Von Michael Wittershagen, Gibraltar
04. Dezember 2007 Es ist jedes Wochenende das gleiche Schauspiel in Gibraltar, dieser britischen Exilgemeinde im Süden Europas. Am Himmel schreien Möwen, ein paar Meter vor der Küste liegen Containerschiffe vor Anker. Die Lippen schmecken salzig, der Geruch des Meeres liegt in der Nase. Und aus einer Kirche kommen Männer im Trikot von Arsenal, Manchester und Liverpool, die stolz ihre Brust herausstrecken und in ein paar Stunden wieder in einem dieser britischen Pubs sitzen, Bier trinken und dem Fernseher an der Wand zujubeln werden.
Viele haben auf den Ausgang der Spiele gewettet. Kleingeld, nicht viel mehr als ein paar Pfund. "Die Engländer sind verrückt nach Wetten. Sie glauben, den Ausgang jeder Partie zu kennen", sagt Phil Moorby. Dann lächelt er.
Mit Verstand oder Leidenschaft

Die Quoten wechseln beinahe im Minutentakt: sie werden von Männern gemacht, die vor Monitoren hocken, Kopfhörer in den Ohren haben und Sport im Fernsehen schauen
Letztlich ist dies ein Trugschluss. Aber genau so funktioniert das Geschäft mit der Hoffnung. Nicht nur Moorby verdient damit sein Geld. Der Vierundvierzigjährige arbeitet als Chefbuchmacher beim privaten Wettanbieter Bwin in Gibraltar, von wo aus das Geschäft mit den Sportwetten organisiert wird. Weitere Niederlassungen gibt es in Wien und Stockholm. Auf mehr als zehn Millionen ist die Gemeinschaft der Spieler inzwischen angewachsen, die sich bei diesem österreichischen Unternehmen registriert hat.
Sein Hauptgeschäft wickelt Bwin, das unter anderem Trikotsponsor von Real Madrid und AC Mailand ist, im deutschsprachigen Raum ab. Mehr als eine Viertelmillion Wetten werden in etwa an einem Wochenende auf die Spiele der Fußball-Bundesliga plaziert, jede von ihnen mit einem durchschnittlichen Einsatz zwischen sechs und acht Euro. Bei Spielen der Champions League ist das Volumen der Wetten noch größer. "Die Deutschen wetten mit Verstand, die Engländer voller Leidenschaft", meint Moorby. Ihm ist das egal, denn letztlich sei es immer diese gewisse Form von Unterhaltung, welche die Kunden wünschten. "It's all about entertainment", sagt Moorby dazu.
Millionen-Einsätze
Man konnte das leicht vergessen in den zurückliegenden Monaten, in denen wiederholt Schiedsrichter, Fußballer und Tennisspieler wegen bewiesener oder vermeintlicher Manipulationen von Spielen in die Schlagzeilen gerieten. Und seit dem Wochenende wird der europäische Fußball wieder von einem möglichen Manipulationsskandal erschüttert: Bei 15 Spielen verschiedener Europapokalwettbewerbe besteht der akute Verdacht der illegalen Einflussnahme (Siehe auch: Machtlos gegen Wettbetrug).
Robert Hoyzer pfiff im Sommer 2004 gegen Geld- und Sachzuwendungen Spiele so, wie es Zocker um den Kroaten Ante Sapina getippt hatten. In der gleichen Saison wurden in der italienischen Serie A mehr als zwanzig Meisterschaftsspiele unter anderem zugunsten von Juventus Turin verschoben (Siehe auch: Die Chronologie einer beispiellosen Manipulationsaffäre). Zuletzt wurde Basketball-Schiedsrichter Tim Donaghy in den Vereinigten Staaten wegen Spielmanipulation und der Weitergabe von Insiderwissen angeklagt. Und im Tennis war es der Russe Nikolai Dawidenko, der während eines Turniers in der polnischen Stadt Sopot gegen den Außenseiter Martin Vasallo Arguello im dritten Satz verletzt aufgab. Zuvor waren im Internet Wetten in Höhe von umgerechnet mehr als sieben Millionen Euro bei verschiedenen Wettanbietern eingegangen.
Wir arbeiten wie die Detektive

Sein Hauptgeschäft wickelt Bwin, das unter anderem Trikotsponsor von Real Madrid und AC Mailand ist, im deutschsprachigen Raum ab
"Bei uns wird es keinen Betrugsfall geben", sagt Christine Bauers in einem Ton, der keinen Zweifel zulassen soll. Die Sechsunddreißigjährige ist bei Bwin für die Sicherheit zuständig. Sie beobachtet die eingehenden Wetten, schaut, ob ungewöhnlich hohe Einsätze auf den Außenseiter gesetzt werden oder ob möglicherweise einer mehr weiß, als er eigentlich wissen darf. Vor einiger Zeit habe ein Eishockeyspieler aus Frankreich auf Spiele seiner eigenen Mannschaft gewettet. Er ist aufgeflogen, weil Christine Bauers seinen Namen einfach nur durch verschiedene Suchmaschinen im Internet jagte. "Wir arbeiten wie Detektive", sagt sie.
Aus vielen Ländern Europas kommen ihre Mitarbeiter. Viele haben ein abgeschlossenes Studium, sind Juristen oder Mathematiker. Christine Bauers selbst hat Fremdsprachen in Greifswald studiert. Um kurz vor zehn Uhr am Morgen sitzt sie in ihrem Büro, trinkt schwarzen Kaffee aus einer Tasse mit Katzenkopf und sagt: "Ich habe da etwas Auffälliges gefunden."
Rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche
Eine dreißigjährige Spanierin hat in den vergangenen 24 Stunden mit hohen Einsätzen und vielen Wetten beinahe zehntausend Euro gewonnen. Christine Bauers macht das misstrauisch. In der Regel sind es Männer, die Wetten abgeben, solche zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Die Frau mit den kurzen blonden Haaren klickt sich durch einige Ordner, ruft Suchmasken auf und findet heraus, dass die Spanierin wie drei andere Kunden des Unternehmens das gleiche Konto angegeben hat und alle ähnliche Nutzernamen gewählt haben. Sie wird eine Identitätsprüfung anfordern. "Wenn nötig, benachrichtigen wir auch die zuständigen Polizeibehörden."
Auf beinahe neunzig Sportarten können bei Bwin an beinahe jedem Tag rund 10.000 Wetten abgegeben werden - rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche. Und dabei muten vor allem viele der Live-Wetten, die noch während eines Spiels plaziert werden können, mitunter reichlich absurd an. Wenn es etwa darum geht, vorherzusagen, welche Mannschaft zuerst eine Gelbe Karte bekommt, wie viele Tore in der ersten Halbzeit fallen, wer den letzten Eckball eines Spiels tritt oder welcher Tennisspieler nun den nächsten Doppelfehler produziert.
Neue Quoten im Minutentakt
Die Quoten wechseln beinahe im Minutentakt, sie werden von Männern gemacht, die in einem kahlen Raum unter Halogenstrahlern vor flimmernden Monitoren hocken, die Kopfhörer in den Ohren haben und an den Wänden Fernseher hängen und Sportereignisse aus der ganzen Welt übertragen.
Zwischen 32.000 und 45.000 Euro verdient ein Buchmacher ungefähr im Jahr. Hinzu kommen Prämien, die danach berechnet werden, wie gewinnbringend seine Quotengestaltung für das Unternehmen war. Denn eigentlich geht es immer vor allem um eines: Die Spieler sollen auf falsche Fährten gelockt, ihnen soll dort Hoffnung gemacht werden, wo vielleicht gar keine ist.
Es ist nicht so schlimm, wenn wir manchmal verlieren
In einer Ecke sitzt Graham Buck aus England. Er ist ein großer und kräftiger Mann, 32 Jahre alt und kommt aus der Nähe von Manchester. Auf dem Bildschirm sieht er das Spiel von Derby County gegen den FC Chelsea, es steht 2:0 für den Favoriten aus London. Zehn Minuten vor dem Abpfiff hebt er die Quote für ein drittes Tor in diesem Spiel. "Letztlich habe ich mit der Partie so acht Prozent Gewinn gemacht", sagt er, und es klingt wie sein ganz persönlicher Erfolg des Tages.
Der Unternehmensbilanz an diesem Samstag kann er damit aber auch nicht helfen. Als Marco Falchetto, der Leiter des Büros in Gibraltar, am nächsten Morgen die Tabelle mit den Ergebnissen des Vortags öffnet, leuchtet eine rote Zahl auf. Es waren vor allem die Erfolge von Bayern, Stuttgart, Schalke, Bremen und eben Chelsea, welche es gut mit den Spielern meinten.
"Es ist nicht so schlimm, wenn wir manchmal verlieren", sagt Falchetto. "Ansonsten würde ja bald niemand mehr mit uns spielen wollen." Der Dreiunddreißigjährige wurde 1996 mit der österreichischen Nationalmannschaft der Fechter Vierter bei den Olympischen Spielen in Atlanta. Seit ein paar Jahren kümmert er sich nun um die Sportwetten bei Bwin.
Englands Schmach kostet Geld
Falchetto kommt aus Österreich - und so redet er, wie ein Österreicher eben redet. Ruhig und leise, überlegt und mit dieser gewissen Portion Schmäh in der Stimme. Die Tonlage wechselt Falchetto auch dann nicht, wenn er sich ärgert. Über das staatliche Monopol für Sportwetten in Deutschland etwa. Was er davon hält, beschreibt er mit einem Vergleich: "Das ist in etwa so, als wenn in Deutschland kein Bier mehr getrunken werden darf, es sei denn, es kommt von deutschen Brauereien. Die Leute machen ja ansonsten zu viel Blödsinn, wenn sie betrunken sind."
Im kommenden Sommer wird das Leben vermutlich auch in Gibraltar ein anderes sein. England hat die Qualifikation für die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz verpasst. Die Buchmacher auf der Insel rechnen mit Verlusten von umgerechnet rund 350 Millionen Euro.
Text: F.A.Z., 01.12.2007, Nr. 280 / Seite 34
Bildmaterial: Bwin, ddp, dpa, F.A.Z. / Michael Wittershagen