Von Bernd Steinle
18. März 2008 Es waren Tage wie im Märchen. Viermal wurde Britta Steffen vor zwei Jahren in Budapest Europameisterin, zweimal mit Weltrekord, einmal mit Europarekord, und eine Silbermedaille mit der Lagenstaffel gab es obendrauf. Die kontinentalen Titelkämpfe gerieten zum großen internationalen Auftritt der Britta Steffen, die deutsche Schwimmszene berauschte sich an der Geburt eines neuen Stars, der unter anderem die interessante biographische Wendung mitbrachte, lange Zeit Trainingspartnerin der bisherigen Lichtgestalt Franziska van Almsick gewesen zu sein. Seither hat das öffentliche Leben der Britta Steffen in einem Maße an Fahrt gewonnen, das es manchmal kaum vorstellbar erscheinen lässt, dass die Festspiele von Budapest gerade mal zwei Jahre zurückliegen.
Nun stehen wieder Schwimm-Europameisterschaften an, diesmal in Eindhoven (Niederlande) - ohne die deutsche Vorschwimmerin. Britta Steffen kämpfte zuletzt mit hartnäckigen Schulterschmerzen, die ihren Trainingsplan immer wieder durcheinanderbrachten. Um die alles überragende Mission Olympia, "den größten Wettkampf meiner Karriere", so Steffen, nicht zu gefährden, verzichteten Trainer Norbert Warnatzsch und sie frühzeitig auf die Teilnahme in Eindhoven.
Deutsche Meisterschaften wichtiger
"Britta hat zu viele Trainingstage durch Verletzung und Erkrankung verloren", erläutert Cheftrainer Örjan Madsen. "Verständlich, dass sie jetzt jeden Tag in ihrer Vorbereitung nutzen will." Denn schon drei Wochen nach der EM steht für die deutschen Schwimmer ein ungleich wichtigerer Termin an: die nationalen Titelkämpfe in Berlin - die einzige Möglichkeit, sich für die Olympischen Spiele im August in Peking zu qualifizieren.
Das Dilemma ist für die Schwimmer nichts Neues. Da die EM alle zwei Jahre ausgetragen wird, kollidiert sie in schöner Regelmäßigkeit mit den alle vier Jahre stattfindenden Olympischen Spielen, respektive deren Qualifikationswettbewerben. Beim letzten Mal, vor vier Jahren, vertraten bei der EM in Madrid gerade mal neun Athleten die Farben des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV). In Eindhoven wird sich die Situation nicht viel anders darstellen: Obwohl achtzehn Schwimmer die von Madsen gesetzte EM-Norm erfüllt haben, umfasst das Aufgebot des DSV schlanke neun Teilnehmer - fünf Männer, vier Frauen. Die letzte Absage traf am Freitag ein, als Titelverteidigerin Janine Pietsch (SC Delphin Ingolstadt) wegen einer Bronchitis passen musste. Der Ausfall von Britta Steffen bedeutete zudem auch das EM-Aus für die Frauen-Weltrekordstaffeln von Budapest. Die einzige DSV-Staffel in Eindhoven wird nun über 4 mal 100 Meter Lagen bei den Männern antreten.
Sich der Konkurrenz stellen
Natürlich, sagt Madsen, sei die EM grundsätzlich ein wichtiger internationaler Wettkampf, wichtig genug jedenfalls, um ihn nach Möglichkeit auch wahrzunehmen. Zumal seit dem Einbruch der deutschen Schwimmer bei der WM 2007 in Melbourne das Stichwort Wettkampfhärte ganz oben steht auf der Prioritätenliste des Norwegers. Dennoch sagt er: "Wir haben Athleten und Trainern die Freiheit gelassen, selbst einzuschätzen, wie der Wettkampf in das Trainingskonzept passt." Und in dieser Frage seien manche "von der Realität überholt" worden: durch Krankheiten, Verletzungen oder gar Operationen, wie im Fall Antje Buschschulte.
Den Trainingsrückstand wieder aufzuholen schien da vielen Athleten ratsamer, als eine EM zu bestreiten, für deren spezifische Vorbereitung sowieso keine Zeit blieb - denn die wäre kontraproduktiv gewesen für das Leistungsvermögen bei der Olympia-Ausscheidung in Berlin. Trotz der Zwickmühle verhehlt Madsen nicht, dass er sich gewünscht hätte, wenn "mehr Spitzenschwimmer die Gelegenheit zum Start in Eindhoven wahrgenommen hätten" - und sei es nur, um sich der Konkurrenz zu stellen. Doch viele Heimtrainer wollten offenbar kurz vor der Olympia-Qualifikation kein Risiko mehr eingehen.
Großaufgebote anderer europäischer Nationen
Für die wenigen beteiligten deutschen Olympia-Kandidaten gerät die EM zur reinen Standortbestimmung. "Wir erwarten in Eindhoven keine Top-Leistungen", sagt Madsen. "Wichtig für die Athleten ist, herauszufinden, wie gut sie in der Lage sind, unter diesen Bedingungen, aus vollem Training und fast ohne Vorbereitung, das rauszuholen, was im Körper drinsteckt." Und sich damit gegen die europäischen Top-Schwimmer zu behaupten, die, anders als die DSV-Delegation, zum Teil in Großaufgeboten anrücken - 42 Athleten etwa schickt allein Italien in Eindhoven ins Rennen.
Die zarten Hoffnungen des DSV ruhen nicht zuletzt auf dem einzig verbliebenen deutschen Titelverteidiger bei der EM 2008, dem Rückenspezialisten Helge Meeuw (SG Frankfurt), der seinen Start am Dienstag wegen Krankheit allerdings absagen musste. Angesichts dieser Voraussetzungen scheint eines schon jetzt klar: Weitere märchenhafte Tage für den DSV sind bei der EM in Eindhoven kaum zu erwarten.
Text: F.A.Z., 18.03.2008, Nr. 66 / Seite 28
Bildmaterial: dpa
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