Pascal Hens

Die Rückkehr der Kraftmaschine

Von Frank Heike, Hamburg

203 Zentimeter geballte Kraft: Pascal Hens ist zurück in den Handball-Hallen der Bundesliga

203 Zentimeter geballte Kraft: Pascal Hens ist zurück in den Handball-Hallen der Bundesliga

23. November 2008 Ja, Pascal Hens ist wieder da. 17. Minute im Spiel des HSV Hamburg gegen die SG Flensburg-Handewitt am Mittwoch: Hens rennt auf die Deckung zu, steigt hoch, schleudert den Ball an den Verteidigern vorbei in Richtung Tor. Dann sieht er nichts mehr. Weil ihn einer hält, ein anderer stößt, die ganzen 203 Zentimeter Hens knallen zu Boden, mit verdrehten Beinen landet er.

Aua.

So endet fast jeder Angriff für Pascal Hens, seit er Handball spielt. Warum sollte es an diesem Novemberabend in der Color Line Arena anders sein? Und doch hatte man gedacht, er wäre in seiner ersten Bundesligaaktion seit den Olympischen Spielen etwas vorsichtiger. Oder hatte man es nur gehofft, nachdem sich Hens in Peking den Schienbeinkopf des linken Beines gebrochen hatte und mehr als drei Monate ausfiel?

Spektakuläre Würfe und der Liebling der Fans

Hens' Spiel hat etwas Selbstzerstörerisches, und es ist doch sein Spiel, die einzige Art von Handball, die er kann: immer voll drauf, gleichgültig, ob sich das norwegische Rauhbein Johnny Jensen in den Weg stellt oder der brutale Franzose Didier Dinart. Es ist auch diese Härte gegen sich selbst, die Pascal Hens zu einem der weltbesten Rückraumspieler gemacht hat. Selbst Gegner der höchsten Kategorie haben vor ihm Respekt – oder sind froh, wenn er wegen einer Verletzung nicht spielen kann.

Bis zum Triumph bei der WM 2007 stand ein Fragezeichen hinter seinem Leistungsvermögen. Schon da war Hens wegen seiner spektakulären Würfe und seiner Frisur der Liebling der Fans. Doch ihm haftete der Makel an, gegen die Großen wenig zustande zu bringen. Eine grandiose Weltmeisterschaft ließ die letzten Kritiker verstummen - auch deswegen, weil Hens die Form mit in eine starke Rückrunde beim HSV nahm. Ein Sieg in Kiel, der Erfolg im Europapokal der Pokalsieger: 2007 war sein Jahr. Hens wurde zum Hamburger „Sportler des Jahres“ gewählt. Die Popularität wurde so groß, dass er zusammen mit dem langjährigen Berater Wolfgang Gütschow eine Vermarktungs-GmbH gründete.

„Ein paar Würstchen, Steaks, Ketchup und Brot“

Hens ist nicht nur der bekannteste deutsche Handballer, er dürfte auch der Spitzenverdiener der Liga sein. Gütschow sagt: „Pascal könnte auch von den gewerblichen Einkünften allein leben.“ Beim HSV wünschte man sich einen Klon von Hens, um auf mehreren Bühnen gleichzeitig mit ihm werben zu können.

Ein exzentrischer Pistengänger, das ist Hens trotz seines fröhlichen Naturells nie gewesen. Mit Freundin Angela Schleipfer wohnt er im beschaulichen Norderstedt; es sei einfach „entspannter außerhalb“. Wenn einige der Kollegen noch den letzten freien Parkplatz in der City suchen, hat Hens schon den Grill herausgerollt – gleichgültig welches Wetter, beim Barbecue mit vielen Steaks auf Holzkohle erholt sich der Weltmeister auf der Terrasse. Eine alte Wallauer Tradition. „Ein paar Würstchen, Steaks, Ketchup und Brot – das reicht mir“, sagt Hens zu seiner Leidenschaft.

„Früher habe ich nicht wie ein Profi gelebt“

2008 ist nicht das Jahr des 28 Jahre alten Profis. Eine mäßige EM in Norwegen. Die Verletzung in Peking beim Vorrundenspiel gegen Island. Im September wurde er operiert. Eigentlich ging der HSV von fünf Monaten Pause aus. Doch Hens schuftete für seine Rückkehr. Er ist längst ein Vorzeigeprofi geworden, auch in den stillen Stunden an den Kraftmaschinen, wenn der Tag lang und länger wird, aber kein Handball in Sicht ist. „Pascal arbeitet extrem gut, er gibt immer hundert Prozent“, sagt Oliver Voigt, der Fitnesstrainer des HSV.

Der Spieler selbst hält das für notwendig: „Früher habe ich nicht wie ein Profi gelebt. Da haben wir einmal die Woche gespielt, da ging das. Aber jetzt ist Champions League, Nationalmannschaft, Bundesliga, Pokal – da gibt es kein links und rechts mehr. Heute muss ich Verantwortung für die ganze Mannschaft übernehmen“, sagt Hens. Verzagt und auch wieder überheblich schlidderte der „beste HSV aller Zeiten“ ohne seinen Kapitän in die Krise. Gestandene Profis wie die Nationalspieler Torsten Jansen und Johannes Bitter erklärten Hens für unersetzlich.

Trainer Schwalb: „Er strahlt am ganzen Körper“

Als er nun zurückkommt, geht ein Ruck durch die ganze Mannschaft. Neun Mal wirft Hens gegen Flensburg aufs Tor, sieben Mal trifft er. Und dann diese Gesten, sie stecken die ganze Halle an: die hochgerissenen Arme, die geballten Fäuste. Sein Trainer Martin Schwalb kennt ihn ja noch aus Wallauer Zeiten, als Hens zehn Kilogramm weniger wog, man seine Fähigkeiten aber schon hochrechnen konnte. „Er strahlt am ganzen Körper, weil er endlich wieder Handball spielen darf“, sagt Schwalb.

Hens hat neben den Qualitäten als Werfer andere, die einzigartig sind beim HSV. Es war schon immer so, dass er die Mannschaft mit lockeren Sprüchen aufheitern kann. Das gelang ihm sogar, als er zuletzt an Krücken durch die Halle humpelte. Er übernimmt Verantwortung und kann sich selbst innerhalb einer Partie von schlechter Form befreien. Das nennt man mentale Stärke.

„2012 in London bin ich wieder dabei. Versprochen“

Sein Lieblingssatz war früher: „Darüber mache ich mir keinen Kopf.“ Das hört man jetzt nicht mehr. Aber der Blick nach vorn, der notorische Optimismus, der ist ihm geblieben – einen Tag nach der bitteren Verletzung in Peking sagte er: „2012 in London bin ich wieder dabei. Versprochen.“

Hens ist zurück, und die Friseure in Hamburg werden genau hingeschaut haben. Es ist ein Ritual: Alle vier Wochen geht er zu seinem Stammschneider im Stadtteil Ottensen. Dann werden die Seiten geschoren und rot, braun und blond gefärbt. Das Haupthaar zum Kamm geformt. Am Mittwoch liefen schon wieder lauter kleine Pascal-Hens-Klone durch die Halle. Die Saison kann beginnen für den HSV Hamburg.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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