Handball-Bundesliga

Kiel gegen Hamburg - für Revanche war kein Raum

Von Frank Heike, Hamburg

17. April 2008 Es war ein Spitzenspiel mit gedruckter Vorgeschichte. Eine dem HSV gewogene Boulevardzeitung hatte in ihrem Vorbericht aus drei Kielern Täter, aus drei Hamburgern Opfer gemacht. Der Tatort war das Pokalfinale Ende März. Da hätten die Kieler beim 32:29 überhart gespielt und in Person von Marcus Ahlm, Vid Kavtinik und Börge Lund die Hamburger Bertrand Gille, Kyung-Shin Yoon und Krzysztof Lijewski unfair attackiert.

Der Bericht war reißerisch bebildert – hielt aber nicht, was er versprach, weil die Hamburger Profis unisono sagten, das Finale sei zwar hart, aber fair gewesen. Mögen die Kieler auch eine harte Mannschaft sein, so würde keiner von ihnen je einen Gegner mit Vorsatz verletzen. Nikola Karabatic sagte: „Es ist blöd, so etwas zu schreiben. Es war immer fair zwischen uns und dem HSV, da gibt es kein böses Spiel.“

„Wer im Sport rechtet, macht etwas falsch“

Doch die Fotografien mit der Täter/Opfer-Zuordnung empörten die Kieler, und so wurde nach dem gerechten 36:36 am Mittwochabend in einem packenden und knüppelharten Spitzenspiel mehr über die vermeintliche Hamburger Stimmungsmache gesprochen als über die ausgezeichneten Möglichkeiten des THW, zum 14. Mal deutscher Meister zu werden (Siehe auch: Ergebnisse Handball).

Durch das Remis der SG Flensburg am Wochenende gegen FA Göppingen haben die Kieler einen Minuspunkt weniger als die SG und müssen ihr leichtes Restprogramm nur noch sechs Runden lang unbeschadet überstehen, um wieder zu triumphieren. Aber es ließ sich kein Kieler auf diese Rechnung ein. Das wäre ihnen viel zu überheblich. „Man kann nicht rechnen im Sport“, sagte Trainer Zvonimir Serdaruši, „wer das tut, macht etwas falsch.“ Auch der Kieler Kapitän Stefan Lövgren wollte nichts addieren, was noch aussteht: „Wenn man hochnäsig ist, verliert man jedes Spiel. Für uns heißt dieser Punkt, dass wir nun jedes Spiel gewinnen müssen.“

„Ich würde mich für so einen Kollegen schämen“

Am Mittwoch war es ein enges und sehr grimmiges Spiel zweier Teams, die ja gerade erst mit vollem Einsatz in der Champions League gespielt hatten. Hamburg suchte die letzte Chance im Meisterschaftskampf, die Kieler wollten punkten, um im Saisonfinale nicht auf einen Flensburger Ausrutscher hoffen zu müssen. Doch es blieb alles im Rahmen. Lövgren sagte: „Es war eine geile Stimmung. Das Spiel war nicht überhart, und alles, was war, ist hinterher sowieso vergessen.“

So sind sie, die Handballer. Kein Raum für Revanche. Und so legte sich an diesem aufgeheizten Abend auch irgendwann die Aufregung über das Vorspiel. Serdaruši, ohnehin kein Freund der Medien, beließ es bei einem Satz: „Wäre ich Journalist, ich würde mich für solch einen Kollegen schämen.“

HSV kämpft sich zurück und hätte fast gewonnen

Für den HSV war es die letzte große Feier der Saison. Wieder 13.000 Zuschauer wollten die Mannschaft von Martin Schwalb sehen. Und wie schon vor einer Woche in der Champions League gegen BM Ciudad Real warb das nimmermüde Team für sich. Als der THW in der 52. Minute 34:31 führte, waren die 500 Kieler Fans lauter als die Hamburger Mehrzahl. Doch der HSV kämpfte sich zurück und hätte fast gewonnen, wenn Ursic den letzten Wurf nicht vergeben hätte in einer ähnlichen Szene wie bei Guillaume Gille am vergangenen Freitag.

Die Fans dankten den Hamburgern stehend für den beherzten Einsatz in einem Spiel, das rasend schnell begonnen hatte und später nur noch ein zäher Kampf war. Es wächst etwas in Hamburg, und das Portemonnaie füllt sich auch. „Ich muss jetzt schnell nach Hause und das Geld zählen“, sagte Manager Peter Krebs.

„Wir sind ganz oben im Handball angekommen“

Etwa eine Million Euro wird der HSV aus der Champions League eingenommen haben an Prämien und Eintrittskarten. Geld, um zum Beispiel Blaenko Lackovi schon zur nächsten Serie aus Flensburg loseisen zu können. Eine andere Währung ist mindestens genauso hart wie die pekuniäre: Ansehen. „Wir sind ganz oben im Handball angekommen“, sagte Präsident Andreas Rudolph.

Endspiel im Pokal, Halbfinale in der Champions League und dritter Platz in der Bundesliga: das kann sich sehen lassen, auch wenn am Ende kein Titel herausgesprungen sein sollte. Rudolphs Ziel, 2009 Meister zu werden und 2010 die Champions League zu gewinnen, ist natürlich extrem ehrgeizig. Aber was vor zwei Jahren noch wie eine spinnerte Vision wirkte, erscheint nach dieser Saison realistisch.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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