Tennis-Tagebuch

Verrückte Reisen

Von Andrea Petkovic

21. Februar 2007 Mir wird oft gesagt: „Andrea, als Tennisprofi muss das Reisen doch Spaß machen!“ Außerdem höre ich mindestens ebenso häufig: „Toll, wie du in der Welt herumkommst und immer von einem schönen Hotel ins nächste ziehst!“ Manchmal frage ich mich, ob diese Leute es wirklich ernst meinen, und schon im nächsten Moment begreife ich: Sie wissen es einfach nicht besser.

Business Class im Flugzeug, 1. Klasse bei der Deutschen Bahn, die Präsidentensuite im Hotel und ausschließlich 5-Sterne-Restaurants kann sich vielleicht die Nummer 1 der Weltrangliste, Maria Scharapowa, leisten; ich jedenfalls kann es nicht. Die Realität sieht leider gänzlich anders aus. Ich habe vielmehr Schwierigkeiten, der ständigen Thrombose- und Krampfbedrohung bei Langstreckenflügen in der Economy Class zu entkommen, während regelmäßig schreiende Kleinkinder ihre Plätze nicht einnehmen, bevor ihnen zugesichert wird, dass sie mindestens eine Reihe vor oder hinter mir sitzen dürfen.

Die meisten haben ein Rad ab

Nicht zu vergessen die Sprinteinheiten, die ich weitgehend unfreiwillig absolviere, um meine Anschlussflüge nicht zu verpassen, und es dabei immerhin geschafft habe, mindestens ein Handy zu ruinieren. Bin ich irgendwann der „Gefahrenzone“ Flughafen entkommen, habe ich meistens nichts Besseres zu tun, als verbotenerweise hinter das Steuer eines Mietwagens zu hüpfen (in den Vereinigten Staaten darf man zwar mit 16 den Führerschein machen, jedoch erst ab 25 ein Auto mieten), um sieben Stunden lang mit 70 Meilen durch Florida zu fahren. Das Risiko, im Gefängnis zu landen, muss man in Kauf nehmen, wenn man rechtzeitig zum nächsten Turnier gelangen will, ohne dafür 600 Dollar für einen weiteren Horrorflug zu bezahlen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie ich denn das Auto bekommen habe, wenn man es erst ab 25 Jahren bekommen kann. Da die meisten Tennisspielerinnen ein Rad ab haben, war eine deutschsprechende Kollegin aus Bulgarien doch tatsächlich bereit, das Auto auf ihren Namen zu mieten. Natürlich nicht aus Selbstlosigkeit, sondern weil auch sie nach Tampa musste, allerdings „verrrrgessen haben, wie Autofahrrrrren gehen“. Ich sagte ja bereits, dass alle Tennisspielerinnen ein Rad ab haben. Diese war eine von den Schlimmen (das bedeutet einiges im Tenniszirkus), nächstes Mal sollte ich lieber den Bus nehmen.

Es gibt Einfacheres als Busfahren in England

Übrigens, sollten Sie jemals in Großbritannien vorhaben, mit dem Bus zu fahren, dann informieren Sie sich gut. Busfahren ist nämlich gar nicht so einfach, wie manch einer es sich vorstellt. Schließlich muss man sich mitten auf die Straße stellen, damit ein Bus vielleicht auch mal hält - ich habe genau drei hintereinander verpasst und somit eine Stunde an der Bushaltestelle mit zwei Riesentaschen bei Gefrierpunkttemperaturen gestanden. Und wenn man das Geld vorher nicht passend abgezählt hat, dann bezahlt man halt zehn Pfund für drei Haltestellen, weil man ja Tennisprofi ist und nur Scheine besitzt. Es ergibt sich dann ein weiteres Problem. Wenn man aussteigen möchte, muss man vorher auf einen kleinen roten Knopf mit der Aufschrift „STOP“ drücken. Natürlich hält der Bus nur, wenn man den exakt genauen Zeitpunkt wählt, um den Knopf zu betätigen. Drückt man zu früh, wird man ignoriert, drückt man zu spät, dann ist es nun einmal zu spät - und man sieht sein Ziel gemütlich an einem vorbeifliegen.

Hat man seine Schlafstätte erreicht, welche meistens ein Hotel ist, kann man sich endlich entspannen. Man kann duschen, auspacken und am Ende todmüde ins Bett fallen. Jedoch muss man einrechnen, dass in den Hotels, die man ausgewählt hat, um ein wenig Geld zu sparen, oftmals die Dusche nicht funktioniert, und das Ins-Bett-fallen könnte unter Umständen auch mit Komplikationen verbunden sein. Manchmal versuchen einzelne Hotels, ihren Gästen eine musikalische Freude zu bereiten und quartieren eine Horde britischer Jungs im Nebenzimmer ein, die dann in angenehmer Etagenlautstärke ihre Version von „God save the Queen“ zum Besten geben. Wenn man dann im Turnier in der ersten Runde verliert und einfach nur noch nach Hause fliegen möchte, jedoch nicht kann, weil Großbritanniens Einwohner in Panik ausbrechen, weil drei Zentimeter Schnee gefallen sind, kann man schon einmal die Nerven verlieren.

Seit Anfang Januar nun schon fünf Turniere gespielt

Allerdings ist es auch so, dass gerade die verrückten Reisen mit ihren existenziellen Erfahrungen meinem Tennisprofi-Dasein die Würze geben, ohne die auch eine gute Speise kaum auskommt. Nach dem Nervenzusammenbruch kommt regelmäßig die Erkenntnis, dass ich jetzt einfach eine Geschichte mehr zu erzählen habe und immer mehr gewappnet werde für die wirklich große Welt, die nur darauf wartet, dass ich sie betrete. Im Übrigen beeinträchtigen die beschwerlichen Anreisen meistens nicht mein Tennis.

Ich habe seit Anfang Januar nun schon fünf Turniere gespielt, bei denen ich weitere 36 Zähler auf meinem Ranglistenkonto verbuchen konnte, nachdem ich immerhin in drei Halbfinals bei 25.000-Dollar-Turnieren stand. Diese werden mich in den nächsten zwei Wochen auf eine Position unter den besten 200 Spielerinnen der Welt katapultieren, was gleichbedeutend ist mit der lang ersehnten „1“ vorne in meinem Ranking und mir ebenso die Eintrittskarte für die Qualifikation der Grand-Slam-Turniere sichern. Vielleicht sollte ich heute schon mal anfangen, die Pariser Metropläne zu studieren, schließlich will ich bei den French Open rechtzeitig zu meinem Match erscheinen.

Die 19 Jahre alte Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic hat nach dem Abitur im vergangenen Jahr den Versuch gewagt, auf die Profitour zu gehen. Gestartet ist sie von der Weltranglistenposition 376, in der aktualisierten Weltrangliste wird sie erstmals unter den besten zweihundert Spielerinnen notiert sein. Im Sportteil der Rhein-Main-Zeitung berichtet sie regelmäßig über ihr neues Leben (FAZ.NET-Spezial: Das Tennis-Tagebuch der Andrea Petkovic).



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Herbert Kraemer

 
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