Von Frank Heike
11. Dezember 2007 Am Tag nach dem fünften Sieg im sechsten Spiel stand Ausspannen auf dem Programm. Ein bisschen bummeln und spazieren in Dijon, Freunde und Verwandte treffen, für ein paar Stunden mal den Handball vergessen. Es ist eine extrem stressige Weltmeisterschaft dieser Tage in Frankreich; in einer Woche wird das ganze Programm durchgepeitscht, und die vermeintlich freien Tage sind Reisetage.
So wird es den bisher so erfolgreichen deutschen Handball-Frauen auch gehen, wenn sie sich am Mittwoch in den Hochgeschwindigkeitszug TGV setzen und die anderthalb Stunden von Dijon nach Paris fahren. Dort finden von Donnerstag an die Spiele der Ausscheidungsrunde statt, und schon jetzt macht sich im deutschen Team angesichts des nahenden Viertelfinales eine ziemliche Anspannung breit.
Ein Konkurrent ist so schwer wie der andere
Doch wer wird der Gegner sein? Klar ist nur, dass Turnierfavorit Norwegen den Deutschen erst einmal nicht im Wege stehen wird. Die Norwegerinnen sind in ihrer Hauptrundengruppe 1 schon vor dem letzten Spiel Erster. Für die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) kann es nach dem am Ende zittrigen 35:32 gegen Polen am Sonntag noch alles zwischen Platz eins und drei in der Hauptrundegruppe 2 werden – mit einem Sieg an diesem Dienstag gegen Rumänien stünde sie als Gruppensieger fest.
Weltmeister Russland, Gastgeber Frankreich oder Überraschungsmannschaft Angola – da ist ein Konkurrent so schwer wie der andere. Welthandballerin Nadine Krause sagt: Wir wollen auf jeden Fall gegen Rumänien gewinnen. Auf irgendwelche Rechenspiele wollen wir uns erst gar nicht einlassen.“ Besonders gern würden Krause und Co. die Osteuropäerinnen auch deshalb schlagen, weil es 2005 bei der WM in St. Petersburg eine 26:37-Niederlage gegeben hatte.
Doch mag auch viel Prestige auf dem Spiel stehen – im Grunde ist das Viertelfinale stets im Hinterkopf. Dieses Spiel am Donnerstag in Paris entscheidet darüber, ob die DHB-Frauen ihre hochgesteckten Ziele erreichen werden. Ein schlechter Tag, eine Niederlage, und niemand spräche mehr von den bislang starken Leistungen.
Anfälligkeit für gewisse Minuten
Die Anfälligkeit seiner Mannschaft für gewisse Minuten spukte Armin Emrich im Kopf herum, als er sein Team am Sonntagabend kritisierte. 22:12 hatte die Nationalmannschaft zur Pause gegen Polen geführt, war aber am Ende beim Stand von 33:32 noch einmal mächtig ins Wackeln geraten. Mir hat es die Sprache verschlagen“, sagte Emrich, wenn nicht der nötige Respekt vorhanden ist, kann so ein Spiel in die Hose gehen.“ Noch mehr als im Männerhandball sind bei den Frauen hohe Führungen kein Indiz für den weiteren Spielverlauf.
Selbst Teams auf Weltniveau sind in der Lage, binnen Minuten alles zu verspielen – wie es Rumänien bei der Niederlage gegen Ungarn etwa passierte. Auch die Deutschen neigen dazu, bei hoher Führung weiter volles Tempo zu spielen, zu früh abzuschließen und in Gegenstöße und Tore der zweiten Welle zu laufen. Es scheint doch etwas an Andreas Thiels’ Aussage zu stimmen, der in bester Macho-Attitüde gern sagt, Frauen könnten keinen Vorsprung verwalten. Der Torwarttrainer der deutschen Mannschaft ist fest davon überzeugt, dass ein gewisses Nervenflattern zum Frauenhandball gehört.
In Stressphasen belastbarer geworden
Emrich nimmt aus dem Polen-Spiel und dem eher glücklichen Remis gegen Ungarn am Samstag lieber das Positive mit, denn keine der beiden Partien wurde trotz manch bedrohlicher Situation verloren. Wir sind in Stressphasen belastbarer geworden. Aber wir dürfen in Einstellung und Konzentration nicht nachlassen“, sagt Emrich. Alle weiteren Spiele seien nun große Herausforderungen“.
Emrich kann sich vor allem auf eine Spielerin verlassen: Grit Jurack. Die 30 Jahre alte Leipzigerin von Viborg HK hat bei diesem Turnier noch einmal einen Sprung nach vorn gemacht. Vor allem hat sie ihre Abwehrarbeit verbessert und trifft vorn immer dann, wenn es eng wird. Der Respekt der Polinnen vor ihr war jederzeit zu spüren; kein Wunder, zusammen mit der Ungarin Anita Görbicz führt Jurack die Torschützenliste mit 47 Treffern an.
Hingegen ist Nadine Krause mit 30 Toren in sechs Spielen noch nicht in der Form wie bei den vergangenen beiden Großereignissen. Große Sorgen bereitet der 26 Jahre alten Profispielerin vom FC Kopenhagen das nicht: Solange Grit trifft und die Mannschaft gewinnt, ist doch alles in Ordnung.“ Emrich hofft darauf, dass die zweite deutsche Rückraumwerferin spätestens mit dem Viertelfinale ihre Qualitäten wiederfindet und zusammen mit Jurack dafür sorgt, dass Deutschland um die Medaillen mitspielt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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