FC Liverpool

Der Investor braucht selbst Geld

Von Jürgen Kalwa, New York

13. Mai 2009 Auf der Liste der 500 reichsten Amerikaner, die das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ jedes Jahr veröffentlicht, konnte man im vergangenen Herbst über den Unternehmer Tom Hicks etwas lesen, das eigentlich als Kompliment gemeint war: Er sei ein „gerissener Sportinvestor“, hieß es da. Denn ein Jahr zuvor habe er gezeigt, wie man vorgehen müsse, wenn man sich hinter den Kulissen des Sportgeschäfts durchsetzen und sich Filetstücke der Branche sichern wolle. Bei seiner letzten großen Transaktion hatte der Mann aus Texas zusammen mit seinem Partner George Gillett für umgerechnet 440 Millionen Dollar den FC Liverpool erworben (). Das Team hatte kurz zuvor die Champions League gewonnen.

Kaum hatten sich die Fans an die beiden Namen gewöhnt, schob das Duo schon das nächste Projekt an – ein neues Stadion für mehr als 70.000 Zuschauer. Eines, das mit seinen Luxussuiten nicht nur die Finanziers hinreichend entschädigen werde, sondern auch die Traditionalisten, die bei dem alten abgeschabten Bau an der Anfield Road sentimental an den Riesenchor in jenem Teil der Ränge denken, den man „The Kop“ nennt. Tom Hicks versprach „Weltniveau“ und eine Anlage, die „unsere Gegner einschüchtern“ werde. Was man halt so sagt, wenn man die Sterne vom Himmel holen will.

Ein Bild aus glücklichen Tagen: die Liverpool-Besitzer George Gillett (l.) und Tom Hicks
Ein Bild aus glücklichen Tagen: die Liverpool-Besitzer George Gillett (l.) und Tom Hicks

Nur wenige Monate später machte das Klubmanagement einen Rückzieher. Das beunruhigte zunächst niemanden, obwohl die lapidare Begründung das Problem mit den „weltweiten Marktverhältnissen“ in Verbindung brachte. Erst in den vergangenen Wochen wurde deutlich, was damit gemeint war und wie diese weltweite Konstellation Liverpools wirtschaftlichen Spielraum tatsächlich beeinflussen könnte.

Festhalten möchte Hicks in jedem Fall an seinem Liverpooler Anteil

Hicks, der in den Vereinigten Staaten mit den Texas Rangers einen Baseball-Club der höchsten Liga und die Eishockey-Mannschaft der Dallas Stars in der National Hockey League besitzt, hat dort enorme Schulden angehäuft. Dem von „Forbes“ kalkulierten Vermögen von angeblich 1,4 Milliarden Dollar steht entgegen, dass die Firma Hicks Sports Group nach Recherchen des „Wall Street Journal“ bei mehreren Geldgebern, darunter auch Banken, mit insgesamt 525 Millionen Dollar in der Kreide stehe.

In wirtschaftlich besseren Zeiten produzierten solche Verhältnisse allenfalls Nebengeräusche. Man schuldete um und setzte optimistisch auf bessere Zeiten. In diesen Tagen werden Gläubiger rasch nervös. Auf diese Weise kann eine auf Pump gebaute Firmenkonstruktion schon mal erheblich unter Druck geraten und unter besonders ungünstigen Umständen wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Genau das versucht der 62 Jahre alte Hicks zur Zeit abzuwenden. Er hat seinen Gläubigern Anteile an seinen beiden amerikanischen Klubs angeboten, möchte aber nicht die Stimmenmehrheit verlieren.

Festhalten möchte Hicks in jedem Fall an seinem Liverpooler Anteil. Denn die Renditeaussichten in der durch lukrative Fernsehverträge gut ausgepolsterten Premier League sind langfristig hervorragend. Und darauf hofft Hicks trotz der akuten Probleme, die ihm zu schaffen machen. So berichteten britische Zeitungen darüber, dass die Eigentümergemeinschaft Hicks/Gillett der inzwischen fast völlig in Staatsbesitz befindlichen, schwer angeschlagenen Royal Bank of Scotland umgerechnet 520 Millionen Dollar schulde. Hier bürgen Hicks und sein Partner für einen Teil des Geldes mit ihrem Privatvermögen. George Gillett scheint das alles überhaupt nicht zu gefallen. Und so hat er Hicks bereits angeboten, ihn in Liverpool komplett herauszukaufen.

Ende Juli wird der Kredit an die Royal Bank of Scotland fällig

Woher würde das Geld aber kommen? Ganz einfach. Um flüssig zu werden, will Gillett seinen sportlichen Besitz in Nordamerika opfern: die Montreal Canadiens in der National Hockey League, Inbegriff des Traditionsbewusstseins in Kanadas Volkssport Nummer eins. Dem Geschäftsmann, der einen Teil seines Geldes mit Fernsehsendern und einen anderen mit Fleischfabriken verdient hat, fehlt es in Montreal nicht an Interessenten. So hat – neben anderen – die frankokanadische Popsängerin Celine Dion eine millionenschwere Offerte eingereicht.

Montreal, Liverpool, Texas: Das unübersichtliche Geflecht einer sowohl von Geldnöten als auch von Begehrlichkeiten getriebenen transatlantischen Unternehmerschaft signalisiert, dass im Profisport völlig neue Dimensionen erreicht sind – mit unübersehbaren Auswirkungen auf den Spielbetrieb. Wo reiche Klubs ihre riesigen Kader und Trainerstäbe auf Kredit finanzieren, droht der Kollaps, sobald sich die Investoren verzocken. Eine Gefahr, die auch die Bundesliga vor Augen hat, sollte sie jemals die sogenannte 50+1-Regel abschaffen, die dafür sorgt, dass Investoren nicht die Stimmenmehrheit in den Vereinen haben.

Nachdem sie sich wochenlang aus dem Weg gegangen waren, trafen sich Hicks und Gillett kürzlich beim Premier-League-Spiel gegen Arsenal, um sich über ihre Pläne zu verständigen. Die Uhr tickt. Ende Juli wird der Kredit an die Royal Bank of Scotland fällig.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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