Biathlon

Sven Fischer hört auf

Von Claus Dieterle

07. Mai 2007 Sven Fischer ist kein Mann der schnellen Entschlüsse. Deshalb hat sich der Biathlet aus dem Thüringer Örtchen Schmalkalden Zeit gelassen mit der Entscheidung, nun doch dem Beispiel seines Ruhpoldinger Kollegen Ricco Groß zu folgen und das Kleinkalibergewehr samt Ski in die Ecke zu stellen.

Der Schlussstrich unter eine der erfolgreichsten Karrieren in der internationalen Biathlonbranche kommt nach 15 Jahren auf höchstem Niveau nicht unerwartet: Fischer, immerhin 36 Jahre alt, hat darüber schon am Saisonende halblaut nachgedacht – und gewartet. „Die Entscheidung ist mir schwergefallen, aber mittlerweile bin ich hundertprozentig sicher, dass sie richtig ist“, sagt der viermalige Olympiasieger.

Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. Die tägliche Plackerei, das Leben aus dem Koffer sind zu Ende. Und Töchterchen Emilia-Sophie braucht am Telefon nicht mehr zu fragen: „Papa, wann kommst du nach Hause?“ Jetzt steht dem Hobby-Handwerker Fischer mehr der Sinn nach Häuslebauen – und nach Hochzeit. Freundin Doreen und ihre Tochter haben lange genug allein zurechtkommen müssen.

Mit heißen Reifen in den Kreissaal

Zur Geburt von Emilia-Sophie während der WM 2004 in Oberhof hat es Fischer mit heißen Reifen gerade noch in den Kreißsaal geschafft, um den größten Glücksmoment verschwitzt in voller Biathlon-Montur samt übergestreifter Startnummer zu erleben – kurz nach dem Verfolgungsrennen. Wenige Tage später folgte das sportliche Hochgefühl, der Staffelsieg vor 22.000 begeisterten Zuschauern in der Rennsteig-Arena.

Doch des Thüringers erklärtes Lieblings-Terrain liegt in Oslo. Am Holmenkollen hat der Norwegen-Fan zwei seiner sieben WM-Titel und neun seiner 33 Weltcupsiege errungen. Nur der ebenfalls zurückgetretene Franzose Raphael Poirée und Branchenprimus Ole Einar Björndalen haben häufiger gewonnen. Natürlich sind die vier olympischen Goldmedaillen die Glanzstücke in Fischers umfangreicher Sammlung, wobei der Olympiasieg im Sprint 2006 in Turin die Erfolge im Kollektiv noch überstrahlt.

Von der Piste zum Fernsehen

Von denen gehen im übrigen zwei auf das Konto der großen Vier, jenes treffsicheren Quartetts, das in den neunziger Jahren bei Großereignissen als Erfolgsgarant galt: Frank Luck, Peter Sendel, Ricco Groß – und Fischer, dessen Rücktritt nun das Ende einer Ära besiegelt.

Sven Fischer hat nicht nur die schönen Seiten erlebt. Er musste sich gegen Dopingvorwürfe wehren. Und gegen eine Unterschrift, die ihn als informellen Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes auswies, führte nach der Wende zur unehrenhaften Entlassung aus der Bundeswehr. Seitdem ist der zweimalige Weltcup-Gesamtsieger bei einem Thüringer Logistik-Unternehmen angestellt. Liegt dort etwa seine Zukunft? Nicht unbedingt. Fischer geht es wie fast allen Kollegen: Er kann nicht vom Biathlon lassen. Die einen werden Trainer, die anderen gehen zum Fernsehen. Fischer hat sich für letzteres entschieden. Er wird seine früheren Mitstreiter künftig als ZDF-Experte unter die Lupe nehmen.



Text: F.A.Z., 8. Mai 2007
Bildmaterial: AP, dpa

 
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