Von Jürgen Kalwa, New York
11. April 2009 Der höchstbezahlte Angestellte des kleinen Bundesstaats Connecticut hat vor ein paar Wochen einen bemerkenswerten Auftritt gehabt. Da wurde er bei einer Pressekonferenz gefragt, ob er nicht angesichts der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise und eines Milliardendefizits im Haushalt auch einen Beitrag leisten wolle und auf einen Teil seines Salärs verzichten. Nicht auf zehn Cent, sagte Jim Calhoun barsch und wies den Fragesteller vor laufenden Fernsehkameras zurecht, er solle sich erst mal die Fakten besorgen. So dumm sind Sie doch nicht, oder?, begann er eine minutenlange Tirade, in der Jim Calhoun potentiellen Kritikern das Recht absprach, das Thema auch nur öffentlich zu erörtern: Mein bester Rat: Halten Sie den Mund.
Der Stil, den Calhoun pflegt, gehört zu seinem Metier. Er ist Basketballtrainer und bügelt jeden Tag in der Trainingshalle seine Spieler ab. Diese Halle steht in Storrs, einem kleinen Ort dreißig Kilometer von der Hauptstadt Hartford entfernt und Sitz der University of Connecticut, einer staatlichen Bildungseinrichtung mit 27.000 Studenten. Die überweist dem 66 Jahre alten Sportlehrer 1,6 Millionen Dollar im Jahr, ein Vielfaches von dem, was der Rektor und die Professoren verdienen. Es ist sein 23. Jahr als Headcoach an dieser Uni.

Die Reaktion von Calhoun schlug Wellen. Unter anderem auch deshalb, weil in den Vereinigten Staaten nur selten die Bezahlung der Stars aus dem Sport in Frage gestellt wird. Schon gar nicht in Wochen wie den vergangenen, wo überall in Nordamerika die sogenannte March Madness ausgebrochen war - jenes eigenartige Fieber, das das K.-o.-Turnier der 64 besten Collegebasketballmannschaften des Landes begleitet. In diesem Jahr erreichte es am vergangenen Wochenende in Detroit seinen Höhepunkt, als die letzten vier Mannschaften - die Final Four - den Sieger ermitteln.
Zu den Favoriten gehörte auch wieder der zweifache Meister Connecticut, der von Eingeweihten kurz UConn genannt wird und dessen Maskottchen die Hunderasse Huskies ist (eine humorige Anspielung auf die Tatsache, dass man im Englischen UConn so ausspricht wie den Fluss Yukon, der Alaska durchquert). Doch das Team scheiterte im Halbfinale an den Michigan State Spartans. Im Finale setzten sich letztendlich die North Carolina Tar Heels durch. Dass College-Basketball im Schatten der NBA und damit der besten Profis der Welt eine derartige Begeisterung auslöst und beim Finale knapp 20 Millionen Fernsehzuschauer anlockte, ist ein historisch gewachsenes Phänomen, das sich nur schwer erklären lässt.
Mannschaftsspiel, Sportsgeist und Fairness als Werte
Denn selbstverständlich liegt das Spielniveau der 18- bis 22-jährigen Uni-Absolventen unter dem der Profis. Der Hauptgrund für die Popularität: Im Mutterland der Sportart hat sich eine romantische Vorstellung von der Reinheit des Collegesports erhalten, in dem patriarchalische Trainer lupenreine Amateure betreuen und ihnen solche Werte wie Mannschaftsspiel, Sportsgeist und Fairness einbleuen. Die Hochburgen sind traditionell hauptsächlich Regionen abseits der wirtschaftlichen Zentren - wie etwa Kansas oder North Carolina.
Von dieser Ideologie leben die Trainer nicht schlecht. Calhoun ist nicht mal der Spitzenreiter auf der Gehaltsskala. Den ersten Platz nimmt Tubby Smith ein, der an der University of Minnesota mehr als zwei Millionen Dollar erhält. Und zwar mit einem Maximum an Arbeitsplatzsicherheit. Er unterschrieb 2007 einen Sieben-Jahres-Vertrag. Aber auch die Assistenten verdienen mit. Das Spitzensalär liegt inzwischen bei 400.000 Dollar im Jahr.
Das Spiel hinter den Kulissen ärgert nur wenige Anhänger
Die Honorierung hängt weniger von den sportlichen Meriten der Coaches ab, sondern vor allem von ihrer Fähigkeit, aussichtsreiche High-School-Absolventen an ihre Universität zu locken. Ein Vorgang, der unter dem Stichwort Rekrutierung firmiert. Denn der Konkurrenzkampf der mehr als 200 Universitäten in der obersten Leistungskategorie, genannt Division I, um die wenigen vielversprechenden Talente ist enorm. Erst recht, seitdem NBA-Teams begierig schon die ganz Jungen unter Vertrag nehmen. In diesem Wettstreit greifen die Verantwortlichen inzwischen zu massiven Mitteln und stellen die Väter von Basketball-Hoffnungen im Schulalter an, damit sich die Söhne nicht bei einer anderen Universität einschreiben müssen. Bei der University of South Carolina (USC) wurden neulich gleich zwei solcher Fälle bekannt.
Das Spiel hinter den Kulissen geht allerdings nur wenigen Sportanhängern gegen den Strich. Nicht mal, wenn es an staatlichen Universitäten geschieht, die von Steuergeldern subventioniert werden. Zumal die Gilde der Trainer ein Image kultiviert hat, das auch in den Medien kaum in Frage gestellt wird. Danach sorgen angeblich die Sportlehrer durch ihre Erfolge für Millioneneinnahmen der Universitäten - durch Eintrittsgelder und den Verkauf von lizenzierten Produkten - sowie für eine positive Stimmung unter den Absolventen der Bildungseinrichtungen, die im Rahmen sogenannter Alumni-Programme gerne um wohlwollende Spenden für den Unterhalt von Lehrstühlen und den Bau von Räumlichkeiten angegangen werden.
Die Studiengebühren in Connecticut wurden wieder erhöht
Die Argumentation läuft so ähnlich ab wie die der Vorstandsvorsitzenden großer amerikanischer Firmen, die ihre Gehälter, die inzwischen oft das Tausendfache des Durchschnittsgehalts ihrer Angestellten betragen. Auch dort gelingt es den Bossen, so zu tun, als würde das Geschäft ohne sie nicht funktionieren.
So probierte Calhoun in seiner denkwürdigen Pressekonferenz das Totschlagargument, sein Basketball-Betrieb würde schließlich pro Jahr zwölf Millionen Dollar einspielen. Eine Zahl, die nach Ansicht von Experten um rund fünf Millionen Dollar aufgerundet zu sein scheint. Auf der anderen Seite stehen Kosten von mehr als sechs Millionen Dollar, in die die Abschreibungen für den Bau der exquisiten Trainingseinrichtungen nicht eingerechnet sind. Natürlich erhalten die Spieler von dem Geld keinen Cent. Sie bekommen nur ein Stipendium, durch das ihnen die Studiengebühren und die Unterbringung erlassen werden. Die Studiengebühren in Connecticut wurden übrigens im vergangenen Monat angesichts der wirtschaftlichen Großwetterlage abermals erhöht. Um sechs Prozent.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP