17. Oktober 2008 Rodrigo Pessoa hat nur das Wohl des Pferdesports im Sinn, behauptet er. Deswegen verzichtet er darauf, am höchstdotierten Springturnier der Welt teilzunehmen, das in diesen Tagen in seiner brasilianischen Heimat in São Paulo abgehalten wird. Pessoa will anscheinend vermeiden, dass jemand denkt, die führenden Springreiter galoppierten nur dem Geld hinterher und scherten sich nicht um ihre Vorbildfunktion.
Allerdings kommt der Olympiasieger von 2004 ein bisschen spät auf diesen Gedanken. Denn wer bereits im Graben liegt, kann kaum mehr überzeugend über Sturzvermeidungsstrategien referieren. Und wer einen so rasanten moralischen Abstieg hinter sich hat wie der Südamerikaner, sollte sich nicht mehr als Imagepfleger des Springreitens hinstellen.
Verhältnismäßig hohe Strafe für eine verbotene Medikation
Pessoa hat bewiesen, dass ihm die Aussicht auf einen Anteil am Preisgeld von São Paulo (insgesamt geht es um 1,8 Millionen Euro) wichtiger ist als das Ringen des Welt-Reiterverbandes um einen sauberen Sport. Dass er keinen Respekt vor den Regeln hat und sich ihnen nicht unterwerfen will. Für die Anwendung einer scharfen Salbe bei seinem Pferd Rufus während des olympischen Turniers in Hongkong ist er vom Verbandsgericht bis zum 10. Januar 2009 gesperrt worden.
Damit erhielt er zwar eine verhältnismäßig hohe Strafe für eine verbotene Medikation. Man kann aber trotzdem sagen, dass er glimpflich davongekommen ist. Das Mittel, das er – wie drei andere, darunter der Deutsche Christian Ahlmann – angewandt hatte, kann nämlich nicht nur zur Linderung von Rückenschmerzen eingesetzt werden, sondern auch zur Hypersensibilisierung der Pferdebeine. Dies unterstellt, hätte er wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt werden müssen.
Pessoa aber ist sein eigener Chef - und nicht nur das
Pessoa kann also eigentlich froh sein über den Richterspruch von Lausanne. Und das wäre er vielleicht sogar, verpasste er dadurch nicht das Turnier in São Paulo, das von der in Brasilien verheirateten Milliarden-Erbin Athina Onassis reich ausgestattet wird. Weil er das nicht versäumen wollte, zog Pessoa in Rio de Janeiro vor ein nationales Gericht und erstritt dort die Starterlaubnis. Hätte nicht der Weltverband mit massiven Konsequenzen gedroht, wäre er also in Sao Paulo geritten.
So wie der Wiesbadener Daniel Deusser, der sich schon seit vielen Monaten den Konsequenzen eines Medikationsfalls entzieht. Deusser lässt sich von seinem Chef Jan Tops leiten, einem niederländischen Pferde-Unternehmer, der in São Paulo das Finale seiner großrahmigen Global Champions Tour austrägt.
Pessoa aber ist sein eigener Chef. Und nicht nur das. Er ist Präsident des Internationalen Springreiterklubs, der Interessenvertretung aller Spitzenleute im Springsattel. Und er ist Aktivensprecher im Springausschuss der Internationalen Reiterlichen Vereinigung. Pessoa ist eine der wichtigsten Führungsfiguren im Springreiter-Zirkel, der traditionell ums Geld rotiert, sich aber gerne als naturnah und pädagogisch wertvoll präsentiert. Geldgierige und egozentrische Springreiter? Es leben die alten Vorurteile!
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp