03. Juli 2009 Keine Chance, zu entkommen, auch Lance Armstrong wird das nicht schaffen. Der Texaner legt ja bei öffentlichen Auftritten großen Wert auf Sicherheit, er lässt sich von kräftigen Männern abschirmen. Aber sie werden bei dieser Tour de France nicht jeden Zugriff verhindern können, darauf hat jetzt Pierre Bordry hingewiesen, der Präsident der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD). Sollte Armstrong sich bei der an diesem Samstag in Monte Carlo beginnenden Tour einem Dopingtest unterziehen müssen, soll das umgehend geschehen, ohne jede Verzögerung. Acht Chaperons stehen dafür laut Bordry zur Verfügung, sie begleiten die Radprofis nach den Etappen zu dem Ort, an dem die Proben genommen werden. Es werde keine Kompromisse geben, sagte Bordry kategorisch: erst zur Kontrolle, dann unter die Dusche. Und natürlich gilt das bei der Tour auch für den prominenten Rückkehrer Armstrong.
Die AFLD lässt offensichtlich die Muskeln spielen, der Internationale Radsportverband (UCI) zeigt ein ähnliches Verhalten. Der Kampf gegen Doping könnte tatsächlich intensiviert werden, seit die beiden Parteien, die lange im Streit lagen, einander wieder nähergekommen sind. Diese Allianz wird in diesem Juli sogar durch die Streckenführung dokumentiert: Die Tour de France passiert auf der 15. Etappe den Schweizer Ort Aigle, wo die UCI ihren Sitz hat.
Ich erwarte jede Menge Doping
Immerhin stellte die UCI nun schon für einige Rennfahrer die Zeichen auf Stopp, gerade erst traf dies den Niederländer Thomas Dekker. Ihm wurde durch neue Analyse-Methoden Epo-Doping aus dem Jahre 2007 nachgewiesen - Dekker, der seine Unschuld beteuert, fehlt bei der Tour. Angeblich wird der Niederländer kein Einzelfall bleiben, nach Berichten französischer Zeitungen sollen bis zum Start der Tour weitere Profis enttarnt werden (siehe: L'Equipe: Etliche neue Dopingfälle noch vor dem Tour-Start). Der UCI hilft dabei der biologische Pass, in dem die Blutprofile der Fahrer aufgelistet sind; so sind Veränderungen im Blutbild, die ein Hinweis auf Doping sein können, unschwer festzustellen.
Eine Tour der Erneuerung also? Das wird wohl tatsächlich so sein, allerdings nicht im Sinne all jener, die sich für eine neue Glaubwürdigkeit im Radsport stark machen. Nachdem zum Beispiel der Missbrauch mit Cera, wie bei der vergangenen Tour de France zu erkennen war, aufgedeckt werden kann, dürften in einer Branche, in der die Leistungsmanipulation gewissermaßen zum Alltag gehört, schon wieder neue Präparate im Umlauf sein - wer sie einsetzt, wird hoffen, von den Fahndern noch nicht überführt zu werden. Ich erwarte jede Menge Doping auf einem höheren wissenschaftlichen Absicherungsniveau. Die Personen sind so eingestellt, dass sie nicht mit auffälligen Werten bei irgendeiner Kontrolle erwischt werden, sagte dieser Tage der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke. Allerdings hatten 2008, zu sehen an den Fällen Riccardo Ricco, Stefan Schumacher oder Bernhard Kohl, doch manche Profis die Rechnung ohne die Jäger gemacht.
Profis im Zwielicht
Bordry jedenfalls kündigte einen harten Kurs an, er glaubt sogar, in gewisser Hinsicht einen Vorsprung gegenüber möglichen Dopingsündern zu haben. Es gebe, sagte er, ein neues Testverfahren für eine Substanz, von dem die Fahrer noch nichts wüssten. In diesem Jahr soll es mehr als 500 Dopingkontrollen geben, so viele wie noch nie bei der Tour. Die Tour wird das am besten kontrollierte Großereignis der Sportgeschichte sein, behauptet UCI-Präsident Pat McQuaid. Und Tour-Direktor Christian Prudhomme spricht gerne von einer Vorreiterrolle des Radsports - allerdings, so der Franzose, werde das von der Öffentlichkeit kaum gewürdigt. Wir sind transparent, aber werden in Stücke gerissen. Das ist nicht fair. Wer sucht, der findet auch Betrüger - wir suchen.
Im Peloton jedoch befinden sich immer noch Profis, die seit längerem im Zwielicht stehen und bisher doch nicht belangt worden sind. Der spanische Tour-Favorit Alberto Contador zählt ebenso dazu wie der Deutsche Andreas Klöden vom Team Astana, der zu den Anschuldigungen, Blutdoping in der Uniklinik Freiburg betrieben zu haben, beharrlich schweigt. Sprinter Tom Boonen vom belgischen Quick-Step-Rennstall, der vom Hessen Patrik Sinkewitz bei einer Aussage vor der Welt-Anti-Doping-Agentur stark belastet wurde, war nach wiederholtem Kokaingenuss zwar bei der Tour unerwünscht - hat sich aber vor Gericht seine Teilnahme erstritten (siehe: Sport kompakt: Boonen darf - Skyliners wollen nicht - Goller/ Ludwig dürfen nicht mehr).
Somit bewegt das Feld sich in diesen Tagen auch im Fürstentum Monaco in einem besonderen Reizklima - und selbst mancher, der vor nicht allzu langer Zeit noch Feuer und Flamme für den Radsport war, geht inzwischen ernüchtert auf Distanz zu dem Metier. Den Sport, den wir gerne hätten, gibt es nicht mehr, sagte Hans-Michael Holczer, ehemals Chef des in den Dopingaffären untergegangen Teams Gerolsteiner. Wir erwarten zu viel, das ist nicht machbar.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS