Tour de France

Schrammen für Team Milram

Von Rainer Seele, Perpignan

08. Juli 2009 Der Oberkörper von Markus Fothen war von einigen Striemen überzogen, sein Sturz am Dienstag hat deutliche Spuren hinterlassen. Er habe sich ein wenig die Brust verbrannt, sagte eher lapidar Gerry van Gerwen, der niederländische Chef des Teams Milram. Aber die blutigen Schrammen waren nicht die einzige Folge des Missgeschicks von Fothen. Im einzigen deutschen Radrennstall der ersten Kategorie hatte dieser Zwischenfall beim Teamzeitfahren der Tour de France für beträchtliche Missstimmung gesorgt – jedenfalls kurz nach dem Malheur.

Vor allem Linus Gerdemann war sehr wütend, er schimpfte lautstark, er kritisierte auch seine Kollegen. „Wir hatten uns vorgenommen, keine Risiken einzugehen“, sagte er. Aber dann war es doch anders gekommen, und Gerdemann führte das darauf zurück, dass „wir wohl unsere Emotionen nicht im Griff hatten“. Dass der Plan nicht aufgegangen war, störte ihn erheblich, er sagte: „Mich wurmt das.“ Schließlich war der Münsteraner, der Kapitän der deutschen Equipe, durch dem missratenen Auftritt seines Teams weit zurückgeworfen worden bei der Tour – Gerdemann hatte danach zu den Besten, Fabian Cancellara und Lance Armstrong, schon einen Rückstand von mehr als drei Minuten (siehe: Tour de France: Gesamtwertung). Am Mittwoch veränderte sich an dieser Situation in der Gesamtwertung nichts beim Etappensieg des Franzosen Thomas Voeckler, der nach einer Einzelflucht einen Vorsprung von sieben Sekunden vor dem Hauptfeld mit Mark Cavendish an der Spitze ins Ziel rettete. Der Milram-Sprinter Gerald Ciolek erreichte im Sprint der Verfolger immerhin noch einen ehrenwerten fünften Rang. (siehe: FAZ.NET-Tour-de-France-Liveticker)

Gebeuteltes Team: Milram beim unglücklichen Mannschaftszeitfahren
Gebeuteltes Team: Milram beim unglücklichen Mannschaftszeitfahren

„Es war Pech“

Nach diesen eher durchwachsenen ersten fünf Tourtagen ist natürlich noch nichts verloren für den Mann, dem bei Milram die größten Aussichten im Gesamtklassement zugeschrieben werden. Er komme in etwa für Platz 15 in Frage, sagt van Gerwen. Und Gerdemann behauptet, dass auch nach dem Rückschlag vom Dienstag noch einiges zu erreichen sei. „Es ist noch viel drin“, sagte er, „es sind noch Sekundenspiele.“ Allerdings muss Gerdemann sich nun auf deutlich schwierigere Zeiten einstellen. Am Dienstag war nicht nur Fothen zu Fall gekommen, drei weitere Fahrer des Teams Milram gingen ebenfalls zu Boden.

„Es war Pech“, sagte van Gerwen. Die Dissonanzen zumindest sollen inzwischen ausgeräumt sein, die Sache wurde angeblich abends im Hotel geregelt. Der angriffslustige Gerdemann habe, gewissermaßen als Entschuldigung, eine Flasche Wein ausgegeben, erzählt van Gerwen, große Diskussionen habe es danach nicht mehr gegeben.

Gerdemanns Zuversicht

Gerdemann ist die Galionsfigur beim Team Milram, er war wie der Sprinter Gerald Ciolek vom Team Columbia geholt worden. Mit den beiden sowie mit mehreren Profis vom untergegangenen Team Gerolsteiner wollte Milram sich ein deutsches Gesicht geben. Und selbstredend einen sauberen Anstrich. Sportlich allerdings erfüllten sich die Erwartungen nicht wie gewünscht, Gerdemann beispielsweise erlebte bei der Tour de Suisse eine Enttäuschung. Danach versuchte er, auf Mallorca zu regenerieren, angeblich gelang ihm das auch. Jedenfalls sagte er, dass er mit „großer Zuversicht“ zur Tour gereist sei.

Gerdemann will sich dort erstmals wirklich „drei Wochen am Stück“ belasten und „Tag für Tag in den roten Bereich gehen“. Er hat dafür, wie er sagt, „ernährungstechnisch die Schraube angezogen“, doch über sein genaues Körpergewicht will sich der sehr schmal wirkende Radprofi nicht auslassen – als würde er mit solchen Details seiner Konkurrenz wichtige Informationen verraten. Genauso zurückhaltend verhält sich der Mann, der im Jahr 2007 in den Farben von T-Mobile einen Etappensieg bei der Tour errungen und einen Tag lang das Gelbe Trikot getragen hatte, bei der exakten Beurteilung seiner Tour-Chancen 2009 – er wolle, sagt Gerdemann, keine „Wünsche und Zahlen raushauen“.

Für das Team Milram geht es um die Zukunft

Sein Team verfolgt in diesen Tagen auf alle Fälle eine Doppelstrategie, es möchte auf die Bedürfnisse von Gerdemann eingehen, doch gleichzeitig soll Ciolek nicht vernachlässigt werden. Van Gerwen schwant, dass er sein Team damit einem tückischen Balanceakt aussetzen könnte, schließlich erfordert dieses Konzept einen hohen Kraftaufwand von Helfern wie Christian Knees. Die Anforderungen könnten manchen überfordern, van Gerwen sieht darin tatsächlich eine „potentielle Gefahr, das muss ich bekennen“.

Trotzdem mag der Niederländer von dieser taktischen Ausrichtung nicht abrücken. Es wäre dumm, sagt er, die Qualitäten von Gerdemann und Ciolek nicht zu nutzen. Immerhin geht es für das Team Milram auch in diesem Sommer um die Zukunft. Der Hauptsponsor, die Bremer Nordmilch AG, will das Engagement im Profiradsport auch nach der Tour 2009 auf den Prüfstand stellen, obwohl der Vertrag mit van Gerwen bis 2010 läuft. Vorläufig scheint der Geldgeber mit den Protagonisten im Sattel zufrieden zu sein. Die Investition rentiere sich, heißt es, die Präsenz in den Medien war nach einer Berechnung der Marketingexperten von Nordmilch im Jahr 2008 insgesamt 50 Millionen Euro wert. In dieser Saison wird ein ähnliches Ergebnis erwartet. Es muss sich ja auch nicht immer um Nachrichten über verwundete oder verärgerte Radprofis handeln.

Etappensieg für Thomas Voeckler: Das Feld war sieben Sekunden zu spät
Etappensieg für Thomas Voeckler: Das Feld war sieben Sekunden zu spät

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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