Hockey-EM

Mit klagendem Unterton

Von Alex Westhoff, Amsterdam

“Die reine Erlösung“: Maike Stöckel nach dem goldenen Tor gegen England

"Die reine Erlösung": Maike Stöckel nach dem goldenen Tor gegen England

29. August 2009 Dass nach dem letzten Pfiff, der letzten Sirene, dem letzten Gong die Deutschen es irgendwie geschafft haben zu gewinnen, ist für Engländer ein Allgemeinplatz. Für die englischen Hockey-Nationalspielerinnen war das Europameisterschafts-Halbfinale somit eine typische Begegnung mit Deutschland auf dem Sportplatz. Für die deutsche Mannschaft war es dagegen eine Begegnung mit sich selbst. „Die Mannschaft gibt immer dann Gas, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht, wenn es richtig drauf ankommt“, sagt Fanny Rinne.

Das könnte man jetzt als Lob für die unbedingte Charakterstärke des Teams werten, als Freude über die Gabe, sich das Beste bis zum Schluss aufheben zu können. Aber bei der deutschen Spielführerin hatte diese Bestandsaufnahme am Donnerstagabend nach dem 2:1-Sieg durch Golden Goal einen klagenden Unterton.

Pflicht gerade so erfüllt

Glücklicher Sieg: Jennifer Plass und Natascha Keller (r.)

Glücklicher Sieg: Jennifer Plass und Natascha Keller (r.)

„Nicht unbedingt verdient“ sei der Erfolg gewesen, sagte Fanny Rinne unter dem Eindruck eines Spiels, in dem die Deutschen bis weit in die zweite Halbzeit hinein reichlich uninspiriert Hockey spielten. Nach dem Schlusspfiff brach sich dann auch eher Erleichterung als die reine Freude Bahn. Minutenlang saßen die Spielerinnen nach der nervenaufreibenden Pflichtübung auf der Bank. „Wir müssen das Ding erst mal auf uns wirken lassen“, sagte Bundestrainer Michael Behrmann.

Pflicht gerade so erfüllt hieß es für den Titelverteidiger gegen eine englische Mannschaft, die nicht zu den Schwergewichten der Branche gehört und ihrer Aufbauarbeit der Perspektive Olympia 2012 in London alles unterordnet. Im Finale wartet an diesem Samstag im urigen Wagener-Stadion nun mit Gastgeber Holland die überragende Mannschaft dieser Amsterdamer Woche auf das deutsche Team.

Neuauflage des Endspiels von 2007

„Das war die reine Erlösung“, sagte Maike Stöckel, die gegen die kampfstarken wie biederen Britinnen innerhalb weniger Minuten vom Pechvogel zur Glücksmarie avancierte. Exakt zwei Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit war ihr Schuss aus der Nahdistanz Zentimeter am englischen Tor vorbeigegangen und der Bundestrainer draußen vor der Bank auf die Knie gesunken. Nach fünf Minuten in der Verlängerung gelang der Angreiferin von Rot-Weiß Köln dann doch noch der goldene Treffer – und Behrmann war nach einem beherzten Sprint im Jubelknäuel seiner Damen verschwunden.

Die Neuauflage des EM-Endspiels von 2007 in Manchester zu verfehlen, hätten sich die deutschen Titelverteidigerinnen wohl nicht verziehen. Neben diesem Druck, den sich die Spielerinnen selbst auf ihre Schultern luden, wie Behrmann beobachtete, schien auch die Gewissheit zu lähmen, dass „wir doch eigentlich so viel besser sind als die Engländerinnen“ (Maike Stöckel). Auch das Führungstor von Natascha Keller (27. Minute), das Joanne Ellis (34.) zügig per Strafecke ausglich, hatte das Spiel des Olympiasiegers von 2004 nicht stabilisiert. Konterchancen wurden vergeben, Strafecken verpufften, das mühsame Aufbauwerk im Mittelfeld wurde vorne meist umgehend wieder eingerissen.

„Holland haben wir im Endspiel erwartet“

Sich wie im Halbfinale erst spät aufzuraffen könnte für das Behrmann-Team gegen die starken Holländerinnen sehr gefährlich werden. Der 5:1-Sieg des aktuellen Weltmeisters und Olympiasiegers in deren Semifinale gegen bedauernswerte Spanierinnen war ein Musterbeispiel von Hochgeschwindigkeitshockey aus einem Guss. „Holland haben wir im Endspiel erwartet“, sagte Bundestrainer Behrmann. „Wir haben vor zwei Jahren bewiesen, dass man eine Chance hat.“ Fanny Rinne glaubt gar, dass „die Angst vor uns haben“. Und Maike Stöckel meint zu spüren, dass die Holländerinnen 2007 „einen Knacks gegen uns“ davongetragen haben. Zehn Spielerinnen, die den Coup von Manchester mit zu verantworten haben, stehen auch heute noch im aktuellen deutschen Kader.

Im Endspiel die Favoritinnen: Vera Vorstenborsch und die niederländischen Hockeyfrauen

Im Endspiel die Favoritinnen: Vera Vorstenborsch und die niederländischen Hockeyfrauen

Die Konstellation vor dem EM-Finale 2007 war dieselbe wie nun in Amsterdam. Auch damals war Holland der große Favorit, am Ende siegten aber die Deutschen 2:0. Gelänge das wieder, wären zumindest die Engländer nicht verwundert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS

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