Von Jörg Stratmann
30. November 2003 Bademeister im Winter ist auch kein leichter Beruf. Wenn es draußen gegen null Grad geht, vermengen sich in einer Schwimmhalle feuchte Wärme und Chlordunst zu einer klebrigen Atmosphäre, in der man als nicht Schwimmender tunlichst jede unnötige Bewegung vermeidet.
Gerade dann, wenn sich auf engstem Raum wie im Gelsenkirchener Zentralbad an diesem Wochenende bei den deutschen Kurzbahnmeisterschaften mehr als 500 Zuschauer drängen. Da beeilten sich die 718 Teilnehmer aus 188 Vereinen und besonders natürlich die Meister noch mehr, den Ort schnellstmöglich wieder zu verlassen. Der Star der Titelkämpfe, die Berlinerin Franziska van Almsick, die aus ihrer schlechten Laune kein Geheimnis gemacht hatte, schien dagegen das Wasser plötzlich gar nicht mehr verlassen zu wollen.
Ungeliebten Kurzbahn
Nach ihrem Sieg über 200 Meter Freistil in 1:56,38 Minuten ließ sich die 25 Jahre alte Weltrekordhalterin noch einmal so lange auf dem Rücken dahintreiben und faltete die Hände. Das war nicht als übertriebene Siegesgeste gedacht, sondern deutete stilles Insichgehen einer Athletin an, die gerade eine Aufgabe bewältigt hatte, die ganz und gar nicht selbstverständlich war.
"Gar nicht gut drauf" und im Gefühl verfangen, "das ist nicht mein Tag", war sie dennoch das Finale auf der ungeliebten Kurzbahn mit den vielen Beschleunigungsmöglichkeiten an der Wende in einer Zeit geschwommen, mit der sie "ganz in die Nähe meines Rekordes" von 1:56,64 Minuten auf der langen Bahn kam. Damit habe sie wirklich nicht gerechnet. Und wie sehr sie dieser Wettkampf mitgenommen hatte, zeigte sie auch an Land, wo sie im Kabinengang ihren Vater und ihre Managerin lang und innig umarmte.
Hintern herum und dann kräftig abstoßen"
Viele der erwartungsfrohen Zuschauer waren vor allem wegen ihr gekommen. "Das ist schön zu sehen", sagte Franziska van Almsick. Doch noch mehr gefiel ihr, "daß ich diesem Druck standgehalten habe". Denn so will sie den Weg gehen zur letzten großen Herausforderung der Karriere, dem Olympiasieg im kommenden Jahr in Athen: "Ich will auf alles vorbereitet sein", sagte sie. Deshalb lernt sie, versucht, auch die Kleinigkeiten zu erkennen, in denen man sich verbessern kann. Und vor allem, sagt sie, versuche sie, "die Dinge zu tun, die ich am meisten hasse". Wie die ständigen Wenden auf der Kurzbahn, "für die ich nicht geschaffen bin", aber zu denen sie sich nun auf burschikose Weise zwang: "Zieh den Kopf ein, Hintern herum und dann kräftig abstoßen."
Und diesmal konnte nach der letzten Wende auf ihrer Lieblingsstrecke, den 200 Metern, keine mehr folgen. Dazu kam Rang zwei am Samstag über 100 Meter Freistil in 54,22 Sekunden und am Sonntag ein zweiter Titel über 100 Meter Schmetterling in 58,67 Sekunden. In zwei Wochen geht es zu den Kurzbahn-Europameisterschaften nach Dublin. Dabei kann die fünfmalige Europameisterin von Berlin 2002 ihre Leistungen von Gelsenkirchen gar nicht recht einordnen. Wie ihr überhaupt viel wichtiger ist, vor Olympia ein Zeichen zur stärksten Konkurrenz nach Übersee zu senden. Zu zeigen, "daß das mit meinem Weltrekord keine Eintagsfliege war - das ist mir schon wichtig".
Und deshalb war das in der drückenden Gelsenkirchener Schwüle doch ein schönes Wochenende für sie. "Ich bin zufrieden", sagte sie. "Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn das schiefgegangen wäre." Aber so macht sie weiter "mein Ding", überzeugt, daß mein Weg für mich richtig ist". Gold ist das Ziel - "intensiver kann ich mich nicht unter Druck setzen".
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2003, Nr. 279 / Seite 28
Bildmaterial: AP