Interview

"Ich bin einfach müde"

Franziska van Almsick hat noch ein großes Ziel, erkennt aber auch das große Risiko

Von Gerd Schneider

28. November 2003 Franziska van Almsick - beim Interview direkt nach einer Trainingseinheit in Berlin waren ihr die Belastungen anzumerken. Sie mußte das Training wegen Schulterschmerzen abbrechen und war auch sonst in einer eher gedämpften Stimmung.

Es heißt, viele deutsche Schwimmer hätten in den vergangenen drei Monaten, dem ersten Vorbereitungsblock für die Olympischen Spiele, so hart trainiert wie noch nie. Wie erging es Ihnen?

Es war hart, vor allem die drei Wochen Höhentrainingslager in der Sierra Nevada. Aber davon abgesehen bin ich ganz entspannt. Ich habe gut trainiert, und, vor allem, ich war nicht krank.

Die Schulterverletzung, die Ihnen im Sommer zu schaffen gemacht hat, ist auskuriert?

Geht so. Aber wir haben es im Griff. Woher die Schmerzen kamen, weiß keiner ganz genau. Ich denke, es ist Verschleiß. Wenn man 15 Jahre schwimmt, wird man alt. Das sieht man vielleicht nicht, aber ich spüre es.

Am Wochenende haben Sie in Gelsenkirchen Ihren ersten bedeutenderen Wettkampf seit Mai. Plötzlich interessiert sich sogar das Fernsehen für Kurzbahn-Meisterschaften.

Man sollte nicht soviel erwarten. Ich stehe mitten im Training, es ist die kurze Bahn, die ich eigentlich gar nicht mag, da rechne ich mir nicht viel aus. Dabei ist es für mich schon ein Test, den ich ernst nehme. Ich will zeigen, was ich draufhabe. Aber wenn ich Dritte werde, bricht für mich keine Welt zusammen.

Es besteht ja sogar die Gefahr, daß Sie sich für die Kurzbahn-Europameisterschaften in zwei Wochen in Dublin qualifizieren.

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal an einer Kurzbahn-EM teilgenommen habe. Das war irgendwann mal in Lissabon, aber fragen Sie mich nicht, in welchem Jahr. Ich weiß nur noch, daß ich damals eine einzige Disziplin bestritten habe, und die auch noch ganz schlecht. Wenn es mit der Qualifikation klappt, gut. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.

Was haben Sie eigentlich gegen das Kurzbahn-Schwimmen?

Ich konnte das ja auch mal, früher. Der Punkt ist: Ich mache die Sportart, weil ich schwimmen will. Auf der 25-Meter-Bahn springst du ins Wasser, und gerade wenn du in Fahrt kommst, mußt du dich schon wieder eindrehen für die Wende. Und meine Spezialität sind die Wenden nun mal nicht.

Warum lassen Sie die Kurzbahn-Saison dann nicht ganz aus?

Es ist noch mal eine Herausforderung. Deshalb nehme ich es auch nicht auf die leichte Schulter.

Wie hält man sich im harten und eintönigen Schwimmer-Alltag über Wasser, wenn man monatelang keine Wettkämpfe bestreitet?

Wie motiviert man sich? Am besten, einfach nicht darüber nachdenken. Man hat gute Tage, schlechte, mal verflucht man alles, mal freut man sich wahnsinnig. Aber es geht, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Und ich habe ein ganz großes Ziel, das ich ja auch klar formuliert habe: Ich will die Goldmedaille in Athen.

Wie sieht Ihr Alltag momentan aus?

Training, Training, Training. Langsam merkt man, daß Olympia immer näher rückt. Man merkt das daran, daß bei der Vereinsmeisterschaft der SG Neukölln plötzlich RTL aktuell auftaucht und ein Interview will. Sonst war nie einer da.

Würden Sie heute sagen, daß Ihre Entscheidung richtig war, die Weltmeisterschaft in Barcelona auszulassen?

Sie war richtig.

Haben Sie sich das Rennen über 200 Meter Freistil, Ihre Spezialdisziplin, im Fernsehen angeschaut?

Dieses Mal schon. Das war ja wohl wieder typisch. Immer wenn ich nicht dabei bin, schwimmen die so langsam. Aber getrauert habe ich nicht. Es war meine Entscheidung, und deshalb hatte ich mit der WM abgeschlossen. Von dem ganzen Trubel habe ich in Athen ja genug.

Womöglich wäre das für Sie die letzte Gelegenheit gewesen, nach 1994 noch mal Einzel-Weltmeisterin zu werden.

Früher hatte ich mal das Ziel, möglichst viele Titel zu sammeln. Aber die Zeiten haben sich geändert. Ob ich jetzt zwei WM-Titel habe oder vier, das ist mir eigentlich egal. Das einzige, was mir noch fehlt, ist die Goldmedaille bei Olympischen Spielen.

Alexander Popow hat im Sommer gesagt, Sie seien eine der begabtesten Schwimmerinnen der Welt - aber zwei Jahre keinen großen internationalen Wettkampf zu bestreiten, das könne nicht funktionieren.

Es hat doch funktioniert. Nach den Olympischen Spielen von Sydney hatte ich auch zwei Jahre lang keinen großen Wettkampf bestritten, und dann kam die EM in Berlin (mit neuem Weltrekord über 200 Meter Freistil in 1:56,64 Minuten). Mir ist es auch egal, was Popow sagt. Es ist meine Entscheidung. Und der Punkt ist: Ich schaffe einfach nicht mehr beides, WM und Olympia innerhalb eines Jahres. Ich habe ja schon vor Sydney gesagt: Vielleicht sind das meine letzten Spiele. Ich bin einfach müde. Ich muß für das alles sehr hart arbeiten. So etwas wie bei der EM, das schüttel' auch ich mir nicht mehr aus dem Handgelenk.

Die Olympischen Spiele . . .

. . . die sind für mich einfach noch einmal eine Herausforderung. So einfach wird es ja auch nicht. Gold zu gewinnen, das ist ein gewaltiges Ziel. Aber wenn ich euch erzählen würde, daß es einfach schön wäre, zum vierten Mal bei den Spielen dabeizusein, und daß ich auch mit einem dritten Platz zufrieden wäre, dann zeigt ihr mir doch den Vogel. Als Weltrekordhalterin kannst du ja nur ein Ziel haben. Was soll ich euch da erzählen? Natürlich ist es ein großes Risiko, das Ziel so hoch zu stecken, aber ich gehe das ein. Was soll ich denn sonst machen, einfach dasitzen und die Dinge nehmen, wie sie kommen? Neee, dazu bin ich nicht der Typ. Es läuft doch sowieso so: Entweder ich kriege auf die Fresse, oder Ihr macht mich zur . . .

Ikone . . .

Genau. Da kann man ruhig mal das Größte versuchen.

Wenn Sie die Zeit vier Jahre zurückdrehen und sich an das Jahr vor Sydney erinnern, was ist dieses Mal anders?

Alles. Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Mein Leben, mein Lebensgefühl, es ist alles anders. Das hat mit meinem Erfolg zu tun und dem Respekt, mit dem man mir begegnet. Und mit der Leichtigkeit, das Schwimmen fällt mir wieder leicht. Das ist, wie wenn man Ballast abwirft. Jetzt habe ich so ein Gefühl der Freiheit, das Gefühl, akzeptiert zu werden und mein Leben selbst zu gestalten.

Und wenn es mit der Goldmedaille im nächsten Jahr nicht klappt?

Ich bin mir dessen bewußt, daß ich nicht sterbe, wenn ich nicht gewinne. Ich hätte sie gerne. Mehr sage ich dazu nicht.

Vor kurzem sind Sie so zitiert worden, daß die Goldmedaille ein Lebensziel für Sie sei.

Das ist wieder so eine Formulierung! Was heißt das denn: Lebensziel? Es ist ein wichtiges, großes sportliches Ziel für mich. Aber jeder, der mich kennt, müßte wissen, daß Sport nicht mehr alles ist in meinem Leben. Noch einmal: Ich werde nicht im Boden versinken, und ich werde mir auch nicht das Leben nehmen, wenn es nicht funktioniert. Und ich wäre dadurch auch kein schlechterer Mensch. Wenn mich nicht wieder jemand dazu macht. Letztlich sind es doch die Medien, die das Ganze steuern.

Man kann nicht alle Medien über einen Kamm scheren.

Aber es ist doch so, ihr seid es, die das Ganze schon wieder hochpuschen. Ihr sprecht von Lebensziel, aber ich sage: Es ist ein sportliches Ziel. Es ist wichtig, aber nicht das Wichtigste meines Lebens. Ich weiß schon, wenn ich nicht Gold hole, werden wieder alle sagen, ich bin ein Versager. Aber ändern kann ich daran sowieso nichts.

Das klingt ziemlich bitter.

Ich habe einfach schon zuviel erlebt. Ich lasse mir nicht mehr weh tun, von euch schon gleich gar nicht. Ich meine das nicht böse, aber ich habe inzwischen raus, wie das läuft. Was soll ich denn auch sagen über mein Ziel in Athen? Ich weiß doch selbst, daß ich mir dadurch einen Riesendruck aufbaue, wenn ich sage: Ich will Gold, es ist das einzige, was zählt. Ich sage jetzt schon, daß es mich sehr enttäuschen würde, wenn mir das nicht gelänge. Eigentlich belaste ich mich dadurch ja selbst. Aber es ist die Wahrheit. Die Leute würden sich doch totlachen, wenn ich sage: Dabeisein ist alles.

Es ist nun mal so: Sie sind momentan die mit Abstand schnellste Schwimmerin der Welt über 200 Meter Freistil.

Aber ich muß das auch erst mal wieder schaffen, ich bin ja bis zur EM auch acht Jahre nicht an die Zeit von 1994 herangekommen. Da krieg' ich Gänsehaut, wenn ich an das denke, was in Athen vor mir liegt. Olympia hat seine eigenen Gesetze. Und ich bin mir sicher, daß im nächsten Jahr in Athen im Finale zwei Mädels dabeisein werden, die ich jetzt noch gar nicht kenne. Da gibt's bestimmt 'ne Überraschung. Ham wir's jetzt?

Letzte Frage: Die "Bild"-Zeitung hat Sie so zitiert, daß Sie nach Athen Ihre Laufbahn beenden. Später haben Sie eingeschränkt: Vielleicht. Was denn nun?

Was soll ich dazu sagen? Immerzu werde ich danach gefragt. Ich schwimme erst mal in Athen, und wenn ich dann dort bin, werde ich sagen, ob ich weitermache oder aufhöre. Aber bis dahin will ich der Frage aus dem Weg gehen, sonst heißt es ja wieder: Kann Sie sich nicht trennen von ihrem Sport? Laßt euch überraschen. Ich kann es jetzt noch nicht sagen, ob ich zurücktrete. Ich kann nur sagen: Es sieht danach aus.

"Ich will Gold, es ist das einzige, was zählt. Eigentlich belaste ich mich dadurch ja selbst. Aber die Leute würden sich doch totlachen, wenn ich sage: Dabeisein ist alles."

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2003, Nr. 278 / Seite 30

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