Doping-Kommentar

Einfach vergessen?

Von Anno Hecker

04. Dezember 2008 Nachricht aus Deutschland: Eishockey-Profi schickt Doping-Kontrolleur in die Wüste und wird doch nicht bestraft. Sieh an, werden kritische Beobachter des angeblich modernsten Anti-Doping-Systems der Welt sagen. Mit der Gründlichkeit der selbst ernannten Saubermänner, die ständig mit den Fingern auf die Schwächen im Ausland zeigen, ist es auch nicht weit her.

Bei den sauberen Deutschen steckt wohl was im Busch: Das ist, unabhängig vom Wahrheitsgehalt, die verheerende Wirkung der jüngsten Posse im Kampf gegen die Leistungsmanipulation. Dem nächsten engagierten deutschen Funktionär wird bei seinen Bemühungen um ein gleich hohes (?) Kontrollniveau weltweit die Affäre Busch genüsslich unter die Nase gerieben. Vermutlich mit dem Hinweis, bitte schön erst einmal vor der eigenen Tür zu kehren. Zu Recht.

Ohne Glaubwürdigkeit ist der Spitzensport keinen Cent wert

Florian Busch darf weiterspielen, als sei nichts passiert. Nur weil der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) vergessen hat, die juristischen Voraussetzungen für die Anwendung des Anti-Doping-Kodex von 2006 zu schaffen. Einfach vergessen, bis zum vergangenen Sommer. Da wird die Sportnation seit Jahren bis zum Erbrechen mit Regel- und Gesetzesdiskussionen genervt, erfährt bis in die kleinste Ritze alles über unappetitliche Doping-Praktiken und ambitionierte Rettungsprogramme, damit Leistungssport irgendwann wieder ohne Magendrücken zu genießen ist. Aber der DEB hebt im Dezember 2008 leicht verschämt die Hände: Entschuldigung. (Siehe auch: Der Fall Busch und die Folgen: Der Eishockey-Bund steht nicht allein)

Nein, anno 2008 ist ein solches Verhalten nicht mehr ohne weiteres zu entschuldigen. Wenn der Athlet aus formalen Gründen nicht zu bestrafen ist für sein grobes Fehlverhalten, muss der Verantwortliche für diese folgenschweren Versäumnisse zur Rechenschaft gezogen werden. Die Rückforderung von Steuergeldern durch das Innenministerium an den DEB ist offensichtlich die einzige Chance, den Verband und andere zur Räson zu bringen. Leider scheint der Eishockey-Bund nicht der einzige Fachverband in Deutschland zu sein, der die offizielle Anti-Doping-Politik des organisierten deutschen Sports mit einem „zwinkernden Auge“ (Sporthilfe-Chef Walter E. Klatten) zur Kenntnis genommen hat. Diese Haltung kostet nicht nur Ansehen, sondern auch Geld. Ohne Glaubwürdigkeit ist der Spitzensport keinen Cent wert.

Bei Bedarf hilft jede Hobby-Apotheke weiter

Beim DEB ist der Groschen immer noch nicht gefallen. Selbst nach der etwas reumütigen Erklärung, Schaden angerichtet zu haben. Das war am Mittwoch. Am Donnerstag erklärte der Verband abermals unbewusst, wie es zu der Affäre gekommen ist und warum man auch in Zukunft nach Erfüllung der Formalien nicht mit einer ernsthaften Mitarbeit gegen ein den gesamten Spitzensport bedrohendes Problem rechnen darf: „Der offizielle Jahresbericht der Nada vom August 2008 hat uns deutlich bescheinigt“, schrieb der DEB in einer drei Monate alten Mitteilung, „dass Eishockey ein sauberer Sport ist.“ Weil es keinen positiven Test gab? Das war im Fall der Sprinterin Marion Jones auch so. 159 Mal getestet, immer sauber, bis sie zugab, stets voll Stoff gewesen zu sein.

Eishockey ist die schnellste Mannschaftssportart der Welt. Neben Koordination und Beweglichkeit brauchen die Spieler Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer. Außerdem scheint ein gewisses Maß an Aggressivität nicht von Nachteil. Bei Bedarf hilft jede Hobby-Apotheke weiter. Wir wissen nicht, wie verbreitet der Griff zu verbotenen Mitteln ist. Aber auf eines ist Verlass: Wer behauptet, in diesem Sport werde nicht gedopt, steckt noch mittendrin – in der Eiszeit.

Text: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Suchen Sie einen Spezialisten? Krebs, Herz, Orthopädie, Plastische Chirurgie, Neurologie, Gastrologie, u.a. Hier Informieren!

Soll Michael Schumacher sein Formel-1-Comeback geben?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche