Schach

Nicht auszudenken

Von Christian Eichler, Bonn

27. November 2006 „Die Eröffnung“, fand Christopher Lutz, der Sekundant von Wladimir Kramnik, „ist ganz gut im Sinne der Menschheit verlaufen.“ Es geht nicht nur um Schach, nicht nur um Schönheit des Denkens, nicht nur um eine Million Euro. Es geht auch darum, ob der Mensch gegen sein Geschöpf noch eine Chance hat. „Die Ehre der Menschheit“ wollte Garry Kasparow verteidigen, als er 1997 gegen „Deep Blue“ antrat - und verlor. Seitdem haben sich die besten Schachspieler an den besten Schachrechnern die Zähne ausgebissen. Auch Kramnik, der 2002 remis gegen „Deep Fritz 7“ spielte, ein Programm der Hamburger Firma „Chessbase“.

Nun tritt der Weltmeister gegen „Deep Fritz 10“ an, das rund viermal so schnell rechnet wie sein Vorgänger. Kramnik schafft pro Sekunde die Bewertung etwa einer Stellung, der Computer schafft acht bis zehn Millionen. „Es ist vielleicht das letzte Mal, daß der Mensch eine Chance hat“, sagt Kramnik - natürlich auch, um für das als „Mensch gegen Maschine“ verkaufte Duell nach Boxermanier ein bißchen Ballyhoo zu machen. Für gute Boxpromotion braucht man am besten einen Favoriten, der auch der Böse ist. Hier ist beides „Deep Fritz“ (Siehe auch: Schach: Computer straft so hart wie Tyson).

Einigung zwischen Mensch und Maschine

Ist es wirklich die ultimative Brettschlacht, bevor der Mensch endgültig k. o. geht? In der ersten Partie am Samstag in der Bundeskunsthalle in Bonn zeigte Kramnik wenigstens, daß der Mensch der Maschine immer noch eine Kleinigkeit voraus hat: die Lernfähigkeit. Und die menschliche Stärke, die eigene Schwäche zu kennen. Kramnik warf „Deep Fritz“ schon nach sieben Zügen mit einer Zugumstellung (Dame nach d3) aus dem Katalog der gespeicherten Eröffnungen. Seine Variante der katalanischen Partie mündete in einen Damentausch, der für den Menschen als günstig gilt, weil er die Zahl der Variationen im Mittelspiel verringert - damit also jenes komplexe Feld rodet, in dem das künstliche Hirn durch schiere Rechenkraft überlegen ist.

Je langfristiger die Strategie angelegt ist, desto eher stößt der Rechner an Grenzen. Denn auch „Deep Fritz“ kann kaum mehr als 17 oder 18 Halbzüge komplett kalkulieren. So führte die Partie wie geplant in ein trockenes Endspiel, in dem Kramnik „kleine Chancen“ erahnte. Der Computer sah sich zwischenzeitlich nach eigenen Kriterien „mit 0,2 bis 0,3 Bauerneinheiten im Nachteil“. Das war nicht genug für Kramnik: „Ich habe keinen richtigen Fehler gemacht, aber das reichte nicht.“ Nach 47 Zügen einigten sich Mensch und Maschine in der ersten von sechs Partien auf ein Remis.

Menschliche Fehler?

Der 31jährige Russe zeigte sich gut erholt vom WM-Nervenkrieg vor sechs Wochen gegen Wesselin Topalow. Der Bulgare beschuldigte Kramnik, dieser habe seine auffällig häufigen Toilettenbesuche dazu mißbraucht, sich fremde Hilfe zu besorgen. Ob wahr oder nicht, Topalow ließ sich offenbar irritieren und machte Fehler. Auch gegen „Deep Fritz“ verschwand Kramnik während der vierstündigen Partie mehr als zwanzigmal in der Kulisse. Doch ließ das den Rechner natürlich kalt - der im übrigen die Tribüne ganz seinem menschlichen Gegner überließ.

Zwar hätte er dort problemlos Platz gefunden. Denn im Gegensatz zum 1,5-Tonnen-Monstrum „Deep Blue“ reicht „Deep Fritz“ ein Notebook mit einem Vierfach-Prozessor. Doch die Lüftung wäre zu laut. Daß gegen diesen unsichtbaren Gegner keine Mätzchen helfen, weiß Kramnik. Es hilft nur das Vermeiden noch des kleinsten Fehlers. Ein dreizügiges Matt, wie Topalow in der zweiten WM-Partie, würde Fritz nie übersehen. Menschliche Fehler? Diesen Gefallen tut die Maschine dem Menschen nicht.

Der Computer hat gelernt, vom Menschen zu lernen

Dabei hat der Mensch gelernt, vom Computer zu lernen. Deshalb läßt sich Kramnik nicht nur vom Großmeister Lutz sekundieren, auch vom Software-Experten Stefan Meyer-Kahlen, der ihm sagen soll, wie der Computer „denkt“. Die nächste Generation von Schachmeistern wird solche Hilfe kaum mehr brauchen. Es heißt, sie denke und spiele bereits wie ein Rechner. Aufgewachsen mit leistungsstarken Notebooks, auf denen die rund 3,2 Millionen bisher gespielten Turnierpartien gespeichert sind, spielt sie ein schnelles, aggressives Rechner-Schach, wie der 16jährige Norweger Magnus Carlsen.

Aber auch der Computer hat gelernt, vom Menschen zu lernen. Verfeinerte Programme nähern sich der menschlichen Fähigkeit des Weglassens: Sinnloses gar nicht erst in Betracht zu ziehen. „Deep Fritz“ vermeidet die Schwäche von Deep Blue, der jede Stellung vollständig neu rechnete und deshalb 200 Prozessoren benötigte. Ein internes Gedächtnis läßt Fritz die Stellungen, die er im Lauf der Partie schon kalkuliert hat, überspringen. Denn so schnell er auch wird, kein Rechner wird jemals alle Varianten einer Schachpartie durchrechnen können. Schon ein Endspiel mit nur noch sechs Steinen bis in alle Verästelungen durchzurechnen, was „Deep Fritz“ kann, erfordert einen Speicher von 1200 Gigabyte. Die denkbaren Kombinationen aller 32 Steine verzweigen sich bei vierzig Zügen auf über zehn hoch hundertzwanzig Möglichkeiten - mehr als das Universum Atome hat.

Elektronischer Friedhof

Viele Experten erwarten, daß „Deep Fritz“, der an diesem Montag die zweite Partie mit Weiß eröffnet, schon jetzt zu stark ist und daß künftige Duelle „Mensch gegen Maschine“ keinen Sinn machen. Sollte ein Programm, das kaum mehr als hundert Euro kostet, den Weltmeister schlagen, der dafür 500.000 Euro bekommt - wer würde künftig noch Fritz 11 oder 12 gegen Menschen sehen wollen? Dennoch wird Fritz 10 auf dem elektronischen Friedhof landen und nicht mehr solch nützliche Dinge tun können wie Deep Blue, der einst Kasparow schlug.

Er betreibt heute Datenforschung und hat zum Beispiel entdeckt, daß in amerikanischen Supermärkten der Absatz von Bier und Windeln in Zusammenhang steht. Also wurden die beiden Produkte weit entfernt plaziert, damit der Kunde dazwischen an vielen Kaufverlockungen vorbeimuß. Sieht aus, als wäre die Maschine doch intelligenter als ihr Schöpfer.



Text: F.A.Z., 27.11.2006, Nr. 276 / Seite 34
Bildmaterial: AP, dpa

 
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