Der Skandal

Die wichtigsten Fragen und Antworten

27. Mai 2007 Auch nach den Geständnissen der Radprofis vom früheren Team Telekom und der Freiburger Ärzte in den vergangenen Tagen bleiben viele Fragen offen. Hier gibt es die Antworten.

Ist der Radsport jetzt sauber?

Nein. In der Szene spricht man von rund einem Dutzend leistungssteigernder Substanzen, die zwar verboten sind, nach denen aber nicht gesucht wird oder die man gar nicht oder nur schwer nachweisen kann. Vieles spricht dafür, dass auch bekannte Substanzen in geringen Dosierungen benutzt werden, so dass die Testergebnisse unter den Grenzwerten bleiben. Man kann also weiterdopen - und wird es deswegen auch tun.

Die geständigen Radprofis sagen, sie hätten Epo genommen, weil man es nicht nachweisen konnte. Kann man das heute wenigstens?

Ja - zumindest über einem gewissen Grenzwert. Epo soll aber auch in sehr geringen und deshalb in den Labors nicht wahrnehmbaren Dosierungen wirksam sein.

Verschiedene Politiker fordern eine Amnestie für geständige Sünder. Ist das sinnvoll?

Ja, sofern man auf Geständnisse von Vergehen jüngeren Datums hofft. Die aktuellen Geständnisse sind auf Dopingfälle in den neunziger Jahren beschränkt. Sie sind nach den Regeln des Sports, dem Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und nach dem deutschen Arzneimittelgesetz verjährt. Deshalb verlangt der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, der Abgeordnete Danckert (SPD), Athleten mit dem Angebot der Straffreiheit zum Auspacken zu bewegen nach dem Motto: Singen lassen statt strafen.

Sind Radrennen besonders verseucht?

Ja. Radsport ist geprägt von der Bereitschaft, für den Erfolg großes Leiden und ein hohes Risiko auf sich zu nehmen. Dazu ist viel Geld im Spiel. Einer der Dopingärzte des Leichtathletiktrainers Springstein rühmte dieses Experimentallabor des Sports in einer E-Mail: "Alles ist schon durchgetestet mit prof. Radfahrleuten."

Sind die ehemaligen Telekom-Profis die Ersten, die gestehen?

Nein. Schon 1924 zeigten die Brüder Henri und Francis Pelissier dem Reporter Albert Londres, womit sie sich in Fahrt brachten: Kokain, Chloroform und "Dynamit", offenbar Amphetamin. Der Enthüllungsartikel begründete einen Mythos: "Die Sklaven der Landstraße". Coppi und Anquetil, Altig und Thurau machten keinen Hehl daraus, dass Nudeln und Wasser nicht ausreichten, um mitzuhalten oder gar vorneweg zu sein. Verboten wurde Doping erst nach dem Tod von Tom Simpson vor den Kameras der Tour 1967. Bjarne Riis war nicht der erste Tour-Sieger, der Doping gestand. Schon Fausto Coppi, Charly Gaul und Bernard Thevenet hatten gebeichtet.

Warum packen die ehemaligen Telekom-Profis eigentlich jetzt aus?

Ende April hat ihr ehemaliger Pfleger Jef D'hont im "Spiegel" über die Doping-Praktiken im Team Telekom berichtet. Nachdem Bert Dietz viele Aussagen bei "Beckmann" bestätigte, hätte den Leugnern niemand mehr geglaubt. Tempo und Tränen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sachdienliche Hinweise auf das aktuelle Dopingsystem und seine Praktiken ausgeblieben sind.

Wie kontrollieren die Saubermänner von T-Mobile intern?

Das Team hat Gesundheits- und Blutprofile seiner Fahrer anlegen lassen und will sie mindestens sechsmal im Jahr Blutvolumenuntersuchungen unterziehen. Dabei sollen Unregelmäßigkeiten auffallen, wie sie etwa durch Eigenblutdoping entstehen. Solch ein Test führte dazu, dass das Team seinen Kapitän Sergej Gontschar vor dem Start vom Giro zurückzog.

Kann Bjarne Riis der Sieg bei der Tour de France nach elf Jahren aberkannt werden?

Vor dieser Frage stehen die Veranstalter der Tour, seit Riis am Freitag Doping, auch bei der Tour 1996, gestanden hat. Wenn sie Riis aus der Siegerliste streichen würden, weil sie sich nicht an die bei Sportverbänden übliche Verjährungsfrist von acht Jahren gebunden fühlen, wen erklären sie dann zum Sieger? Den Zweiten, Jan Ullrich? In ihrer Verlegenheit gehen sie auf Riis' Angebot ein, sich ein Gelbes Trikot von damals zurückgeben zu lassen. Dabei hat Riis die Frage offengelassen, warum in seinem Team Fahrer wie Laurent Jalabert, Jörg Jaksche, Tyler Hamilton, Jens Voigt und Ivan Basso mit ganz erstaunlichen Leistungen ganz erstaunliche Erfolge hatten.

Was passiert mit den Preisgeldern von enttarnten Dopern?

Nur wenige Veranstalter verlangen Prämien zurück, da diese ohnehin meist in die Mannschaftskasse fließen. Der Direktor der Tour de France, Christian Prudhomme, begrüßt jedenfalls das Geständnis von Erik Zabel so herzlich, dass es unwahrscheinlich erscheint, dass er die Prämien für die beiden Etappensiege Zabels und den ersten Gewinn des Grünen Trikots zurückfordert. Der Belgier Johan Museeuw, der Anfang des Jahres Doping gestand, gilt immer noch als Weltmeister von 1996 und dreimaliger Gewinner der Klassiker Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix. Sponsoren wie die ARD, die Ullrich leistungsabhängige Honorare aus dem Gebührentopf zahlte, müssten Rückforderungen zivilrechtlich durchsetzen.

Die Fragen stellte und beantwortete Michael Reinsch.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.05.2007, Nr. 21 / Seite 14
Bildmaterial: AFP

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