04. August 2005 Der Bayerische Leichtathletik-Verband veröffentlicht regelmäßig ausführliche Ratschläge erfahrener Trainer. "Mittel- und Langstreckenwettbewerbe werden nicht am Start gewonnen, aber oft werden sie dort verloren", schreibt etwa Jürgen Mallow. Bis vor neun Monaten war er Cheftrainer der Leichtathleten in Bayern. Inzwischen steht er am Start zu einem Rennen, dessen Ziel die Olympischen Spiele 2008 in Peking und die Weltmeisterschaft ein Jahr darauf in Berlin sind. Zur Weltmeisterschaft 2005, die am Wochenende in Helsinki beginnt, reist Mallow als Leitender Bundestrainer. In vier Jahren wird er die Altersgrenze erreicht haben.
"So klein ist das Team gar nicht", sagt der Mann mit der randlosen Brille und dem weißen Bart über die 54 Sportlerinnen und Sportler, aus denen die kleinste Mannschaft besteht, die je für Deutschland zu einer WM gereist ist. "Es hat eine hohe Qualität. Die Aussichten sind gut." Medaillenprognosen sind seine Sache nicht, aber Hoffnung macht ihm, daß 31 seiner Mannschaft zu den je zwölf Weltbesten ihrer Sportart gehören.
Aus dem Schlaf aufwecken
Nun also soll Mallow die deutsche Leichtathletik flottkriegen, die bei den Titelkämpfen 2003 in Paris mit nur vier Medaillen und bei den Olympischen Spielen von Athen mit lediglich zwei Silbermedaillen vor die Wand gelaufen ist. "Grundsätzlich traue ich ihm das zu", sagt Patriz Ilg, der 1983 in Helsinki Weltmeister über 3000 Meter Hindernis wurde. Sein Trainer war damals, vor 22 Jahren im DLV und bei Quelle Fürth, Jürgen Mallow. "Um den Mittel- und Langstreckenlauf aus dem Schlaf aufzuwecken, bräuchte er aber länger als bis 2008 oder 2009."
Es wird es also ein Ausdauerlauf. "Ich wußte, was auf mich zukommt", sagt Mallow, als müßte er Mitleid abwehren. "Ich würde das nicht machen, wenn es nicht so schön wäre." Wenige Monate vor Kriegsende in Wustrow auf der östlichen Seite der Elbe geboren, wurde er im Standesamt von Lenzen ins Stammbuch eingetragen, wie 166 Jahre vor ihm Friedrich Ludwig Jahn. Mallow erwähnt das gern, scheint es doch, als sei ihm seine Sportbegeisterung in die Wiege gelegt. Aufgewachsen in Hamburg, wurde tatsächlich ein Mittelstreckenläufer aus ihm. Nach dem Studium in München und Wien arbeitete er im Organisationskomitee für die Olympischen Spiele 1972. Er wurde Trainer im bayrischen Verband, Cheftrainer bei Quelle Fürth und von 1982 bis 1985 Nachwuchs-Bundestrainer. Als Leitender Landestrainer ging er 1985 nach Berlin und wechselte zehn Jahre darauf nach Bayern.
Er kennt alles
"Er kennt alles, von ganz unten bis in die Spitze", lobt Ilg den Trainer, mit dem er acht Jahre lang zusammenarbeitete. "Jürgen ist kein einfacher Mensch. Athleten hatten oft mehr Schwierigkeiten mit ihm als er mit ihnen. Viele haben ihn abgelehnt." Zunächst habe Mallow auch auf ihn kühl gewirkt: "Es war Liebe auf den zweiten Blick."
Mallow lacht, wenn man ihn mit diesem Satz konfrontiert und gesteht, daß er Harmonie nicht brauche: "Ich kann mich streiten." Vielleicht hat ausgerechnet Ilg einen anderen Trainer aus ihm gemacht. Europameister 1982, Weltmeister 1983, hätte aus dem spurtstarken Hürdenläufer 1984 auch ein Olympiasieger werden sollen. Doch durch eine, so Mallow, "nicht optimal gesteuerte Folge von Be- und Entlastung" wurde Ilg krank - Chance vertan.
Wenn Mallow heute also das Bewußtsein der Athleten für den schonenden Umgang mit ihrem Körper zu schärfen sucht, wenn er ihnen deutlich macht, daß sogar falsche Ernährung Verletzungen hervorrufen kann, mag das in der Erfahrung mit Ilg begründet sein. "Vielleicht hat mich das sensibilisiert", sagt er über das Scheitern des erfolgreichsten seiner Athleten; nicht ohne zu vergessen: "Es gibt viele gute Trainer, die nie solche herausragenden Talente betreuen durften wie ich in Ilg und Rainer Schwarz."
Wir müssen die Athleten pflegen
Aus der Erfahrung ist die Devise geworden: "Wir müssen die Athleten pflegen, die wir haben, und wir müssen junge entwickeln." Die Hoffnungen, die bei den Junioren-Europameisterschaften U23 in Erfurt mit dem Gewinn von 26 Medaillen geweckt wurden, darunter vier goldenen, sollen sich bei den Europameisterschaften im kommenden Jahr in Göteborg konkretisieren. Dann wird der Nachwuchs die Etablierten fordern. Danach geht der Blick nach Peking und nach Berlin.
Um die Talente nicht schon am Start zu verprellen, beendete Mallow die Zentralisierung im Leichtathletikverband. "Die Athleten sind zuallererst für ihre Leistungen verantwortlich", sagt er. Er will nicht kommandieren, sondern überzeugen. Nicht Trainer haben Zugriff auf Athleten, sondern Sportler haben die Wahl.
Das Abschneiden deutscher Leichtathleten bei den ersten Olympischen Spielen nach der Einheit in Barcelona 1992 mit zehn Medaillen (davon vier Olympiasiegen) oder gar mit zwei deutschen Mannschaften in Seoul 1988 mit dreißig Medaillen (davon sechs goldenen) will Mallow nicht als Maßstab gelten lassen: "Das vergessen wir mal ganz schnell." Die Einheit Deutschlands, das Erstarken von China und die Entwicklung der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, der Wechsel hochdekorierter afrikanischer Athleten etwa nach Bahrein sowie nicht zuletzt die unterschiedliche Effektivität von Dopingkontrollen haben die Leichtathletikwelt profund verändert. Mallow weist darauf hin, daß der Etat des Leichtathletik-Verbandes dennoch den von 1986 nicht übertreffe. "Wir haben nicht wirklich Leistungsdenken und Eliteförderung", folgert Mallow. Trotzdem will er seinen Anspruch nicht relativieren, sondern in vier Jahren Deutschland in der Spitze der Leichtathletik-Welt verankern. An diesem Samstag fällt der Startschuß.
Text: F.A.Z. vom 4. August 2005
Bildmaterial: dpa/dpaweb