Leichtathletik

Fett und faul sind andere

Von Michael Reinsch, Kienbaum

15. April 2008 Der Ansehensverlust, wie ihn das Internationale Olympische Komitee (IOC) durch seinen schwachen Standpunkt gegenüber den Menschenrechtsverletzungen von China und durch seine Politik der Kommerzialisierung erlitten habe, schlage auf die Basis des Sports durch.

Das wirft Eike Emrich, Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), der Führung des IOC vor. „Reden, Handeln und Entscheiden sind dort entkoppelt“, kritisierte der Professor von der Universität Saarbrücken. „Die Heuchelei wird erkannt.“ Dadurch litten die Werte Schaden, die das IOC für sich reklamiere und an denen sich auch die ehrenamtlichen Trainer und Vereinsfunktionäre orientierten. In der Folge verringerte sich für diejenigen, die sich im Sport engagierten, auf dramatische Art und Weise die immaterielle Entlohnung.

„Dopt ihr auch?“

„Das Einzige, was wir ihnen zahlen können, sind Ehre und Anerkennung“, sagte Emrich am Sonntag den 260 Teilnehmern des Kongresses „Leichtathletik mit Perspektive“ im Trainingszentrum Kienbaum bei Berlin. In welcher Höhe solch ein Wert ausgeglichen werden müsse, rechnete der Soziologe mit volkswirtschaftlicher Ausbildung gleich hoch. 260 hochgebildete Leute seien für zwei Tage zusammengekommen, deshalb setze er eine Stunde mit vierzig Euro und insgesamt zwölf Stunden pro Person an: macht nach Eike Emrich rund 125.000 Euro entgangener Nutzen alternativer Verwendung der Zeit.

Gemindert werde der Ausgleich solcher Werte durch moralische Inkonsequenz und politische Glücksverheißung des IOC sowie Doping. Der Leistungssport verliere an Wert, das Engagement für ihn verliere an positiver Aufmerksamkeit. Viele Vereinsfunktionäre müssten sich die Frage gefallen lassen: „Dopt ihr auch?“

Nachwuchs-Leichathletik als Gegenentwurf

Dennoch will der DLV seinen Kongress als Signal zum Aufbruch, besser: als Beleg des erfolgten Neustarts verstanden wissen. Seine Perspektive sieht er im Zulauf von Kindern und Jugendlichen. „Leichtathletik ist mehr als eine Sportart“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop und benannte Rennen, Springen und Werfen ebenso als Teil der Alltagskultur wie Leistungsstreben und sportliches Glücksgefühl. „Nachwuchs-Leichathletik ist unser Gegenentwurf zu den fetten, faulen und fernsehsüchtigen Kindern“, rief er der Versammlung zu.

Die Olympiasieger von morgen seien schon bei der Leichtathletik, sagte Fred Eberle, der Zukunftsbeauftragte des Verbandes; man wisse nur noch nicht, wer genau es sei. Tatsächlich haben vor allem Kinder und Jugendliche trotz ihres sinkenden Anteils an der Gesellschaft für einen Zuwachs von 78.000 Vereinsmitgliedern auf nun 906.000 innerhalb von zehn Jahren gesorgt. „Wir müssen die Normen anheben, weil wir den Ansturm auf Wettkämpfe und Meisterschaften nicht bewältigen können“, berichtete Chefbundestrainer Jürgen Mallow. 15.000 Sportlehrer hat der DLV in den vergangenen fünf Jahren ausgebildet, um der Leichtathletik ihren Platz im Schulsport zurückzuerobern. Schub sollen dabei sportliche Erfolge bei der Weltmeisterschaft des kommenden Jahres in Berlin geben.

„Sport ist eine Rolle auf Zeit, kein Beruf“

Doch die Leichtathletik ist nicht nur seit der Antike olympische Kernsportart, wie ihr zugute gehalten wurde, sondern hat auch eine jüngere Vergangenheit. „Vor Jahren ist hier Thomas Springstein zum Trainer des Jahres gewählt worden“, sagte Prokop. „Ich hätte mir gewünscht, dass diejenigen, die diese Wahl getroffen haben, dies als Fehler bezeichnen.“ Doch blieb es ihm überlassen, sich im Namen des Verbandes von der Auszeichnung des Trainers zu distanzieren, der zwischenzeitlich wegen Dopings einer Minderjährigen verurteilt wurde.

Wovon sich die Leichtathleten abwenden wollen, beschrieb Verbandsarzt Uwe Wegner am Beispiel der Olympischen Spiele von Athen 2004. „Wir haben so viele Ausnahmegenehmigungen ins Deutsche Haus getragen, dass die Steinplatten auf dem Weg abgetreten sein müssten“, sagte er in Anspielung auf den Einsatz von Cortison. „Wir Ärzte waren fremdbestimmt. Trainer und Athleten haben entschieden: Gib uns jetzt die Spritze.“ Er beklagte, dass auch heute noch viel zu viele Athleten viel zu viele Schmerzmittel einnähmen. Wegner warb für ein vom Verband unterstütztes Gesundheitsmanagement, das präventiv wirke und solche Auswüchse verhindere.

Konsequenz in der Schul- und Berufsausbildung soll die Athleten unabhängig vom sportlichen Erfolg machen und sie womöglich auch vor den Versuchungen des Dopings schützen. „Sport ist eine Rolle auf Zeit, kein Beruf“, sagte Emrich. Mallow forderte, die Sportkarriere mit einer Ausbildung zu verbinden. „Weil der sportliche Erfolg nicht sicher ist, gehört beides zusammen“, sagte er.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, Wonge Bergmann

 
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