Eisschnelllauf-Weltcup in Berlin

Schmerzhafter Kampf um das Comeback

Von Michael Reinsch

Nur Platz 15 am Samstag: Anni Friesinger-Postma

Nur Platz 15 am Samstag: Anni Friesinger-Postma

09. November 2009 Die eine lief nur im Morgengrauen zum Training, die andere rannte im Rennen über tausend Meter hinterher – und dennoch waren es Claudia Pechstein und Anni Friesinger-Postma, die beim Eisschnelllauf-Weltcup im Sportforum von Berlin-Hohenschönhausen Schlagzeilen machten. Die siebenmalige Olympiasiegerin Claudia Pechstein, wegen Doping-Verdachts gesperrt, kündigte an, vor einem ordentlichen Gericht für ihre Olympiateilnahme in Vancouver zu kämpfen, falls der Oberste Gerichtshof des Sports (Cas) ihre Sperre nicht aufhebe.

Anni Friesinger-Postma aus Inzell gab zwar ihren Einstand in die Saison, wurde aber nur Fünfzehnte und konstatierte zerknirscht, dass ihre Knieverletzung noch nicht ausgeheilt sei. Bei ihrem Lauf (1:17,74 Minuten) hatte sie, die in Vancouver zum dritten Mal Olympiasiegerin werden will, mehr als zwei Sekunden Rückstand hinter der kanadischen Siegerin Christine Nesbitt (1:15,41). Auch am Sonntag reichte es über 1500 Meter nur zu Rang sieben. „Ich gebe nicht auf“, kündigte sie an. „Ich weiß, was ich kann.“

Spekulationen halten an

Nicht zugegen, und doch ein Thema: Claudia Pechstein

Nicht zugegen, und doch ein Thema: Claudia Pechstein

Nicht aufzugeben ist auch die Devise der 37 Jahre alten Claudia Pechstein. Zwar bekamen am Wochenende nur Athleten sie zu Gesicht, die sich besonders früh einliefen in der weitläufigen Halle. Doch einerseits trainiert die Berlinerin entschieden für ihre Olympiateilnahme, andererseits ist sie in den Diskussionen an der Eisbahn so präsent wie niemand anders.

Allenthalben wird spekuliert, ob ihre Chancen auf einen Freispruch gestiegen seien, ob sie beim Weltcup in Hamar in die Saison einsteigen oder den Weltverband mit Schadensersatzforderungen überziehen werde. Konkret war am Wochenende nur der Hinweis von Frau Pechstein, notfalls ein ordentliches Gericht um Hilfe zu bitten: „Da bin ich mal gespannt, ob die Umkehr der Beweislast immer noch gilt“, schreibt die Athletin auf ihrer Internetseite: „Muss jemand beweisen, dass er kein Einbrecher ist, nur weil er ein Brecheisen im Keller liegen hat?“

„Sie ist gesperrt und gilt als gedopt“

Claudia Pechstein muss beweisen, dass die abnormen Retikulozytenwerte, die der internationale Eisschnelllauf-Verband (Isu) bei ihr festgestellt hat, nicht von Doping, sondern von ihren eigenen Genen ausgelöst werden. In ihrem Kampf gegen die Sperre hat sie die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft hinter sich; sie greift ihr bei den Verfahrenskosten mit [...] Euro unter die Arme.

Auch der deutsche Steuerzahler ist engagiert, indem er für ein medizinisches Gutachten aufkommt, das die Bundespolizei, der Arbeitgeber der Sportlerin, in der Causa Pechstein in Auftrag gegeben hat. Doch in Berlin mochte niemand öffentlich für sie Partei ergreifen. Nicht einmal die Berlinerin Monique Angermüller, die sich mit Platz sieben (1:16,84) für die Olympischen Spiele qualifizierte und vor Glück ein paar Tränen vergoss, stellte sich rückhaltlos hinter ihre Mannschaftskameradin, die sie einst als ihr Idol bezeichnete. „Sie hat mich nicht von ihrer Unschuld überzeugt, aber sie hat mir erklärt, dass sie nicht schuldig ist“, sagte die Fünfundzwanzigjährige. „Sie ist gesperrt und gilt als gedopt. Da kann ich doch jetzt nichts anderes sagen.“

Frauen-Bundestrainer Markus Eicher wertet die Entscheidung des Cas, das Urteil um vierzehn Tage zu verschieben, als Zeichen der Verunsicherung der Richter. Wenn sie sich sicher gewesen wären, behauptete er, hätten sie ihr Urteil längst gefällt.

Pechsteins Vorwürfe an den Verband

Jenny Wolf siegt und befürchtet ein Dauerduell mit Wang Beixing

Jenny Wolf siegt und befürchtet ein Dauerduell mit Wang Beixing

Pechstein ist überzeugt, dass mindestens zwölf weitere Athleten erhöhte Retikulozyten-Werte aufweisen, und fordert, dass die Isu deren Namen öffentlich macht. Es gebe mehr als „500 Werte in der Isu-Datenbank“, die über der Grenze von 2,4 liegen. „Davon gehören gerade mal 14 mir“, heißt es auf der Homepage von Claudia Pechstein: „Warum bin ich die Einzige, die als Aussätzige am Nasenring durch die Arena gezogen wird?“

Dem Verband wirft sie vor: „Ich glaube, die Isu will an mir ein Exempel statuieren. Mittlerweile habe ich das Gefühl, jeder Schwerverbrecher hat mehr Rechte als ich.“ Gelassen ging sie dagegen mit dem Norweger Harvey Bökko um, den die niederländische Zeitung „Telegraaf“ am Freitag mit dem Vorwurf zitiert hatte, dass ihre Trainingspartner beim norwegischen Trainer Peter Müller sich oft gewundert hätten, dass sie im Training schlecht laufe, im Wettkampf aber die Sterne vom Himmel hole. Der junge Mann beteuerte in Berlin in ausgesprochen holprigem Englisch, das alles sei ein Missverständnis. Er habe erzählen wollen, wie man mit Claudia Pechstein gescherzt habe. Sie habe fünfzehn Jahre lang immer gut trainiert. Dann lief er über 5000 Meter auf Platz zwei (6:17,17) hinter dem Niederländer Sven Kramer (6:14,79).

Jenny Wolf: Dauerduell mit Wang Beixing

Anni Friesinger-Postma beklagte unterdessen „zwei Problemzonen“: das verletzte Knie, das durch die Belastung in Berlin wieder angeschwollen ist, und den ebenfalls noch nicht geheilten Knöchel. Die Schritte in der Kurve hätten kein Problem bereitet, wohl aber die kraftvollen Schwingbewegungen auf der Geraden. „Es tut nicht weh“, sagte sie. „Aber es kommt auch nichts raus.“

Das sah bei Weltmeisterin Jenny Wolf am Sonntag ganz anders aus. Im zweiten 500-Meter-Rennen (37,52 Sekunden) schlug die Berlinerin Wang Beixing, die Siegerin vom Samstag. „Ich fürchte, es wird die ganze Saison ein Duell mit Wang geben“, sagte Wolf, „das nervt und es gibt manche Kriegsspiele am Rande.“ Nicht nur auf dem Eis.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

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