Der Zollbeamte im Häuschen nickt, die Schranke hebt sich. Die Fahrt geht durch den Industriehafen. Es ist wie in einem Labyrinth. Turmhoch sind links und rechts neben der Straße die Container gestapelt. Irgendwann hält der Wagen vor einem hohen Drahtzaun. Ein Gelände ist zu sehen mit einem riesigen weißen Zelt und einigen provisorischen Unterkünften: das Segelcamp. Vor dem Eingang steht die Guardia Civil. Wer auf die Basis von BMW Oracle Racing möchte, braucht eine Sondergenehmigung und muss den Aufpassern schriftlich zusichern, das Gesehene nicht an Dritte weiterzugeben. Die letzten Vorbereitungen für das denkwürdige Duell beim America's Cup vor Valencia werden höchst diskret getroffen.
Russell Coutts spricht vom Kampf der Titanen. Der neuseeländische Segelheld ist der Geschäftsführer des amerikanischen Teams. Der Gegner kommt aus der Schweiz, es ist der Titelverteidiger Alinghi. Bei den beiden Yachten handelt es sich um die schnellsten Rennmaschinen, die jemals im America's Cup gesegelt sind. Sie haben gigantische Ausmaße und verfügen über ein futuristisches Design.
Aber nicht nur das befeuert den Wettbewerb: In der mehr als 150 Jahre langen Historie des weltweit wichtigsten Segelwettbewerbs gab es keine Ausgabe, bei der sich die Konkurrenten schon vorher eine so erbitterte Schlacht geliefert haben. Gestritten wird bis zum heutigen Tage vor dem zuständigen New Yorker Gericht, zuletzt um so grundsätzliche Dinge wie Austragungsort und Termin. Ein Vermittlungsangebot des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees wurde schon abgelehnt. Zwei Jahre rangen die Juristen beider Mannschaften um jeden noch so kleinen Vorteil; es ging um Materialfragen, Konstruktionsformeln und Klauseln.
Die tiefe Feindschaft wird sich bei den Rennen in der nächsten Woche fortsetzen. Gewonnen hat die Crew, die zwei Rennen für sich entscheiden kann. Montag, Mittwoch und Freitag sind als Renntage angesetzt worden. Weiterer Streit ist programmiert. Dieser America's Cup wird als Periode des Kalten Krieges in die Geschichte eingehen. Wir hätten es uns anders gewünscht. Aber leider wollte die andere Seite nicht, behauptet Coutts.
Argwöhnisch geht man sich aus dem Weg. Beim ersten offiziell angesetzten Trainingsrennen am vergangenen Mittwoch segelten die Rivalen in unterschiedliche Richtungen und absolvierten ihre Tests jeweils außerhalb der Sichtweite des anderen. Die Atmosphäre ist vergiftet. Man provoziert, versucht die Gegenseite zu verunsichern und droht immer wieder mit den Rechtsanwälten. Unversöhnlich stehen sich die Milliardäre Larry Ellison aus den Vereinigten Staaten und Ernesto Bertarelli aus der Schweiz gegenüber.
Als Sugar Daddies stehen sie finanziell hinter den Kampagnen. Zweimal schon ist Ellison sportlich im America's Cup gescheitert. Der zweimalige Triumphator Bertarelli hat ihn deshalb schon als Verlierer verhöhnt. Umso leidenschaftlicher versucht der Oracle-Gründer, endlich sein Ziel zu erreichen. Er segelt zwar nicht auf dem monströsen Trimaran seines Teams mit - es wäre für den 65 Jahre alten Segelfreund wohl zu gefährlich -, aber er will endlich in den Besitz der Trophäe kommen.
In den Gemächern seiner fast 140 Meter langen Motoryacht, die er in Valencia seinem Widersacher Bertarelli direkt gegenüber der Alinghi-Basis vor die Nase gesetzt hat, gibt es eine leere Vitrine, die nur für diesen einen Silberpokal vorgesehen ist. Eine andere offene Rechnung hat Ellisons erfahrener Vollstrecker Coutts zu begleichen. Ihn hatte Bertarelli einst bei Alinghi hinausgeworfen und per Dekret zur unerwünschten Person im America's Cup erklärt. Das hat die neuseeländische Segellegende ihm nie verziehen.
Etwas wahnsinnig wirkt das Spektakel schon. Die absurden Streitigkeiten lähmten zwar den America's Cup für einige Zeit und sorgten in der Segelwelt für eine Depression, doch gleichzeitig begann ein Spiel ohne Grenzen. Nicht wie sonst entscheiden riesige Marketingbudgets großer Konzerne über den Wert einer Sportveranstaltung, sondern vor allem die pure Segelleidenschaft zweier Egos. Zusammengerechnet mehrere hundert Millionen Euro haben Bertarelli und Ellison in die Entwicklung ihrer Boote gesteckt.
Das Kräftemessen ist ein Wettbewerb der genialen Ideen. Die weltbesten Segeltechniker und Segeldesigner rangen auf beiden Seiten um die vermeintlich perfekte Lösung. Immer wieder mussten die Boote modifiziert werden, weil sich aufgrund von Gerichtsentscheidungen die Sachlage für das Feintuning veränderte. Einige hunderttausend Arbeitsstunden stecken in den Karbonyachten. Hinzu kam die permanente Ungewissheit, ob es überhaupt zu dem Aufeinandertreffen kommen würde. Das war der schwierigste Job, den ich je hatte, sagt Alinghi-Chefdesigner Rolf Vrolijk. Aber dafür konnten wir uns richtig austoben.
Vierzig Bootsbauer und zwanzig Designer arbeiteten für das Projekt der Schweizer, vergleichbar groß war der Aufwand beim Gegner. Um an ihr Ziel zu kommen, verfolgen beide Teams ganz unterschiedliche Konzepte: Bertarelli setzt aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in seinem Heimatrevier auf dem Genfer See auf einen zwar übergroßen, aber filigraneren Katamaran, während Ellison ein schweres Ungetüm auf drei Rümpfen konstruieren ließ.
Das Spektakulärste an seiner Yacht ist das 70 Meter lange, aerodynamisch geformte Flügelsegel, das wie die Tragfläche eines Flugzeugs funktioniert. Mit acht beweglichen Klappen soll der Flügel stets optimal auf Windveränderungen einzustellen sein. Wir haben die Welt der Luftfahrt mit der des Yachtsports zusammengeführt, heißt es bei BMW Oracle Racing. Der australische Steuermann James Spithill hat extra einen Pilotenschein gemacht, um ein besseres Gefühl für die neue Art des Segelns zu bekommen.
Jedes Boot hat seine Vorteile: die Alinghi 5 wohl eher bei leichteren Winden bis 8 Knoten (14 Kilometer pro Stunde), die BOR 90 der Amerikaner bei stärkerer Brise von mehr als 15 Knoten (28 Kilometer pro Stunde). Gesegelt wird am ersten Tag 20 Seemeilen (37 Kilometer) gegen den Wind und dieselbe Strecke zurück bis ins Ziel. Am zweiten Tag fällt die Entscheidung auf einem Dreieckskurs; jeder Schlag ist 13 Seemeilen (24 Kilometer) lang. Die Designer glauben, dass mit diesen Mehrrümpfern (Multihull) bei passendem Wind und wenig Wellen Geschwindigkeiten bis zu 80 Kilometer in der Stunde erreicht werden können.
Ein gefährlicher Ritt über das Wasser: An den Booten zerren enorme Kräfte, auf dem Rigg (Segel und Mast) können 100 Tonnen lasten. Leistungsstarke Dieselmotoren sorgen deshalb für eine Unterstützung der menschlichen Muskelarbeit. Per Knopfdruck werden erstmals beim America's Cup Winden bewegt und Segel dichtgeholt. Nehmen die Yachten richtig Fahrt auf, heben sie ab und zischen nur noch auf einer schmalen Kufe über das Wasser. Die Crew steht dann zehn bis 15 Meter in der Luft. Nicht auszudenken, wenn ein Boot über sein Limit gefahren würde, zerbräche oder sich überschlüge. Man muss bei diesen Monstern auf alles gefasst sein, sagt Nils Frei, Trimmer bei Alinghi. Wie jeder seiner Kollegen an Bord trägt er ein Messer am Körper, um sich im Notfall befreien zu können.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS