11. Oktober 2006 Nach meinem ersten Sieg in einem 25.000-Dollar-Turnier in Sofia, Bulgarien, ging es in einem wahren Horrortrip weiter nach Madrid, zu einem Turnier, dessen Vorstellung von einem geeigneten Bodenbelag für Tennismatches eindeutig noch einmal überdacht werden muß.
Dann stand die Hallensaison vor der Tür. Diese wird traditionell mit dem WTA-Turnier in Luxemburg (650.000 Dollar) eröffnet, das ich allerdings nicht wahrnehmen konnte aufgrund meines löblichen Aufenthalts in Madrid. Somit stand für mich der Porsche-Grand-Prix in Stuttgart (früher Filderstadt) als nächstes auf der Liste. Ebenfalls mit 650.000 Dollar und einem Porsche als Sahnehäubchen dotiert, so daß für mich und meine Weltranglistenplazierung unvermeidbar eine Wildcard vonnöten war.
Erbittert geführtes Fußballmatch
Dank meiner mehr oder minder erfolgreichen Saison konnte ich Barbara Rittner, unserer Fed-Cup-Chefin, das Versprechen für eine Teilnahme an der Qualifikation des prestigeträchtigen Turniers abgewinnen. Sie lud dann auch zu einem Vorbereitungslehrgang nach Stuttgart-Stammheim, bei dem die in China angetretene Fed-Cup-Mannschaft ebenso anwesend war wie weitere Kandidatinnen für die verbliebenen Wildcards. Dienstag war Anreise, und Samstag sollte die Qualifikation in Stuttgart beginnen.
Schon am ersten Trainingstag mußten die meisten von uns auf ihre körperlichen Reserven zurückgreifen - allerdings nicht, weil das Training so anstrengend war, sondern weil wir auf die glorreiche Idee kamen, ein Fußballmatch auszutragen, das letztendlich länger als eine Stunde dauerte und bei dem erbitterter und motivierter gekämpft wurde, als man es je auf dem Tennisplatz gesehen hatte.
Leben oder Sterben
Nach diesem Kampf ging es am folgenden Tag Schlag auf Schlag weiter, und nach etwa fünf Stunden Training klang auch dieser mit einem hart umkämpften Fußballmatch aus, dessen einzige Devise hieß: Leben oder Sterben. Die Trainingstage waren begleitet von gemeinsamen Mahlzeiten, einem Kinobesuch und einheitlicher Begeisterung für gewisse Lieder trotz unterschiedlicher Geschmäcker.
Auch sonst wurde alles getan, um die Einheit der altersmäßig stark durcheinandergewürfelten Truppe zu wahren, und an Harmonie mangelte es wahrlich nicht in diesen Tagen. Das wurde spätestens beim ersten Match von Kathrin Wöhrle offenbart, die unglücklicherweise einen sehr frühen Auftritt hatte, was uns allerdings nicht davon abhielt, das Match lautstark und anfeuernd zu verfolgen.
Unglückliche Auslosung: Sybille Bammer
Donnerstags konnten wir schließlich zu Trainingszwecken in die neue Porsche-Arena, deren gleißendes Licht zu literweise Schweißverlust führte - aufgrund der Hitze, aber auch aufgrund der Nervosität, welche die Vorstellung des zukunftsnahen Auftritts begleitete. Mit Platz für 4500 Zuschauer war es sicherlich einer der größeren Plätze, auf denen ich bis jetzt spielen durfte. Mit der Eingewöhnungsphase kamen auch die Auslosung und der Umzug ins riesige Hotel, wobei der Umzug das eindeutig positivere Erlebnis war.
Ich fühlte mich fit, meine Schläge fühlten sich gut an, und auch mein Selbstbewußtsein war stabil, so daß ich mir Chancen auf einen Sieg ausrechnete. Allerdings hat Tennis immer auch etwas mit Glück zu tun, und wenn es einem nicht hold ist, dann kann es ganz schön schwer werden. So war denn auch die Auslosung gegen die Österreicherin Sybille Bammer, die an Position 50 der Weltrangliste notiert ist, nicht die glücklichste, dennoch war ich zuversichtlich und pochte darauf, daß man gegen jeden eine Chance habe. Am Samstag war es soweit, und ich war gar nicht aufgeregt. Es war wirklich seltsam, ich verspürte überhaupt keine Nervosität, zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, mit welcher Wucht sie mich später heimsuchen sollte. Ich aß, ich las und ging auch sonst ganz normal meinen Ritualen nach, die ich vor Matches zu tun pflege - und während der ganzen Zeit war ich nicht nervös.
Alle Hormone wurden auf einen Schlag ausgeschüttet
Selbst während der fünf Minuten Einspielzeit fühlte ich mich locker und gelassen. Ich hatte Aufschlag gewählt, und nach dem Einspielen stand ich bereit, um das Match zu eröffnen. Nun gibt es die Tradition auf großen Turnieren, daß der Schiedsrichter kurz vor dem ersten Aufschlag die Spielerin fragt: Ready?, um dann den Auftrag zu geben: Play! Als dieses Wort ertönte, ging mein bis dahin gemächlich vor sich hin schlagender Puls auf real 170 und gefühlte 350 Schläge pro Minute, alle Hormone, die es gibt, wurden auf einen Schlag ausgeschüttet, der Schweiß rann mir in die Augen, so daß ich nicht aufschlagen konnte und mir das Handtuch bringen lassen mußte. Wenn ich die Augen schloß, zitterten sogar meine Lider. Kurzzeitig kam mir der Gedanke, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten, wegen heimlicher Zuführung von Drogen, aber schnell wurde mir klar, daß ich den Schuldigen in mir selbst suchen mußte.
Dies alles waren nicht gerade die besten Voraussetzungen, um ein solides, ruhiges, konzentriertes Tennisspiel zu absolvieren, und dementsprechend war das Ergebnis. 2:6, 4:6 - auch wenn man sagen muß, daß das Match im zweiten Satz deutlich an Niveau gewann, daß ich fast ebenbürtig war und daß es letztlich am Aufschlag scheiterte.
Unterschiede zwischen Profitennis und Profitennis
Ich nahm zwei Erkenntnisse mit heim nach Darmstadt. Zum einen weiß ich nun, daß es genau diese Turniere sind, die ich in Zukunft spielen möchte. Es gibt Unterschiede zwischen Profitennis und Profitennis, und ich möchte eindeutig das höhere Profitennis mit meiner Gesellschaft beglücken.
Zum anderen wurde mir noch eine Sache klar: Ich werde ganz sicher nie versuchen, mit Drogen ein Tennismatch zu bestreiten.
Die Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic hat nach dem Abitur in diesem Frühjahr den Versuch gewagt, auf die Profitour zu gehen. Nach ihrem Sieg beim 25 000-Dollar-Turnier in Sofia rückte die 19 Jahre alte frühere deutsche Jugendmeisterin auf Position 260 der Weltrangliste vor. Damit hat sie sich innerhalb von vier Monaten um 116 Plätze verbessert. Im Sportteil der Rhein-Main-Zeitung berichtet sie regelmäßig über ihr neues Leben, zuletzt am 6. September unter der Überschrift: Licht am Ende des Tunnels.
Text: F.A.Z. / Rhein-Main-Zeitung vom 11. Oktober 2006
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