Von Marco Dettweiler, Berlin
31. August 2007 Dieser Mann geht keinen Weg. Er erreicht seine Ziele, indem er gerade auf sie zuläuft. Wände, Mauern, Autos, Bäume sind für ihn keine Hindernisse. Er rennt drei bis vier Meter die Senkrechte hoch, überspringt Geländer in der Hocke und schwingt sich einhändig von Ast zu Ast. David Belle ist ein Traceur - der Traceur. Der Franzose hat die neue Fortbewegungsart erfunden.
Mittlerweile ist der Vierunddreißigjährige ein Star, der seine Körperkünste vermarktet. Eine Kaugummifirma hat den Parkour-Meister aus Frankreich am Mittwoch nach Berlin geladen, um das Produkt Airwaves zu promoten.
Aber die Veranstaltung findet nicht an der frischen Luft statt, sondern in der noch nicht in Betrieb genommenen U-Bahn-Station unter dem Reichstag. Wo künftig Politiker ein- und aussteigen, haben die Veranstalter riesige Quader zwischen die Gleise gelegt, um David Belle auf die Sprünge zu helfen.
Rolle vorwärts, Hocksprung oder Klimmzug
Traceure rennen so schnell und effizient wie möglich zu ihrem Ziel. Dabei überwinden sie Treppen, Geländer und Mauern mit bestimmten Bewegungen, die an Turnfiguren wie Rolle vorwärts, Hocksprung oder Klimmzug erinnern. Da die Trendsportart aus Frankreich kommt, bezeichnen sie ihre Sprünge als saut de précision, roulade oder passe muraille.
Martin, ein junger Traceur aus Berlin, sieht die Veranstaltung zwiegespalten. Er und sein Team ADD treffen sich lieber am Wochenende vorm Velodrom in Berlin, um Sprünge zu trainieren. Martin ist zu diesem Event gekommen, weil der Meister aus Frankreich kommt; ebenso Jan, ein 25 Jahre alter Student aus der Schwarzwälder Provinz. Er hat die anderen Traceure gerade kennengelernt, demnächst wird er sich mit ihnen treffen.
Vorbild Belle macht nur einen Sprung
David Belle kommt hereingesprungen. Er hat ein langärmeliges T-Shirt des Sponsors an, das ihm eine Nummer zu groß ist, darunter schlabbrige Jogginghosen und Turnschuhe. Während des Interviews mit dem Show-Moderator hat er den Rücken leicht gebeugt. Die dunklen Haare sind sportlich kurz geschoren.
Er spricht nur Französisch. Was er sagt, können die etwa 300 Zuschauer schon wegen der miserablen Akustik nicht verstehen. Sie wollen es vermutlich auch nicht. Sie sind gekommen, um die Sprünge des Meisters zu sehen.
Zwar haben sich schon gute deutsche und französische Traceure an den Hindernissen abgearbeitet. Doch Belle ist nun mal der Beste. Aber das große Vorbild der Traceure macht nur einen Sprung - und verschwindet. Jan tröstet sich damit, dass sich keiner der anderen den Sprung aus fünf Metern Höhe getraut hat.
Ich bin kein Superheld!
Im Gespräch bewegt David Belle die Pupillen seiner schmalen Augen verunsichert hin und her. Er wirkt wie ein kleiner Junge, der brav mit den Eltern am Tisch beim Mittagessen sitzt, aber viel lieber draußen Fußball spielen will. Ab und zu blickt er sehnsüchtig hinüber zu seinem Team, das durch den U-Bahn-Schacht rennt und hechtet.
Belle mag solche Werbeveranstaltungen nicht. Er gibt Interviews, weil er Parkour bekannt machen will und vermutlich für seinen Auftritt gut bezahlt wird. Auch wenn ihn seine Karriere bis nach Hollywood geführt hat - erwachsen geworden ist er nicht. Das öffentliche Interesse an seiner Person lenkt er lieber auf den Sport, den er erfunden hat: Ich bin kein Superheld!
Wenn ich nicht stark bin, werde ich gefressen
Dabei liest sich sein Lebenslauf, als hätte ihn ein Drehbuchautor für ihn entworfen. Die Geschichte beginnt im Vietnam-Krieg. Sein Vater Raymond Belle wurde 1939 in Indochina, dem heutigen Vietnam, geboren. Als kleiner Junge besuchte er für ein paar Wochen Verwandte. Seine Familie sah er nie wieder. In Indochina rebellierten Kommunisten gegen die französische Kolonialmacht, das Land spaltete sich.
Raymond kam mit sieben Jahren in ein Waisenlager und wurde dort zum Kindersoldaten ausgebildet. David sagt, sein Vater habe in dieser Zeit sehr gelitten. Er sei damals zu dem Entschluss gekommen: Wenn ich nicht stark bin, werde ich gefressen. Also trainierte Raymond Belle seinen Körper und seinen Kopf. Er wollte schneller sein als mögliche Verfolger - und suchte sich eine Methode, effizient durch den Dschungel zu flüchten.
Im Dschungel hat der Vater die Methode erfunden
Als Davids Vater 1958 als ausgebildeter Soldat nach Paris kam, brauchte er seine Methode eigentlich nicht mehr. Doch was er sich beigebracht hatte, wollte er nicht aufgeben. Raymond Belle ging zu einer Pariser Elite-Einheit der Feuerwehr, den Sapeurs-Pompiers.
Stimmt die Geschichte, dass Davids Vater 1965 mit einem spektakulären Stunt einer suizidgefährdeten Frau, die sich von einem Hochhaus stürzen wollte, das Leben rettete? David antwortet kurz: Ja, mein Vater hat häufig seine Fähigkeiten eingesetzt, um anderen das Leben zu retten.
David Belle ist kein Feuerwehrmann. Er ist Stuntman, Schauspieler, Traceur. Warum trainiert jemand eine Flucht- und Rettungsmethode, wenn er nicht flüchten und niemanden retten muss? Als ich 15 Jahre alt war, wurde ich misstrauisch, sagt er. Ebenso wie sein Vater trieb ihn die Angst. In der Tristesse des Pariser Vororts Lisses hatte David genug Zeit, sich vorzustellen, was zu tun ist, wenn man verfolgt wird oder jemandem helfen muss. David wendete die Methode, die sein Vater im Dschungel erfunden und die er seinem Sohn im Wald beigebracht hatte, auf die urbane Umgebung an.
Sie haben ihn schon für Werbespots engagiert
So wurde Lisses zum Ausgangspunkt einer weltumspannenden Bewegung. Bei Youtube gibt es einen Dokumentarfilm über die Schwierigkeiten mexikanischer Traceure zu sehen; zur Veranstaltung in Berlin kam ein Team aus Polen; im Bond-Film Casino Royale verfolgt Daniel Craig in Afrika einen Bösen, der ziemlich gut Parkour kann; Madonna lässt in einem Videoclip Traceure durchs Bild hüpfen; und Nike, Nissan und Canon haben Belle schon für Werbespots engagiert.
Allein in Deutschland gehen zwischen 1500 und 2000 Traceure ihren eigenen Weg. So viele Mitglieder hat Sandra Hess in ihrer Datenbank, die Präsidentin der Parkour Association Germany. Auch sie wirkt schüchtern. Die blonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden, schaut die Freestyle-Karate-Weltmeisterin mit ihren blauen Augen etwas unsicher in die Welt und sagt steife Sätze: Parkour ist ein Training für Körper und Geist.
Wie sein Vater will er schnell fliehen
Mit Parkour hat David Belle etwas erfunden, das gern schwammig mit Begriffen wie Philosophie, Körperkunst, Lifestyle oder Trendsportart belegt wird. Belle meidet solche Einordnungen. Für ihn ist Parkour eine Körperertüchtigung, die einem selbst und anderen helfen kann. Wenn Sie mir sagen, dass hier in dreißig Sekunden eine Bombe hochgeht, weiß ich genau, wie ich rauskomme.
Er gibt zu, noch nie in einer solchen Situation gewesen zu sein. Dann erzählt er die Geschichte von dem Mädchen, das in Lebensgefahr war, weil es sich in fünf Meter Höhe auf eine Mauer verirrt hatte. Er konnte es retten und zu den Eltern zurückbringen.
Wie sein Vater will er schnell fliehen und schnell helfen können. Dass beides selten vorkommt, ist für ihn kein Argument. Ich hätte Schuldgefühle, wenn ich nicht eingreifen könnte. Auch für diesen Abend hat er umsonst trainiert. David Belle verlässt den U-Bahn-Schacht über die Treppe, wie alle anderen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Christian Thiel, ddp, dpa, Helmut Fricke