05. September 2006 Das Leben eines Tennisprofis ist so schön. Man reist von Land zu Land, von Sonne zu Sonne, von einem Luxushotel ins nächste, spielt ein wenig Tennis, verdient Unmengen Geld und lebt ansonsten ein glückliches Leben . . . und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Die Realität eines Tennisprofis, der gerade am Anfang steht, sieht leider völlig anders aus.
Meine Realität ist zur Zeit das triste Leverkusen, das in der Zahl der Regenschauer in Deutschland sicherlich ganz vorne liegt und auch ansonsten nicht viel Schönes zu bieten hat, sofern man sich nicht für Industrie und Bayer begeistert. Dieser Ort ist also das Zentrum meiner Tennisleidenschaft, dort ist mein Trainer Robert Orlik, dort ist unsere Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner, bei der ich während der Trainingsphasen wohne, und dort spielt sich momentan größtenteils mein Leben ab. Ich spiele am Tag etwa fünf bis sechs Stunden Tennis und habe eineinhalb Stunden Konditionstraining.
Von Luxus und leichtem Leben kein Spur
Wenn ich abends heimkomme, bin ich so müde, daß ich weder lesen noch sonst etwas für meinen Kopf tun kann. Oftmals reicht meine Kraft gerade noch dazu, den Fernseher anzuschalten und sinnloses Gerede und flimmernde Bilder auf mich einwirken zu lassen, was man nicht eben intellektfördernd nennen darf, so daß ich mich doch ab und zu zum Lesen überwinde. Wie anstrengend lesen doch sein kann.
So geht es tagein, tagaus, von Luxus und leichtem Leben kann ich in meinen drei Monaten als Tennisprofi noch nicht berichten. Doch jedes Mal, wenn ich denke, so geht es nicht weiter, muß ich erkennen, daß der Mensch zäher ist, als man denkt, und ich sehe Licht am Ende des langen Tunnels. Dieses Licht erschien in der vergangenen Woche in Form eines 25.000- Dollar-Turniers in Alphen aan den Rijn.
Sechs Weltranglistenpunkte zu verteidigen
Nach zwei erneut harten Trainingswochen in Leverkusen und rapide schwindenden Gehirnzellen fuhr ich auf dieses Turnier in den Niederlanden mit meiner Cousine, meinem alten Freund, dem dicken Dieter, und einer Mütze Hoffnung im Gepäck, daß sich das Training auszahlen würde. Aufgrund meiner hoffentlich nur temporär schlechten Ranglistenposition mußte ich in der Qualifikation antreten und dort zwei Runden überstehen, um überhaupt am Hauptturnier teilnehmen zu dürfen.
Außerdem hatte ich den zusätzlichen Druck, in dieser Woche sechs Weltranglistenpunkte aus dem vorigen Jahr verteidigen zu müssen. Ich qualifizierte mich, aber meine Auslosung für das Hauptturnier hatte es in sich. In der ersten Runde sollte ich gegen die Nummer 188 der Weltrangliste spielen, eine Tschechin, die dann glücklicherweise im letzten Moment absagte, weil sie noch bei den US Open war.
Biorhythmus von Schlafen auf Spielen einstellen
So kam ich gegen einen sogenannten Lucky Loser, das sind Spielerinnen, die in der Qualifikation verlieren, dann jedoch von einer kurzfristigen Absage im Hauptfeld profitieren. Ich gewann relativ leicht, allerdings zeichnete sich ab, daß das Wetter in Holland nicht so mitspielen wollte, wie wir es gerne gehabt hätten. Ständige Unterbrechungen durch Regenschauer und Windböen erschwerten das Spiel zusehends und erhöhten auch die Verletzungsgefahr, weil die Muskeln sehr schnell auskühlten.
Nahezu jedes Mal verspäteten sich die angesagten Spieltermine, und mit Hoffen und Bangen überstand man Tag für Tag, ohne die Spiele komplett abbrechen zu müssen. In der nächsten Runde besiegte ich eine Französin ebenfalls leicht und stand auch schon im Viertelfinale, wo der erste richtige Brocken wartete: Lubomira Kurhajcova, eine Slowakin, die vor zwei Jahren an Position 70 der Weltrangliste notiert war.
Spitze Schreie um mich zu verunsichern
Wir waren als Night Match angesetzt, so betraten wir erst um 21 Uhr den Platz, und es hieß den Biorhythmus von Schlafen auf Spielen einstellen und vor allem die Augen an das Flutlicht gewöhnen. Jetzt merkte ich auch, was der Unterschied zwischen den besseren und schlechteren Spielerinnen ist. Hier gab es kein Erbarmen und erst recht keine Freundlichkeit, die Gegnerin wird weder eines Blickes gewürdigt, geschweige denn begrüßt. Egal, ich gewann 6:3, 6:3.
Auch die nächste Gegnerin, die Tschechin Sandra Zahlavova, folgte im Halbfinale diesem vorbildhaften Benehmen und unterstrich jeden ihrer Schläge mit spitzen Schreien - sei es, um mich zu ängstigen, zu vertreiben oder zu verunsichern, ihre Ziele waren jedenfalls unklar und vor allem wirkungslos, denn ich gewann auch dieses Spiel, 4:6, 6:1, 6:2.
Nun, so sind Tennisspielerinnen
Eine kleine Anekdote, um die Verwirrung meiner Halbfinalgegnerin zu verdeutlichen: Es geschah im ersten Satz beim Stand von 2:1. Als ich mich beim Seitenwechsel zur Bank begab, war sie schon da: auf meiner Bank, mit meinem Wasser in der linken und meinem Handtuch in der rechten Hand. Man kann sich das Gesicht vorstellen, das ich zum besten gab. Als sie entdeckte, daß sie auf meiner Bank saß, sprang sie auf wie eine Furie und beschimpfte mich im Vorübergehen. Nun, so sind Tennisspielerinnen.
Ich stand also im Finale, mein bisher größter Erfolg, und wollte es nun auch unbedingt zu Ende bringen. Der Finaltag gegen die Neuseeländerin Marina Erakovic war jedoch der schlimmste von allen.
Enttäuschung und Verbitterung saßen tief
Es regnete den ganzen Tag, und unser um 14 Uhr angesetztes Spiel begann erst drei Stunden später. Sturmböen fegten über den Platz, und die Bälle flogen überall hin, nur nicht dahin, wo ich sie haben wollte. Als es schließlich aussichtslos 0:5 im dritten Satz stand, riß ich mich noch einmal zusammen und holte auf 5:5 auf. Gänzlich im falschen Moment spürte ich dann auf einmal die Belastung der vergangenen Tage, und meine Kraft reichte am Ende nicht mehr, um das Match zu drehen. Ich verlor mein erstes größeres Finale im entscheidenden Satz 5:7. Enttäuschung und Verbitterung saßen tief, jedoch wurde mir nach dem ersten Schmerz klar, daß ich trotzdem eine gute Leistung gebracht hatte und die Woche erfolgreich verlaufen war.
Das war also mein Licht am Ende des Tunnels und mein erster geernteter Lorbeer für die Arbeit zuvor. Es kann doch so schön sein, das triste Leverkusen.
Andrea Petkovic wird nach ihrem Finaleinzug in Alphen aan den Rijn in der Tennis-Weltrangliste auf einen Platz unter 300 aufrücken. Nachdem die frühere deutsche Jugendmeisterin im Frühjahr in Darmstadt ihr Abitur gemacht hat, versucht sich die Achtzehnjährige auf der Profitour. Im Sportteil der Rhein-Main-Zeitung berichtet sie regelmäßig über ihr neues Leben.
Text: F.A.Z. / Rhein-Main-Zeitung vom 5. September 2006
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