American Football

Die Politik der harten Ellenbogen

Von Jürgen Kalwa, New York

Nimmt es mit der NFL und auch sonst vielen auf: Raiders-Besitzer Al Davis, 79

Nimmt es mit der NFL und auch sonst vielen auf: Raiders-Besitzer Al Davis, 79

11. November 2008 Jeden zweiten Sonntag zwischen dem Spätsommer und Anfang Januar sitzt ein Mann mit einem blassen Gesicht und einer dunklen Sonnenbrille auf der Nase in seiner Luxussuite im McAfee Stadium in Oakland und sieht, was alle sehen: eine Football-Mannschaft, die seit Jahren so schlecht spielt, dass sich fast jeder der loyalen Anhänger fragt: Wann wird das endlich anders?

Wenn es nach dem Mann mit der dunklen Sonnenbrille ginge, dann würde die Antwort „sofort“ lauten. Weshalb sich Al Davis, 79 Jahre alt und seit fast dreißig Jahren Mehrheitseigner der Oakland Raiders, schon häufiger Spielzüge ausgedacht und per Telefon an den Cheftrainer geschickt hat, der unten an der Seitenlinie steht. Wenn das nichts fruchtete, hat er den Coach entlassen.

Dem besten Spieler und dem Trainer hat Davis schon gekündigt

Gefeuert und als Lügner abgestempelt: Trainer Lane Kiffin

Gefeuert und als Lügner abgestempelt: Trainer Lane Kiffin

Der letzte wurde vor ein paar Wochen hinausgeworfen und öffentlich als Lügner abgestempelt. Sein Nachfolger läuft unter dem Label „Interim“ und bekam nur drei Wochen später die erste Hiobsbotschaft, die ihn nachdrücklich daran erinnerte, dass er einer höheren Macht dient. Er muss für den Rest der Saison auf seinen besten Mann verzichten: auf Cornerback DeAngelo Hall.

Dessen Vertrag wurde gekündigt, nachdem das Team sechs der ersten acht Spiele verloren hatte. Tatsächlich kann der Verteidiger nicht das Problem gewesen sein. Das Team krankt vor allem im Angriff. Das Manöver kostete den Klub acht Millionen Dollar an Gehalt für Hall und einen Draftplatz, den man den Atlanta Falcons vor dieser Saison im Tausch für den Spieler gegeben hatte.

Als Trainer gewann Davis dreimal die Super Bowl

Amerikas wirtschaftlich erfolgreichste Mannschaftssportart hat schon viele eigenwillige Typen produziert, die aus dem professionellen Gerangel um ein Lederei das Gegenstück zu den endlosen Seifenopern im Tagesprogramm des Fernsehens machen. Aber Al Davis, der Mann mit der Sonnenbrille, ein Stoiker mit starrem Blick, spielt in dieser Kategorie in einer ganz anderen Liga. Er ist eine Institution, an der niemand vorbeikommt. Und der Name seiner Mannschaft flößt noch immer vielen Football-Fans Respekt ein.

Was weniger an dem schwarz-silbernen Emblem liegt, auf dem ein Pirat mit einer Augenklappe abgebildet ist, sondern an der sportlichen Bilanz von einst. Vor allem Davis, der früher als Coach der Mannschaft einen siebten Sinn für das brutale Spiel offenbart hatte, später mit Erfolg als Commissioner die American Football League leitete und sie aufgrund seiner Initiative mit der National Football League zu einer größeren und stärkeren Einheit verschmolz, kann als Architekt für den Nimbus der Mannschaft gelten, die siebenmal im Finale um die Super Bowl stand und dreimal gewann und so viele Spieler in der Hall of Fame hat wie keine andere.

Die neue Trainer-Generation führt mit leisen Tönen

Die eiserne Faust, mit der Davis einst den Laden aufbaute und zusammenhielt, mag das richtige Rezept für eine Phase in der Ligageschichte gewesen sein, als das Spiel von herrischen Patriarchen dominiert wurde, die ihre Spieler wie Galeerensträflinge behandelten. Die NFL von heute funktioniert nicht mehr nach solchen Mustern.

Spielzüge per Telefon, Politik mit harten Ellenbogen

Spielzüge per Telefon, Politik mit harten Ellenbogen

Die Einführung der Salary Cap, einer Gehaltsobergrenze, hat ein neues Denken mit sich gebracht: Man muss mit dem Taschenrechner umgehen können. Und eine neue Generation von Trainern wie Tony Dungy (Indianapolis Colts) oder Bill Belichick (New England Patriots) haben gezeigt, dass man seine Spieler am besten mit leisen Tönen dirigiert und ihnen auf Augenhöhe begegnet anstatt von oben herab.

In der Umkleide klingt die Stimmung nach Meuterei

Deshalb war es auch keine Überraschung, dass die Zeitungen in Kalifornien in der vergangenen Woche aus der Umkleidekabine der Raiders eine Stimmung vermeldeten, die nach Meuterei klingt. Das passte zu dem Auftritt der Spieler bei der peinlichen Heimniederlage am Sonntag gegen Atlanta. Das Resultat von 0:24 spiegelte noch gar nicht mal das ganze Ausmaß der abgrundtiefen Leistung wieder.

Die eiserne Faust von Al Davis: der Teameigner zitiert öffentlich aus einem Brief an den ehemaligen Trainer Lane Kiffin

Die eiserne Faust von Al Davis: der Teameigner zitiert öffentlich aus einem Brief an den ehemaligen Trainer Lane Kiffin

Das konnte man sich viel besser aus einer anderen Statistik zusammenkratzen: Der Angriff hatte in 60 Minuten ganze drei First Downs erzielt. Aufgebrachte Fans, die müde geworden waren, ihre Mannschaft auszubuhen, begannen damit, die Kameraleute des Fernsehens anzubrüllen, die beim konservativen Rupert-Murdoch-Sender Fox arbeiten.

„Die halbe Strecke durch den Albtraum“

„Das war ein Segen für mich“, sagte DeAngelo Hall, der nur wenige Tage später bei den Washington Redskins einen neuen Vertrag erhielt und Reportern versicherte, dass er nicht aus Leistungsgründen entlassen worden war, sondern aus finanziellen. Der 24-Jährige hätte im Rahmen eines langfristigen Arrangements in der kommenden Saison in Oakland 16 Millionen Dollar verdient. Ein Betrag, der Davis angesichts des mangelnden Zuschauerinteresses sehr viel Kopfzerbrechen bereitet hatte. Die Raiders gehören zu den wenigen Mannschaften in der NFL, die nur noch selten alle Karten für das mit 63.000 Sitzplätzen ausgestattete vergleichsweise kleine Stadion verkaufen.

Für die Zurückgebliebenen ist das kein Trost. Selbst wenn die Raiders bereits „die halbe Strecke durch den Albtraum“ geschafft haben, wie der San Francisco Chronicle vor ein paar Tagen spöttisch titelte. Der Spielplan in der NFL sieht nur 16 Begegnungen für Mannschaften vor, die sich nicht für die Play-offs qualifizieren. In der Zwischenzeit weiß Lane Kiffin, der Trainer, der Anfang Oktober seinen Job verlor, noch immer nicht, wann denn wohl sein Albtraum zu Ende sein wird. Er hat die Ligaführung in New York angerufen, um seinen guten Namen zu retten und die vertraglich zugesicherten, ausstehenden 2,6 Millionen Dollar zu erhalten, die Davis nicht bezahlen will.

Davis nimmt es mit der NFL auf - wieder einmal

Wie das ausgeht, ist schwer zu sagen. Der Eigentümer der Raiders war sich noch nie zu schade, es mit der NFL aufzunehmen. Auch hier sieht seine Bilanz ziemlich gut aus. So verklagte er die Liga in den achtziger Jahren, als sie ihm den Umzug nach Los Angeles untersagen wollte. Er gewann. Vielleicht hätte er mit den Raiders in Südkalifornien bleiben sollen.

Denn seine Politik der harten Ellbogen produziert mitunter auch extrem schlechte Resultate. Nur eines wird sie nicht fabrizieren: den totalen sportlichen Absturz ins Nichts. Die NFL hat wie die anderen amerikanischen Ligen auch keinen Auf- und keinen Abstieg. Im nächsten Jahr geht's weiter.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

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