Schwimmen

Gefahr im Anzug

Von Christian Eichler

25. März 2008 Was Schwimmer so anhaben, spielt modisch meist keine große Rolle. Man sieht das ja nicht, wenn sie schwimmen. Aber sportlich spielt es eine Rolle, eine immer größere vielleicht. Denn nun tragen sie etwas, das sie trägt. Zumindest erwecken zwölf Weltrekorde binnen sechs Wochen diesen Anschein - allesamt erzielt mit dem neuen Anzug der Firma Speedo.

Die technisierte Schwimmhaut, die den Körper per Kompressoreffekt in gleitgünstige Form bringen und mit einer Art Korsett im Mittelteil der Ermüdung der Rumpfmuskulatur vorbeugen soll, ist derzeit das große Thema unter Topschwimmern. Phänomen? Placebo? Fair oder nicht? Für alle Frei- und Fahrtenschwimmer ist das Thema weniger akut. Bei Preisen bis zu voraussichtlich 500 Euro für das knackig sitzende Gleitgerät werden sie sich die Investition für die Freibadsaison zweimal überlegen.

Im Schnitt zwei Weltrekorde pro Woche

Purzelnde Rekorde sind nichts Neues im Schwimmen. Allein mit dem erst vor einem Jahr vorgestellten Vorgängermodell des Anzuges wurden 21 Weltrekorde aufgestellt. Doch nun geht das alles ein wenig zu schnell. Ein Weltrekordschnitt von zwei pro Woche droht die einstige Faszination der Höchstleistung so sehr zu entwerten, dass Schwimmer immer mehr unter die Wahrnehmungsschwelle abtauchen.

Die Funktionäre sind alarmiert. Der Weltverband, der den neuen Anzug genehmigte, hat das Grundsatzthema für April eilig auf die Tagesordnung gesetzt. Bisher ging es bei der Zulassung neuer Ausstattung vor allem darum, dass diese jedermann zugänglich sein muss. Nun richtet sich die Diskussion immer mehr darauf, die Folgen für den gesamten Sport zu überdenken.

Erst den Freund genommen, dann den Rekord

Nach den drei Sprintmarken des Franzosen Alain Bernard und nach der holländischen Frauen-Freistilstaffel war es keine Überraschung mehr, dass Marleen Veldhuis am letzten Tag der Europameisterschaft die acht Jahre alte Bestmarke über 50 Meter Freistil unterbot - womit sie den fünften Weltrekord der EM aufstellte und den zwölften des Schwimmjahres. Der sechste der EM und dreizehnte des Jahres war es dann doch: der erste ohne das neue Speedo-Ding. Die Italienerin Federica Pellegrini erreichte ihn mit dem zur EM neu vorgestellten Anzug der Firma Arena über 400 Meter Freistil. Das war auch sonst eine interessante Geschichte. Denn sie nahm den Rekord der Französin Laure Manaudou. Und von der hatte sie zuvor schon etwas anderes übernommen: deren Freund Luca Marin.

Nach dem Ende der Affäre zwischen dem französischen Star und dem italienischen Schwimmkollegen waren übrigens Fotos im Internet aufgetaucht, auf denen die Manaudou nicht etwa den neuen Schwimmanzug anhat; auch sonst trägt sie nicht viel, genau genommen gar nichts. Worauf man in Frankreich sofort den Exfreund als Fremd-Exhibitionisten verdächtigte. Es war ein hübscher kleiner Skandal, natürlich ohne Aufklärung. Vielleicht wäre es da eine brauchbare Maßnahme - zur Chancengleichheit für alle und zur Skandalvermeidung für einige wenige -, wenn Schwimmer beim Schwimmen von vornherein gar nichts trügen? Aber das ist natürlich ein viel zu anzüglicher Vorschlag.



Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 30
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

 
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