Masters-Tennisturnier in Hamburg

Kiefer ausgeschieden - Favoriten im Halbfinale

Von Frank Heike, Hamburg

16. Mai 2008 Nach mehr als drei Stunden beendete eine krachende Rückhand von Andreas Seppi den großen Traum von Nicolas Kiefer. Die 10.000 Fans auf dem Centre Court waren da längst in Feierlaune, weil Kiefer sich nach schwachem ersten Satz fulminant ins Spiel zurück gebissen hatte und die Zuschauer mit druckvollem Tennis begeisterte.

Er kämpfte, rannte, stürzte sogar einmal, begeisterte das enthemmte Publikum wie lange keine Deutscher mehr. Am Ende blieb aber nur ein Moment der Stille auf den Rängen: Kiefer unterlag Seppi im dramatischen Viertelfinale mit 3:6, 7:5 und 5:7.

Abermalige Wende in einem dramatischen Match

Dabei servierte der 30 Jahre alte Hannoveraner im dritten Satz beim Stande von 5:4 zum Matchgewinn gegen den entnervt wirkenden Italiener. Doch ausgerechnet dieses Spiel verlor Kiefer ohne eigenen Punkt. Das war die abermalige Wende in einem dramatischen Match. Zwei Matchbälle wehrte Kiefer noch ab. Doch sein letztes Aufschlagspiel war dann zu schwach: Seppi sank auf die Knie, Kiefer fasste sich an den Kopf - er war so nah dran am Erreichen des Halbfinals, dem ersten eines Deutschen seit Tommy Haas 1997.

Kiefer hatte den Sieg vor Augen Trauriger Abgang: Kiefer unterlag in drei Sätzen Daumen hoch dagegen für Andreas Seppi: der Italiener steht im Halbfinale Seppi trifft am Samstag auf Roger Federer Der Führende der Weltrangliste bezwang den Spanier Fernando Verdasco Auch im Halbfinale: der Serbe Novak Djokovic

Statt Kiefer trifft nun Seppi am Samstag auf den Titelverteidiger Roger Federer. Auf dem Weg ins Finale hatte Federer am Nachmittag den Spanier Fernando Verdasco 6:3, 6:3 besiegt. Es war ein Erfolg ohne größere Schwierigkeiten für den Weltranglisten-Ersten, der bislang souverän durch das Turnier spaziert ist und keinen Satz abgegeben hat. Ihm gefällt es so: „Ich habe keine Lust darauf, es spannender zu machen“, sagte der 26 Jahre alte Basler halb im Scherz, „für die Spannung sind hier momentan andere zuständig.“

Novak Djokovic meinte er damit nicht. Der 21 Jahre alte Serbe schlug im zweiten Viertelfinale des Nachmittags den Spanier Albert Montanes 6:2 und 6:3. Auch die Nummer drei der Welt schaffte den Sprung in die Halbfinals recht mühelos. Er trifft in der Runde der letzten Vier auf Rafael Nadal, der Carlos Moya ausschaltete (6:1, 6:3).

Trotz der bitteren Niederlage wertete Kiefer seinen Auftritt am Rothenbaum am Freitagabend als Erfolg. „Ich habe die Zeit auf dem Centre Court einfach genossen. Es war Gänsehaut, ein Riesengefühl. Es ist für mich nach all den Verletzungen doch ein Erfolg, überhaupt zurückzukommen“, sagte er. Mit etwas Abstand wird der lange verletzte Profi die Hamburger Woche auch als Erfolg begreifen. Das war schon nach seinem Sieg am Donnerstag klar. „Nicolas Kiefer ist bei den deutschen Tennisfans angekommen“, schrieb der „Sportinformationsdienst“ nach Kiefers begeisterndem 7:5 und 6:3 am Donnerstagabend gegen Nikolai Dawidenko.

Kiefers Maxime hat sich kaum verändert

Da hatte es Ovationen gegeben auf dem Centre Court, begeisterten Jubel, eine Stimmung, wie man sie hier am Rothenbaum seit Jahren nicht erlebt hat. Kiefer hat sich viel Zeit gelassen vom Mann im Schatten des Tommy Haas zum Charaktertyp, dem am Rothenbaum die Herzen zufliegen. Er ist ja seit zwölf Jahren dabei im weltumspannenden Tennis-Geschäft. Er wurde als verbissen wahr genommen, als schlechter Verlierer, oft übermotiviert auftretend, kurzum: ein Typ mit negativer Ausstrahlung.

Vielleicht hat er die Pause von Mai 2006 bis Juni 2007 gebraucht, um zu sich selbst zu finden. Ein Jahr der Absenz mit zwei Operationen am linken Handgelenk. Diese Zeit hat ihn nachdenklicher werden lassen. Seine Marschroute auf dem Platz, seine Maxime hat sich kaum verändert: „Erfolg erreicht man durch Arbeit, Disziplin und Ehrgeiz. Deshalb stehe ich wieder da, wo ich stehe.“ Am Montag wird Nicolas Kiefer trotz der bitteren Niederlage gegen Seppi vor Philipp Kohlschreiber wieder die deutsche Nummer in der Weltrangliste eins sein.

Doch den Weg zum Erfolg kleidet er neu aus. Weniger verbissen, mit dem Wissen, dass so eine Karriere schnell vorbei sein kann. Es gibt noch etwas, das Nicolas Kiefer zurück gebracht hat unter die weltbesten Tennisspieler. „Ich bin wieder mit meiner Freundin Inga zusammen“, erzählte er. In seiner Verletzungspause haben sie wieder zusammen gefunden. Auch deswegen sagt Nicolas Kiefer: „2007 war ein gutes Jahr. Die neue Liebe macht mich stark.“ Am Rothenbaum stellte er das unter Beweis, auch wenn das Ende nach einer wahren Achterbahnfahrt allzu abrupt kam.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

 
Rubriken
Blättern

Olympiavideo: Jack Culcay-Keth

Eine Blitzkarriere im Boxring

 
Video in voller Größe

Sollte im TV mehr „Randsport“ gezeigt werden?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche