Basketball

Leuchtturm Yao Ming macht Späße auf eigene Kosten

Von Jürgen Kalwa, New York

In der NBA nicht zu übersehen: Yao Ming

In der NBA nicht zu übersehen: Yao Ming

21. Dezember 2006 Es ist jedes Jahr das gleiche: Irgendwann zwischen Dezember und Februar gibt eine Presseagentur nach der anderen an nachrichtenarmen Tagen ihre Meldung über den Zwischenstand bei den einzigen globalen Wahlen heraus. Das Ereignis, bei dem Sportanhänger im Internet über die Aufstellung der All-Star-Mannschaften der amerikanischen Basketball-Profiliga entscheiden, bewegt tatsächlich Millionen Menschen.

Auch wenn die Abstimmung keine Parlamente beschäftigt, keine Grenzen verschiebt und deshalb von rein symbolischer Bedeutung ist. Ihre Bedeutung besteht in einem Nebenaspekt: Sie erinnert jedes Mal an eine heraufdämmernde Macht im internationalen Sport, die im Sommer 2008 erstmals die Olympischen Spiele ausrichtet. Denn die Wahlen gewinnt regelmäßig ein staksiger Mann aus Shanghai, der alles andere als der Prototyp des athletischen und kunstfertigen Basketballspielers ist. Sein Name: Yao Ming. Sein Status: der in den Vereinigten Staaten berühmteste Chinese seit Mao Tse-tung.

Nur drei Sekunden unterm Korb

Mit seiner Spielweise als 2,29 Meter großer Center hat Ming in den vergangenen vier Jahren selbst nur sehr wenig zu seinem Ruf beigetragen. Seine Rolle als Leuchtturm im Angriff und in der Abwehr der Houston Rockets wird von den Regeln der National Basketball Association (NBA) beschränkt. Die Liga gestattet ihren Riesen nicht, es sich unterm Korb einzurichten, wo sie ihre größte Wirkung entfalten könnten. Nur drei Sekunden lang darf sich ein Spieler zwischen den Linien der Freiwurfmarkierung aufhalten und auf seine Chance warten. Dann muß er sich eine andere Position auf dem Feld suchen.

Von der Ellbogen-Gesellschaft lernen

Die Popularität von Yao Ming, der einen Vertrag bis 2011 besitzt und in dieser Saison bei den Rockets vergleichsweise bescheidene 5,5 Millionen Dollar verdient, basiert denn wohl auch eher darauf, daß der 26jährige Chinese seinen Landsleuten aus dem fernen Amerika, dem größten Absatzmarkt der boomenden chinesischen Wirtschaft, etwas viel Wertvolleres signalisiert: Mit den richtigen körperlichen Voraussetzungen, einer gewissen Begabung und dem Willen, sich mit seinen eckigen Ellenbogen ins Gedränge eines kapitalistischen Verdrängungswettbewerbes zu werfen, haben auch Menschen aus dem bevölkerungsreichsten Land der Erde eine Chance auf ein gutes Leben. Das muß die politische Führung geahnt haben. Sonst hätten sie den Sohn eines 2,08 Meter großen Vaters und einer 1,88 Meter großen Mutter, beide einst chinesische Basketball-Nationalspieler, nicht ohne weiteres ziehen lassen.

Botschafter Chinas

Dabei war Yao Ming von Anfang an weit mehr als ein Botschafter in eigener Sache, sondern vor allem eine Symbolfigur. Das zeigt der amerikanische Dokumentarfilm „The Year of Yao“, für den er in seinem ersten Profijahr ständig von Kameras begleitet wurde. Eine der Szenen zeigt ihn bei einem offiziellen Essen in seinem Heimatland, wo ihn ein Redner daran erinnert, daß er im Ausland nicht nur seine Familie, seine Trainer und ehemaligen Mannschaftskollegen von den Shanghai Sharks und aus der Nationalmannschaft repräsentiere, sondern das ganze Land.

Der Film zeigt, daß dies nicht ganz einfach ist, wenn man für alles einen Übersetzer braucht und im Unterschied zu den meisten NBA-Profis scheu und zurückhaltend ist. Aber inzwischen kommt Yao Ming mit seiner Rolle besser zurecht. Während sich seine Profi-Kollegen in erster Linie als hochbezahlte Entertainer und Zirkusartisten verstehen, die den Urspieltrieb von Kindern ausleben, die bei jeder Gelegenheit auf sich aufmerksam machen, begreift sich der Chinese als nachdenklicher und verantwortungsbewußter Sportler.

So ließ er denn auch vor ein paar Monaten seinen Landsleuten ausrichten, daß sie noch einiges tun müssen, wenn sie als Gastgeber der nächsten Olympischen Spiele keinen schlechten Eindruck hinterlassen wollen. Ming bemängelte in einem chinesischen Magazin solche Angewohnheiten wie Vordrängeln, Auf-den-Boden-Spucken und laute Gespräche in Restaurants, das Ausziehen von Socken und Schuhen in aller Öffentlichkeit und meinte: „Ich schlage vor, wir arbeiten daran, höflicher zu werden.“

Ein Mann mit Format

Und vielleicht auch humorvoller. Denn da scheint Ming seinen Landsleuten noch um einiges voraus zu sein. Man denke nur an seine Werbeauftritte. So stand er am Anfang seiner NBA-Karriere in Spots für Computerhersteller Apple mit dem klitzekleinen Mini-Me-Darsteller Verne Troyer aus den „Austin-Powers“-Filmen vor der Kamera und ließ seinen Namen in einer Kampagne für eine Kreditkartenfirma in Anspielung an das Ghetto-Englisch seiner neuen Heimat verhunzen. („Yo!“ „Yao“ – „Yo!“ „Yao“). Die Auftritte zeigten vor allem eines: Yao Ming hat nichts dagegen, wenn der Spaß auf seine Kosten geht. Ein Mann von seinem Format ist souverän.

Bitte lächeln!

So souverän, daß er schon früh einen Werbevertrag mit der Schuhmarke Reebok abschloß, anstatt mit dem umsatzstärksten Sportartikel-Hersteller der Welt, Nike, oder mit dem Ausrüster der chinesischen Basketball-Nationalmannschaft, Li Ning, der den Markt in seinem Heimatland dominiert. Unlängst produzierte das Unternehmen Plakate mit einem Foto, auf dem die Nummer 11 der Houston Rockets geradezu mißmutig aussieht. E

rst wer den Text liest, versteht: „Ich bin froh, daß es Werbespots und Postern gibt, die zeigen, wie ich lächle“, steht da in wörtlicher Rede. „Sie tun das, was ich nicht kann: 24 Stunden an Tag lächeln.“ Die Botschaft an die Kundschaft? Dieser Mann ist unangepaßt, unverdorben und nicht zu manipulieren. Inzwischen weiß man das auch in China zu schätzen. Zum 1. Mai 2005 wurde ihm von der Gewerkschaft in Shanghai die Auszeichnung „vorbildlicher Arbeiter“ verliehen. Yao Ming bedankte sich höflich: „Das ist eine weitere Ehre und Ermutigung von seiten der Gesellschaft.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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