Roger Federer

Einfach der Beste

Von Peter Penders, Wimbledon

Der Kuss des Champions: Roger Federer mit dem Goldpokal

Der Kuss des Champions: Roger Federer mit dem Goldpokal

06. Juli 2009 Nicht nur das Ende sah ganz anders aus, als man es erwarten durfte. Roger Federer sank diesmal nicht auf die Knie wie bei seinen fünf vorherigen Siegen in Wimbledon. Er hüpfte mit mehreren Freudensprüngen über den Rasen, grenzenlos erleichtert nach einem sensationellen Finale, dass eigentlich zwei Sieger verdient gehabt hätte - von denen aber nur einer als Gewinner die Trophäe hochhalten durfte. Es war der sechste Wimbledontriumph für Federer, und es war einer, wie er knapper nicht hätte ausfallen können. Nach 4:16 Stunden Spielzeit siegte Federer 5:7, 7:6 (6), 7:6 (5), 3:6 und 16:14 gegen den Amerikaner Andy Roddick, der genau wie Federer mit Ovationen von den 15.000 Zuschauern auf dem Centre Court gefeiert wurde.

Roddick hatte dem Schweizer alles abverlangt, viel mehr, als ihm jeder Experte zugetraut hatte. Der Amerikaner, der Federer 2004 und 2005 schon im Finale unterlegen war, spielte das Spiel seines Lebens und war am Ende nur der unglücklichere von zwei absolut gleichwertigen Hauptdarstellern. Wie gut Federer spielen musste, um Roddick letztlich zu besiegen, belegten zwei Zahlen: Er schlug 50 Asse und insgesamt gelangen ihm 100 direkte Gewinnschläge, aber am Ende gewann er doch nur hauchdünn.

Der König in seinem Reich
Der König in seinem Reich

Federers sechster Sieg in Wimbledon war sein 15. Grand-Slam-Titel

Für Federer war dieser Sieg allerdings mehr als nur ein weiterer Grand-Slam-Triumph. Vor einem Jahr schien seine Vorherrschaft nach der Finalniederlage gegen den diesmal verletzt fehlenden Rafael Nadal schon beendet - nun ist er nicht nur wieder Weltranglistenerster, sondern auch endgültig der erfolgreichste Spieler, den die Tenniswelt bislang je gesehen hat. „Das ist ein verrücktes Jahr“, sagte Federer, der Anfang Juni mit seinem Sieg bei den French Open schon seinen Karriere-Grand-Slam perfekt gemacht hatte. Dieser sechste Sieg in Wimbledon aber nun war sein 15. Grand-Slam-Titel, und damit überholte er den Amerikaner Pete Sampras endgültig, der als Zuschauer auf der Ehrenloge saß. Und der nächste glückliche Moment folgt schon in Kürze - im August wird Federer zum ersten Male Vater.

Schon gleich nach dem Matchball war aber auch Roddick von den Zuschauern mit Sprechchören gefeiert worden. Und der Mann, der sich so gewünscht hatte, seinem bislang einzigen Grand-Slam-Titel (US Open 2003) einen weiteren hinzuzufügen, fand auch mit Tränen in den Augen seinen Humor wieder. „Es war toll, vor allen den großen Tennis-Champions wie Rod Laver, Björn Borg oder Pete Sampras ein Finale zu spielen. Und entschuldige Pete, ich habe versucht ihn aufzuhalten, aber es hat leider nicht geklappt. Ich hoffe, mein Name wird hier eines Tages auch noch in den Pokal eingraviert“, sagte Roddick, der von Federer getröstet wurde. „Sei nicht zu traurig, ich habe hier letztes Jahr auch in fünf Sätzen verloren“, sagte Federer, doch wie in den mehr als vier Stunden zuvor auf dem Platz hatte auch diesmal Roddicks Return gesessen: „Ich habe aber vorher nicht fünfmal gewonnen.“

Roddick vergab vier Satzbälle im zweiten Durchgang

Diesmal war er nicht weit davon entfernt gewesen, es wenigstens zum ersten Male zu schaffen. Vermutlich wird der Amerikaner noch lange an diese Szene im zweiten Durchgang denken, als er eine mögliche 2:0-Satzführung vergab. Vier Satzbälle hatte sich Roddick nämlich im Tiebreak erspielt, aber er nutzte keinen und verschenkte den letzten quasi. Roddick hatte Federer schon weit aus dem Feld gedrängt und hätte seinen Rückhandvolley nur noch ins Feld drücken müssen - stattdessen war der Ball ins Aus geflogen. Federer aber holte so nach dem aussichtslos scheinenden 2:6-Rückstand insgesamt sechs Punkte hintereinander und gewann den Tiebreak noch 8:6.

Vielleicht war dieser Moment, als Roddick seinen Satzball vergab, die letztlich spielentscheidende Szene der gesamten Partie, denn der aufschlagstarke Amerikaner wirkte so entschlossen, wie man ihn noch nie gesehen hatte. Im ersten Satz hatte er vier Breakbälle von Federer beim Stand von 5:5 abgewehrt und im nächsten Spiel seine einzige Möglichkeit zum 7:5 genutzt. Und ob er sich eine 2:0-Satzführung noch hätte nehmen lassen? „Andy hat unglaublich gespielt“, sagte Federer, dem es in der gesamten Partie nur ein einziges Mal gelingen sollte, Roddick den Aufschlag abzunehmen - das allerdings war das Break, dass ihm im fünften Satz schließlich den Sieg brachte.

Der an Spielen längste fünfte Satz

Der dritte Durchgang war zuvor wieder im Tiebreak an Federer gegangen, danach aber hatte Roddick mit dem 6:3 wieder den Satzausgleich geschafft. 95 Minuten dauerte dieses Nervenspiel im letzten Satz, der in Wimbledon ohne Tiebreak gespielt wird. Federer hatte den leichten Vorteil immer als Erster aufschlagen zu dürfen, Roddick musste danach stets erst wieder ausgleichen. Einen Breakball musste der Amerikaner gleich im ersten Aufschlagspiel abwehren, danach gerieten beide zunächst nicht mehr in Gefahr. Es stand 8:8, als die Zuschauer die Sensation witterten, und sich Federer zwei Breakbällen des Amerikaners ausgesetzt sah, die er aber beide mit guten Aufschlägen zunichte machte.

Danach schien Federer dem Sieg immer etwas näher zu sein, weil er seine Aufschlagspiele stets problemlos gewann, aber Roddick wehrte sich mit aller Kraft gegen die Niederlage. Die war erst beim Stand von 14:15 aufgebracht, als der an Spielen längste fünfte Satz, der je in einem Grand-Slam-Finale gespielt wurde, schließlich doch ein Ende fand. „Ich war heute der Glücklichere, aber hoffentlich gewinnst du hier auch noch“ sagte Federer danach zu Roddick, und vermutlich gab es niemanden, der dem Schweizer da widersprochen hätte.

Die meisten Grand-Slam-Turniersiege
Roger Federer (Schweiz) 15
Pete Sampras (USA) 14
Roy Emerson (Australien) 12
Rod Laver (Australien) 11
Björn Borg (Schweden) 11
William Tilden (USA) 10
... Boris Becker (Leimen) 6

Die meisten Wimbledonsiege im Herren-Einzel
Pete Sampras (USA) 7 (1993,1994,1995,1997,1998,1999,2000)
Roger Federer (Schweiz) 6 (2003,2004,2005,2006,2007, 2009)
Björn Borg (Schweden) 5 (1976,1977,1978,1979,1980)
Boris Becker (Leimen) 3 (1985,1986,1989)



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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