27. September 2008 Die Beamten kamen gegen 20 Uhr, und sie blieben einige Stunden. Die Spezialeinheit der Carabinieri durchsuchte am Freitagabend ein Hotel in Gaggiolo, ihr Vorgehen richtete sich gegen die Rad-Nationalmannschaft des Großherzogtums Luxemburg.
Aufruhr also unmittelbar vor dem Profirennen bei den Straßen-Weltmeisterschaften an diesem Sonntag in Varese – allerdings blieb die Razzia der italienischen Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft Varese vorerst ohne Konsequenzen für das Luxemburger Team um die Brüder Frank und Andy Schleck, die bei der Tour de France für Aufsehen gesorgt hatten.
Gelb-Träger Schleck war schon bei der Tour ins Gerede gekommen
Frank Schleck, der das Gelbe Trikot trug, war im Juli allerdings auch ins Gerede gekommen, weil er ein Kunde des spanischen Doping-Rings um den Arzt Eufemiano Fuentes gewesen sein soll. Inzwischen gibt es angeblich auch einen Beleg für eine Überweisung von Schleck an Fuentes im März 2006 – dabei soll es sich um eine Summe von etwa 7.000 Euro handeln.
Ob die italienischen Behörden am Freitag speziell gegen Schleck vorgingen, der bei dem dänischen CSC-Rennstall von Bjarne Riis unter Vertrag steht, war zunächst unklar. In ihr Visier könnte auch Joachim Benoit geraten sein, der einst ein Helfer des Amerikaners Lance Armstrong war. Es geht dabei um ein Sauerstoffzelt, das Benoit in der Vorbereitung auf die WM benutzt hatte.
In Italien sind Sauerstoffzelte verboten
Der Luxemburger hatte dies bei der Doping–Kontrolle nach dem Zeitfahren in Varese angegeben. Nach der italienischen Anti-Doping-Gesetzgebung ist es aber verboten, sich einer solchen Einrichtung zu bedienen. Benoit hatte sich auf alle Fälle unmittelbar nach dem Aufmarsch der Carabinieri in Gaggiolo einer Blutentnahme unterziehen müssen.
Frank Schleck, dessen spanischer Mitstreiter Carlos Sastre die Tour 2008 gewann, beteuerte stets, nie gedopt zu haben. Er wiederholte das jetzt. Allerdings muss er demnächst zu einer Anhörung bei der luxemburgischen Anti-Doping-Agentur erscheinen – offensichtlich gibt es Erklärungsbedarf. Schleck, der Sechster der Tour geworden war, versuchte den Eindruck zu vermitteln, dass ihm dieser Besuch kein Unbehagen bereite. Er werde sich die Zeit nehmen, die Angelegenheit zu klären. Riis, der im vergangenen Jahr ein Doping-Geständnis abgelegt hatte, will von dem Profi die Bestätigung erhalten haben, nichts Verbotenes getan zu haben.
McQuaid gibt sich ahnungslos
Der Fall Schleck überlagert den letzten Wettbewerb des Championats in Varese – und er zeigt außerdem, dass der Radsport durch die Fuentes-Affäre grundsätzlich weiter stark belastet ist. Der Internationale Radsportverband (UCI) sieht allerdings keine Handhabe, gegen Schleck noch in Varese vorzugehen und ihn vom Profirennen auszuschließen. UCI-Präsident Pat McQuaid machte am Samstag deutlich, dass sich der Verband an die Regeln halten müsse und den Rennfahrer aus Luxemburg deshalb nicht stoppen könne.
Der Ire tat so, als verfüge er über keine offiziellen Informationen zu den neuen Anschuldigungen gegen Schleck. McQuaid behauptete, dass der UCI keine Unterlagen aus Luxemburg vorlägen. Jedoch wolle man sich bemühen, an die Dokumente zu gelangen. McQuaid sagte, dass er sehr enttäuscht wäre, würde sich bestätigen, dass sich Schleck tatsächlich von den Blutpanschern aus Spanien betreuen ließ.
Am Montag weitere Kontroll-Resultate von der Tour
Im Vorjahr hatte die UCI noch den Spanier Alejandro Valverde, der ebenfalls von Fuentes mit frischem Blut versorgt worden sein soll, von der WM in Stuttgart ausschließen wollen. Der Verband glaubte, eine Verwicklung Valverdes in den Skandal belegen zu können – im Gegensatz zur Causa Schleck. Valverde jedoch, der auch in Varese startet, durfte nach einem Beschluss des Internationalen Sportgerichtshofs in Stuttgart dabei sein. Die UCI hat die Akte Valverde inzwischen geschlossen, da die spanische Justiz keine weiteren Ermittlungen zulässt. Sie blockiere den Fall, sagte McQuaid am Samstag.
Anderswo wird dagegen kräftig daran gearbeitet, Doping-Sünder zu enttarnen, beispielsweise in Frankreich. Pierre Bordry, der Präsident der französischen Anti-Doping-Agentur, kündigte an, dass an diesem Montag weitere Analyse-Ergebnisse der vergangenen Tour de France vorliegen könnten. Einige Profis, sagte er, die nun in Varese seien, werden wohl schlecht schlafen“. Das Labor in Châtenay-Malabry bei Paris werde bei der Suche nach Rückständen des neuen Epo-Produktes Cera nach einer völlig neuen Methode“ vorgehen.
Bei der Tour waren vier Profis des Dopings, größtenteils mit Cera, überführt worden. Darunter befanden sich der Italiener Riccardo Ricco und der Spanier Manuel Beltrán. Wie es heißt, könnte ihnen bald eine größere Gruppe von Profis folgen. Der Radsport muss sich somit auf neue schwere Erschütterungen einstellen. Und Varese auf einen Schlussakt mit erheblichen Dissonanzen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP