius. Es wäre viel produktiver, die Tests mit mir als gegen mich zu machen, sagte der Paralympics-Sieger nach seinem missglückten Grand- Prix-Auftritt am Sonntagabend in Sheffield.
Nachteil - oder technischer Vorteil?
Pistorius kämpft um sein generelles Startrecht bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, auf seinen zwei Unterschenkel-Prothesen will er 2008 in Peking in der 4x400-Meter- Staffel seines Landes mitlaufen. Die IAAF prüft den vertrackten Fall und hat ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben. Die Frage lautet: Hat ein Sprinter auf Prothesen einen körperlichen Nachteil - oder gar einen technischen Vorteil? Schließlich haben die Hightech-Karbon-Stelzen, die etwas länger als ein Unterschenkel sind, auf einer Kunststoffbahn auch eine beträchtliche Federwirkung. Die Meinungen unter Sportlern und Experten sind jedenfalls geteilt.
Nach dem 400-Meter-Rennen in Sheffield, wo der Südafrikaner wegen Verlassens der Bahn disqualifiziert wurde, beschwerte sich Pistorius über abfällige Kommentare eines Offiziellen der IAAF. Dieser soll gesagt haben, dass Pistorius mit Starts bei den Nicht-Behinderten vielleicht sogar Sportlern mit Düsenjets auf dem Rücken den Weg in die Sport-Arenen bereite. Dies seien abfällige, unprofessionelle Kommentare, sagte Pistorius. Die IAAF solle ihn seinen Kampf kämpfen lassen und mit ihm statt gegen ihn arbeiten.
Wie das FBI
IAAF-Mediendirektor Nick Davies war am Montag aufgebracht und wies die Vorwürfe entschieden zurück. Wenn die IAAF gegen Paralympics-Athleten wäre, wie hätten wir der blinden Marla Runyon aus den Vereingten Staaten dann einen WM-Start 1999 in Sevilla erlauben können?, sagte Davies. Er schrieb einen Brief an den Manager von Pistorius, Peet van Zyl - das Schreiben liegt der Deutschen Presseagentur vor. Inzwischen hat sich der Betreuer bei der IAAF für die verbalen Ausfälle seines Schützlings entschuldigt.
In dem Schreiben an van Zyl beschwert sich die IAAF, die ganz im Sinne von Pistorius eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben und finanziert hat, über die Brüskierung durch den Südafrikaner, dem im Alter von elf Monaten beide Unterschenkel amputiert werden mussten. Die IAAF habe den schwierigen Fall sachlich dargestellt und sich kooperativ gezeigt. Dennoch sei Pistorius zum Angriff übergegangen: Er habe behauptet, die IAAF sei von Vorurteilen gegenüber behinderten Athleten belastet, der Weltverband agiere amateurhaft und wie das FBI.
Wir können kein Techno-Doping in der Leichtathletik zulassen, sagte Davies und empfahl Pistorius beim Umgang mit den Medien künftig Zurückhaltung. An der generellen Auffassung der IAAF habe sich nichts geändert: Wir haben keinerlei Vorurteile gegenüber behinderten Athleten. Wir machen uns nur über solche Sportler Sorgen, die sich durch technische Hilfsmittel einen Vorteil verschaffen, sagte der IAAF-Sprecher.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa und sid
Bildmaterial: AFP