27. Februar 2007 Ein Mann rechnet ab. Aber er klärt nicht auf. Dabei wäre es doch eine günstige Gelegenheit gewesen für Jan Ullrich. Aber er brach sein langes Schweigen dann doch nur, um erst Anklage zu erheben und dann vom Aufhören zu reden, von einer Zäsur in seinem Leben. Er geißelte in der Stunde seines Abschieds all jene, die sich kritisch mit seinem Fall beschäftigen, mit den Fragen zu möglichen Verfehlungen des Tour-Siegers von 1997, zu verbotenen Praktiken im Radsport generell. Ullrich gegen alle.
Aber er ließ die Chance ungenutzt, auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen en detail einzugehen, sich mit der äußerst schwierigen Situation der Branche grundsätzlich auseinanderzusetzen. Ullrich redete eine ganze Weile - und er ließ doch vieles offen. Das war, neben seinem Rücktritt als Radprofi, das wesentliche Merkmal der ungewöhnlichen Hamburger Inszenierung.
Viele lebten mit und von der einstigen Galionsfigur
Doping? Keine Silbe darüber, als gäbe es Leistungsmanipulationen im Radsport überhaupt nicht. Eufemiano Fuentes? Kein einziger Hinweis auf den Mann, der die Schlüsselfigur in dem spanischen Dopingnetzwerk sein soll, das im vergangenen Jahr aufgedeckt wurde. Es mutete sehr seltsam an, dass Ullrich auf seiner allerletzten Etappe als Profi nicht auf die gravierenden Probleme seines Sports einging, sondern lieber von seinen neuen Partnern sprach, von Reifendichtungsmitteln für Fahrräder zum Beispiel mit einer angeblich frappierenden Wirkung: Man hat nie wieder einen Platten.
Man würde Ullrich, der sich häufig in sehr dünner Luft bewegte, natürlich unrecht tun, würde man jetzt - trotz allem - nicht auch seine Verdienste um den deutschen Radsport anerkennen. Die Zunft wuchs mit ihm, seit er Anfang der neunziger Jahre begann, das Tempo in diesem Metier entscheidend mitzubestimmen. Seine Behauptung, Deutschland sei eine der führenden Radsportnationen geworden, mag ein wenig übertrieben sein. Auf alle Fälle aber hat sich Deutschland im Laufe der Jahre beträchtliches Ansehen im Radsport erworben - und viele lebten mit und von der einstigen Galionsfigur Ullrich nicht schlecht.
Ein warnendes Beispiel
Ullrich mobilisierte dazu die Massen im Lande. Und es gehört zu den sonderbaren Erscheinungen in diesem Sport, dass nicht wenige Deutsche ihn gern wieder hätten fahren sehen, trotz des schweren Dopingverdachts. Mithin verwunderte es nicht, dass Ullrich an dem Tag, an dem er kräftig Stimmung zu machen versuchte, wortreich seinen Fans huldigte. Vermutlich sammelte er damit am Montag zumindest bei ihnen noch ein paar Pluspunkte.
Der deutsche Radsport führt - wie dieser Sport generell - einen harten Kampf um Glaubwürdigkeit, gar um die Existenzberechtigung. Aber er liegt keineswegs am Boden. Die Ära Ullrich ist beendet, an Talenten jedoch scheint es dem Radsport hierzulande nicht zu mangeln. Ihre Entwicklung aber liegt nicht nur in ihrer eigenen Hand. Sie hängt auch davon ab, ob der Radsport fähig ist, sich neu zu positionieren, sich womöglich selbst zu reinigen. Er scheint noch voller Fährnisse zu stecken. Ein Protagonist von gestern ist dadurch nun endgültig gestoppt worden. Ein lehrreiches, ein warnendes Beispiel.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS