Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax
04. Mai 2008 Die Nationalmannschaft hat noch zwei Versuche. Der erste Anlauf, die Weltmeisterschaft in Kanada für sich und die deutsche Eishockey-Gemeinde zu einer Erfolgsstory werden zu lassen, ist daneben gegangen. Mit 1:5 (0:0, 1:2, 0:3) ist die Niederlage am Samstag in Halifax gegen Finnland reichlich herb ausgefallen. Eine Folge der Entstehungsgeschichte zu einem Zeitpunkt, als das Team in Überzahl übermütig wurde und eine Aktion von Christoph Schubert regelrecht nach hinten losging. Die Scheibe ist fast stehen geblieben, schilderte der Profi von den Ottawa Senators jenen Versuch, den Puck zum Mitspieler zu passen.
Der Trend zum gegnerischen Tor bot sich an. Zum Beginn des letzten Drittels lag man 1:2 hinten. Mit Antti-Jussi Niemi saß zudem ein Finne auf der Strafbank. Aber ausgerechnet in dieser an sich idealen Ausgangsposition schnappte sich Mikko Koivu jenen Puck, der für einen anderen Adressaten gedacht war. Da zeigte die Uhr gerade mal 24 Sekunden im Schlussdrittel an. Tut mir leid für die Mannschaft, sagte Schubert. Was dann kam, hörte sich an wie ein Selbstgespräch: Kopf hoch, es geht weiter.
Ende aller optimistischen Hochrechnungen
Dieses 1:3 mit der Wirkung einer kalten Dusche war zugleich das Ende aller optimistischen Hochrechnungen, die auf eine Überraschung gegen den WM-Zweiten des Vorjahres hinausliefen. Weil an diesem Montag, in Mitteleuropa ist dann bereits der Dienstag angebrochen, die Partie gegen die Slowakei ansteht, bemühte sich Bundestrainer Uwe Krupp um eine aufbauende Sicht der Dinge. Flugs wurde das 1:5 zu einer guten Erfahrung mit Blick auf den zweiten Versuch umgedeutet. Also individuelle Fehler abstellen und Strafzeiten vermeiden - zwei führten am Samstag beim 0:1 durch Koivu (22. Minute) und 0:1 durch Olli Jokinen (28.) prompt zu Gegentoren.
Die Slowaken, dieses zum Trost, sind nicht vom Kaliber der Finnen. Doch ihr Sieg über Norwegen belegt, dass die Deutschen auf der Hut sein müssen. Die Meßlatte, die gegen Finnland wider Erwarten zu hoch ausfiel, liegt im Duell mit den Slowaken niedriger. Mit vier Profis aus der National Hockey League, stets ein Gradmesser für die Qualität des Ensembles, haben sie momentan einen mehr an Bord als die Männer des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). Damit, siehe Schubert, ist keine Garantie auf Pannenfreiheit verbunden, doch auf alle Fälle ein Qualitätsschub.
Bundestrainer Krupp: Darauf lässt sich aufbauen
Am Samstag am besten illustriert durch NHL-Superstar Teemu Selänne. Nach fünf Jahren der Abstinenz war er so frei, wieder bei einer WM aufzulaufen. Er tat das so engagiert und gekonnt, als hätte es nie Rücktrittsgedanken des Veteranen gegeben. Nach Hannes Hyonens Treffer zum 1:4 (43.) nahm Krupp eine Auszeit, rief sein Team zur Ordnung. Selänne aber war beim 1:5 (53.) nicht zu stoppen. Der späte, überfällige Torbeitrag eines überragenden Solisten. Zwei Drittel lang bot das deutsche Team eine solide Leistung. Darauf lässt sich aufbauen. Die Floskel von Krupp wurde ansatzlos von allen Spielern übernommen, also auch von dem Berliner Florian Busch, der seinen Treffer zum Anschlusstor in der 33. Minute herunterspielte: Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.
Am 3. März, bei der in Berlin verweigerten und dann nach ein paar Stunden nachgeholten Dopingkontrolle, war das noch ganz anders. Busch mag nicht mehr drauf angesprochen werden. Der Nada, der Nationalen Anti-Doping-Agentur, ergeht es ähnlich, seitdem die übergeordnete Welt-Anti-Doping-Agentur den Fall ohne weitere Konsequenzen für Busch zu den Akten gelegt hat. Wir sind nicht einverstanden, sagte Nada-Sprecherin Ulrike Spitz dem Sportinformationsdienst, aber wir können nichts machen.
Selbst krachende Checks gegen die Bande halfen nicht
Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Für das Gros der Finnen traf das zu. Bei dem hohen Tempo, das sie anschlugen, kamen nicht alle aus deutschen Landen mit. Da halfen selbst krachende Checks gegen die Bande nicht entscheidend weiter. Das Team ist noch in der Findungsphase. Ein Torjäger wie Michael Wolf kam noch nicht zur Geltung, vielleicht sollte man ihn in eine Reihe mit Marco Sturm integrieren. Aber dann gäbe es das Trio Busch, Sturm und Stefan Ustorf nicht mehr. Bis zum nächsten Prüfstein bleiben nur ein paar Stunden (Siehe auch: Alle Spiele, alle Tore: Die Eishockey-WM in Kanada).
In dieser Saison hat die DEB-Auswahl schon zwei Siege über die Slowakei landen können. Kein Freibrief, aber die Aussicht, anders als gegen die Finnen, Fehler, die zu Toren führen, wettmachen zu können. Einfacher spielen, also keine Schnörkel und keine überflüssigen Kringel, hat Kapitän Sturm als Rezept für den Erfolg über die Slowakei empfohlen. Vielleicht stellt sich ja auch das als eine Illusion heraus - wie die hausgemachte Vision, den Finnen in Halifax auf Augenhöhe begegnen zu können.
Und wenn es wieder nicht klappt, bleibt immer noch die Partie gegen Norwegen. Ein Erfolg über die Skandinavier würde fürstlich belohnt: mit dem Einzug in die Zwischenrunde. Die Hundertschaften an Fans von Timmendorf bis Mittenwald, von Düsseldorf bis Dresden, hätten es verdient. Auf das ihr unerschütterlicher Teamgeist belohnt werde: You'll never walk alone ist in diesem Metro Centre zu Halifax wohl noch nie mit soviel Überzeugungskraft gesungen worden. Die anhänglichen Fans würden den Hit zur Abwechslung liebend gerne nach einem Sieg anstimmen. Es muss wirklich nicht erst im übernächsten Versuch sein.
Deutschland - Finnland 1:5 (0:0,1:2,0:3)
Deutschland: Tor: Pätzold (Worcester Sharks/AHL) Abwehr: Schubert (Ottawa Senators/NHL), Dennis Seidenberg (Carolina Hurricanes/NHL) - Schmidt (Iserlohn Roosters), Holland (ERC Ingolstadt) - Bakos (ERC Ingolstadt), Hördler (Eisbären Berlin) - Osterloh (Frankfurt Lions), Renz (Kölner Haie) Angriff: Sturm (Boston Bruins/NHL), Ustorf (Eisbären Berlin), Busch (Eisbären Berlin) - Yannic Seidenberg (ERC Ingolstadt), Ullmann (Adler Mannheim), Tripp (Hamburg Freezers) - Gogulla (Kölner Haie), Hackert (Adler Mannheim), Wolf (Iserlohn Roosters) - Fical (Nürnberg Ice Tigers), Felski (Eisbären Berlin), Rankel (Eisbären Berlin)
Finnland: Tor: Bäckström Abwehr: Nisikala, Koistinen - Väänänen, Salmela - Niemi, Luoma - Jokela Angriff: Selänne, Olli Jokinen, Peltonen - Ruutu, Mikko Koivu, Jussi Jokinen - Hyvönen, Kapanen, Pihlström - Bergenheim, Hahl, Pyörälä
Schiedsrichter: Larking/Vinnberborg (Schweden)
Zuschauer: 7658
Tore: 0:1 Mikko Koivu (21:09), 0:2 Olli Jokinen (27:26), 1:2 Busch (32:44), 1:3 Mikko Koivu (40:24), 1:4 Hyvönen (42:33), 1:5 Selänne (52:57)
Strafminuten: 14 / 8
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, Reuters
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