America's Cup

Kalter Krieg

Von Michael Ashelm, Valencia

08. Februar 2010 

Der Zollbeamte im Häuschen nickt, die Schranke hebt sich. Die Fahrt geht durch den Industriehafen. Es ist wie in einem Labyrinth. Turmhoch sind links und rechts neben der Straße die Container gestapelt. Irgendwann hält der Wagen vor einem hohen Drahtzaun. Ein Gelände ist zu sehen mit einem riesigen weißen Zelt und einigen provisorischen Unterkünften: das Segelcamp. Vor dem Eingang steht die Guardia Civil. Wer auf die Basis von BMW Oracle Racing möchte, braucht eine Sondergenehmigung und muss den Aufpassern schriftlich zusichern, das Gesehene nicht an Dritte weiterzugeben. Die letzten Vorbereitungen für das denkwürdige Duell beim America's Cup vor Valencia werden höchst diskret getroffen.

Russell Coutts spricht vom „Kampf der Titanen“. Der neuseeländische Segelheld ist der Geschäftsführer des amerikanischen Teams. Der Gegner kommt aus der Schweiz, es ist der Titelverteidiger Alinghi. Bei den beiden Yachten handelt es sich um die schnellsten Rennmaschinen, die jemals im America's Cup gesegelt sind. Sie haben gigantische Ausmaße und verfügen über ein futuristisches Design.

Noch ruht der See: Die Alinghi bereitet sich auf den America's Cup vor
Noch ruht der See: Die Alinghi bereitet sich auf den America's Cup vor

Aber nicht nur das befeuert den Wettbewerb: In der mehr als 150 Jahre langen Historie des weltweit wichtigsten Segelwettbewerbs gab es keine Ausgabe, bei der sich die Konkurrenten schon vorher eine so erbitterte Schlacht geliefert haben. Gestritten wird bis zum heutigen Tage vor dem zuständigen New Yorker Gericht, zuletzt um so grundsätzliche Dinge wie Austragungsort und Termin. Ein Vermittlungsangebot des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees wurde schon abgelehnt. Zwei Jahre rangen die Juristen beider Mannschaften um jeden noch so kleinen Vorteil; es ging um Materialfragen, Konstruktionsformeln und Klauseln.

Argwöhnisch gehen sich beide Teams aus dem Weg

Die tiefe Feindschaft wird sich bei den Rennen in der nächsten Woche fortsetzen. Gewonnen hat die Crew, die zwei Rennen für sich entscheiden kann. Montag, Mittwoch und Freitag sind als Renntage angesetzt worden. Weiterer Streit ist programmiert. Dieser America's Cup wird als Periode des Kalten Krieges in die Geschichte eingehen. „Wir hätten es uns anders gewünscht. Aber leider wollte die andere Seite nicht“, behauptet Coutts.

Argwöhnisch geht man sich aus dem Weg. Beim ersten offiziell angesetzten Trainingsrennen am vergangenen Mittwoch segelten die Rivalen in unterschiedliche Richtungen und absolvierten ihre Tests jeweils außerhalb der Sichtweite des anderen. Die Atmosphäre ist vergiftet. Man provoziert, versucht die Gegenseite zu verunsichern und droht immer wieder mit den Rechtsanwälten. Unversöhnlich stehen sich die Milliardäre Larry Ellison aus den Vereinigten Staaten und Ernesto Bertarelli aus der Schweiz gegenüber.

Eine leere Vitrine - nur für diesen einen Silberpokal

Als Sugar Daddies stehen sie finanziell hinter den Kampagnen. Zweimal schon ist Ellison sportlich im America's Cup gescheitert. Der zweimalige Triumphator Bertarelli hat ihn deshalb schon als „Verlierer“ verhöhnt. Umso leidenschaftlicher versucht der Oracle-Gründer, endlich sein Ziel zu erreichen. Er segelt zwar nicht auf dem monströsen Trimaran seines Teams mit - es wäre für den 65 Jahre alten Segelfreund wohl zu gefährlich -, aber er will endlich in den Besitz der Trophäe kommen.

In den Gemächern seiner fast 140 Meter langen Motoryacht, die er in Valencia seinem Widersacher Bertarelli direkt gegenüber der Alinghi-Basis vor die Nase gesetzt hat, gibt es eine leere Vitrine, die nur für diesen einen Silberpokal vorgesehen ist. Eine andere offene Rechnung hat Ellisons erfahrener Vollstrecker Coutts zu begleichen. Ihn hatte Bertarelli einst bei Alinghi hinausgeworfen und per Dekret zur unerwünschten Person im America's Cup erklärt. Das hat die neuseeländische Segellegende ihm nie verziehen.

„Das war der schwierigste Job, den ich je hatte“

Etwas wahnsinnig wirkt das Spektakel schon. Die absurden Streitigkeiten lähmten zwar den America's Cup für einige Zeit und sorgten in der Segelwelt für eine Depression, doch gleichzeitig begann ein Spiel ohne Grenzen. Nicht wie sonst entscheiden riesige Marketingbudgets großer Konzerne über den Wert einer Sportveranstaltung, sondern vor allem die pure Segelleidenschaft zweier Egos. Zusammengerechnet mehrere hundert Millionen Euro haben Bertarelli und Ellison in die Entwicklung ihrer Boote gesteckt.

Das Kräftemessen ist ein Wettbewerb der genialen Ideen. Die weltbesten Segeltechniker und Segeldesigner rangen auf beiden Seiten um die vermeintlich perfekte Lösung. Immer wieder mussten die Boote modifiziert werden, weil sich aufgrund von Gerichtsentscheidungen die Sachlage für das Feintuning veränderte. Einige hunderttausend Arbeitsstunden stecken in den Karbonyachten. Hinzu kam die permanente Ungewissheit, ob es überhaupt zu dem Aufeinandertreffen kommen würde. „Das war der schwierigste Job, den ich je hatte“, sagt Alinghi-Chefdesigner Rolf Vrolijk. „Aber dafür konnten wir uns richtig austoben.“

70 Meter langer, aerodynamisch geformter Flügelsegel

Vierzig Bootsbauer und zwanzig Designer arbeiteten für das Projekt der Schweizer, vergleichbar groß war der Aufwand beim Gegner. Um an ihr Ziel zu kommen, verfolgen beide Teams ganz unterschiedliche Konzepte: Bertarelli setzt aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in seinem Heimatrevier auf dem Genfer See auf einen zwar übergroßen, aber filigraneren Katamaran, während Ellison ein schweres Ungetüm auf drei Rümpfen konstruieren ließ.

Das Spektakulärste an seiner Yacht ist das 70 Meter lange, aerodynamisch geformte Flügelsegel, das wie die Tragfläche eines Flugzeugs funktioniert. Mit acht beweglichen Klappen soll der Flügel stets optimal auf Windveränderungen einzustellen sein. „Wir haben die Welt der Luftfahrt mit der des Yachtsports zusammengeführt“, heißt es bei BMW Oracle Racing. Der australische Steuermann James Spithill hat extra einen Pilotenschein gemacht, um ein besseres Gefühl für die neue Art des Segelns zu bekommen.

„Man muss bei diesen Monstern auf alles gefasst sein“

Jedes Boot hat seine Vorteile: die „Alinghi 5“ wohl eher bei leichteren Winden bis 8 Knoten (14 Kilometer pro Stunde), die „BOR 90“ der Amerikaner bei stärkerer Brise von mehr als 15 Knoten (28 Kilometer pro Stunde). Gesegelt wird am ersten Tag 20 Seemeilen (37 Kilometer) gegen den Wind und dieselbe Strecke zurück bis ins Ziel. Am zweiten Tag fällt die Entscheidung auf einem Dreieckskurs; jeder Schlag ist 13 Seemeilen (24 Kilometer) lang. Die Designer glauben, dass mit diesen Mehrrümpfern (Multihull) bei passendem Wind und wenig Wellen Geschwindigkeiten bis zu 80 Kilometer in der Stunde erreicht werden können.

Ein gefährlicher Ritt über das Wasser: An den Booten zerren enorme Kräfte, auf dem Rigg (Segel und Mast) können 100 Tonnen lasten. Leistungsstarke Dieselmotoren sorgen deshalb für eine Unterstützung der menschlichen Muskelarbeit. Per Knopfdruck werden erstmals beim America's Cup Winden bewegt und Segel dichtgeholt. Nehmen die Yachten richtig Fahrt auf, heben sie ab und zischen nur noch auf einer schmalen Kufe über das Wasser. Die Crew steht dann zehn bis 15 Meter in der Luft. Nicht auszudenken, wenn ein Boot über sein Limit gefahren würde, zerbräche oder sich überschlüge. „Man muss bei diesen Monstern auf alles gefasst sein“, sagt Nils Frei, Trimmer bei Alinghi. Wie jeder seiner Kollegen an Bord trägt er ein Messer am Körper, um sich im Notfall befreien zu können.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Medikamente günstig einkaufen Preisvergleich für Medikamente und Apotheken-Produkte. Mehr als 90 Apotheken im Vergleich.Verlagsinformation

Medikamente günstig einkaufen Preisvergleich für Medikamente und Apotheken-Produkte. Mehr als 90 Apotheken im Vergleich.

Kommt ein Katamaran geflogen: Alinghi über den Alpen

Seefahrer-Romantik beim America's Cup? Die ganze Zeit auf dem Wasser? Von wegen: Ein Boot kam am Haken eines Helikopters ans Mittelmeer, das andere im Bauch eines Frachtschiffes. Andererseits: Wir fahren ja auch mit dem Auto zum Joggen. Von Michael Ashelm

Mit diesem Boot will BMW Oracle Racing beim America's Cup antreten

Vom 8. Februar an soll vor Valencia auf Mehrrumpfbooten in maximal drei Rennen der sportliche Sieger ermittelt werden. Doch die Atmosphäre vor dem Start zum 33. America's Cup wird immer gereizter. Es gibt noch viele offene Fragen. Von Michael Ashelm, Valencia

Das schrägste Segelrennen aller Zeiten: Wenn Alinghis Kat und...

Nur fünf Wochen sind es noch, bis vor Valencia die Rennen um den 33. America's Cup beginnen sollen. Eine Seeschlacht steht bevor, ein Duell wie noch keines zuvor. Wir blicken ins Innere eines America's-Cup-Syndikats, staunen zutiefst und erschauern. Von Walter Wille

Trainieren für Valencia: Die Alinghi im Heimatrevier auf dem Genfer See

Nach der juristischen Schlacht kommt es im America's Cup nun vor Valencia zum Showdown der Segelgiganten. Dafür konstruieren Alinghi und BMW Oracle die schnellsten Boote der Welt. Von Michael Ashelm

BMW Oracle hat ein 57 Meter hohes Tragflächensegel auf seinen Trimaran gestellt

Die beiden Akteure im America's Cup ziehen alle Register - juristisch, technisch. Alles scheint möglich. Gerade verblüfft BMW Oracle die Segelwelt und zaubert in San Diego ein gigantisches Tragflächensegel hervor. Was kommt noch? Von Walter Wille

Endlich in ruhigem Gewässer? Alinghi beim Segeln im Persischen Golf

Am Persischen Golf, vor der Ostküste Australiens oder doch wieder vor Valencia. Der juristische Streit der Segler um das richtige Revier für den America's Cup hat bereits rund 50 Millionen Euro gekostet. Von Michael Ashelm

Umstrittenes Revier: Alinghi bevorzugt den Persischen Golf, BMW Oracle hat Angst vor dem Iran

So wird der America's Cup eher zu einem Gerichtsmarathon als zu einen Wettstreit auf dem Wasser: Der Segelrennstall BMW Oracle Racing reichte bereits seine achte Klage gegen Titelverteidiger Alinghi ein.

“Ein Alternativ boot gibt es nicht“: Die amerikanische “BOR 90“ vor San Diego

Ein Trimaran mit einem 56 Meter hohen Mast soll „die schnellste Rennyacht auf dem Planeten“ sein. Doch pure Geschwindigkeit reicht womöglich diesmal nicht für BMW Oracle. Denn der nächste Gang vor Gericht gegen Alinghi droht. Von Jürgen Kalwa, San Diego

Unwetterwarnung: Die Segelbranche hat nicht nur mit der Rezession schwer zu kämpfen

Ausgebremst von der Wirtschaftskrise und von eigenen Fehlern, kämpfen die Hightech-Segler darum, an die einstige Aufbruchstimmung anzuknüpfen. Doch die vielleicht wichtigste Frage der Segelbranche bleibt: Kommt der America's Cup in Schwung? Von Michael Ashelm

Zerschneidet das Wasser mit bis zu 90 Kilometer pro Stunde

Von welchem Himmel ist denn das gefallen? Ein Trimaran von galaktischen Ausmaßen. Um dieses Boot zu zähmen, braucht es die besten Segler der Welt. BMW Oracle hat es für den America's Cup gebaut. Ob es jemals starten wird, ist ungewiss. Von Walter Wille

BMW-Oracle trainiert bereits mit dem Katamaran

Nach rund achtmonatigem Rechtsstreit gab der Oberste Gerichtshof von New York der Klage von BMW-Oracle gegen die von Alinghi aufgestellten America's-Cup-Regularien recht. Damit wird der nächste Cup nur zwischen diesen beiden Segelsyndikaten ausgetragen.

Die Segler befürchten, dass das Team zerfallen könnte

Der Sturm um den America's Cup erreicht nun auch die deutschen Segler - es droht die Auflösung der Crew des „Team Germany“ um Jochen Schümann. Internet-Milliardärs Ralph Dommermuth will die Verträge mit den Seglern auslaufen lassen. Von Michael Ashelm