Von Jürgen Kalwa, New York
14. Oktober 2008 Für die Menschen im Südwesten von Florida hat Baseball eine ganz besondere Bedeutung. Und zwar vor allem in den Monaten Februar und März, wenn zahlreiche Profimannschaften anreisen, um ihre Trainingsquartiere zu beziehen und sich in den kleinen Stadien landauf, landab auf die neue Saison vorbereiten. Aber kaum ist Spring Training vorbei, und der Alltag der Major-League-Klubs beginnt, kehrt im warmen Klima des subtropischen Landstrichs eine seltsame Apathie zurück. Denn die meisten Menschen in Florida scheinen sich vor allem für die Teams aus der Ferne zu interessieren – für die New York Yankees und die Boston Red Sox zum Beispiel.
Gegen den Ruf solcher Prestigeinstitutionen tut sich ein ortsansässiger Klub wie die Tampa Bay Rays schwer. Und zwar nicht nur, weil das Team erst seit zehn Jahren existiert und in dieser Zeit vor allem durch schlechte Leistungen auf dem Feld und desaströse Managemententscheidungen jeden Kredit verspielte. Ihre Begegnungen trägt die Mannschaft unter künstlicher Beleuchtung in einer Halle mit 40.000 Sitzplätzen aus, die den Namen einer Orangensaftmarke trägt. Die Arena versprüht keinerlei Charme.
Den Yankees wird fast fünfmal so viel gezahlt
In ihr wird zwar den Sommer über das feuchtwarme Außenklima auf angenehme Werte heruntergekühlt. Aber in der kalten Atmosphäre kommt kaum Stimmung auf. Nicht mal in diesem Jahr, in dem die Rays zum Besten gehören, was der zweigleisig organisierte amerikanische Spitzen-Baseball zu bieten hat, und in dem sie nun in einer Best-of-Seven-Serie zum ersten Mal in ihrer Geschichte um den Titel in der American League spielen. Kaum eine Arena war in dieser Saison so schlecht besucht wie das Tropicana Field, das in Tampas Nachbarstadt St. Petersburg steht.
Das liegt wohl nicht nur an der Distanz, sondern auch daran, dass Baseball ein träges Mannschaftsspiel ist und Anhänger kultiviert, die ihre Loyalität am liebsten an Traditionsklubs verschwenden. Selbst wenn die, wie die Yankees in New York, ihren Profis mit 203 Millionen Dollar pro Saison fast fünfmal so viel Gehalt zahlen wie die Rays (43 Millionen Dollar) und auf diese Weise den Wettbewerb verzerren.
Der Klubboss kommt von der Wall Street
Stuart Sternberg, der sein Geld an der Wall Street gemacht hat und 2002 mit eine halben Milliarde Dollar im Rücken die Bank Goldman Sachs verließ, hat sich von solchen Schwierigkeiten noch nie die Laune verderben lassen. Als er 2004 den maroden Klub übernahm, das Budget massiv zurückschraubte und zwei junge, in Baseballdingen völlig unerfahrene Kollegen aus der New Yorker Finanzindustrie auf die beiden wichtigsten Managementposten setzte, wusste er durchaus, um was es ging.
Er besaß schließlich eine persönliche Beziehung zu der Sportart – unter anderem als Jugendtrainer. Anders als viele amerikanische Klubeigentümer in den populären Mannschaftssportarten buhlte er beim Publikum gar nicht erst um Mitleid oder bei den Politikern um Subventionen. Sein Motto hatte er bei John F. Kennedy abgekupfert: Wir werden Sie nicht fragen, was Sie für die Devil Rays tun können, sondern wir werden Sie fragen, was die Devil Rays für Sie tun können.“
Unterschätzte Pitcher bilden das Rückgrat der Mannschaft
Sternberg machte keinen Hehl daraus, dass er eine Baustelle gekauft hatte. Dass die Umbauarbeiten, darunter die Verkürzung des ursprünglichen Namens, auch auf dem Spielfeld einen spürbaren Effekt haben würden, überrascht jedoch viele. Denn dazu musste ein Trainerstab installiert werden, der den Blick dafür hatte, die guten Draftplätze in hervorragende junge Talente umzumünzen – in Spieler wie Third Baseman Evan Longoria und Pitcher James Shields.
Und der bei Tauschaktionen mit anderen Klubs Spieler erspähte, deren Fähigkeiten zuvor ignoriert worden waren. Auf diese Weise versammelte der erfahrene Joe Maddon in seinem ersten Job als hauptverantwortlicher Major-League-Coach gleich einen ganzen Stab an unterschätzten Pitchern, die inzwischen das Rückgrat der Mannschaft bilden.
Sollte diese Mannschaft die Meisterschaft der American League gewinnen und sich für die Endspielserie gegen den Vertreter der National League qualifizieren, für die sogenannte World Series, wäre das dennoch ein kleines Wunder. Denn als Gegner stehen den Rays die Boston Red Sox gegenüber, die als Titelverteidiger klarer Favorit sind und das Dreifache von Tampa an Spielergehältern bezahlen: 133 Millionen Dollar.
Habt Angst, Red-Sox-Fans, habt sehr viel Angst
Doch Bostons Formkurve befindet sich auf dem Weg nach unten, erst recht seitdem man sich von dem launischen, aber schlagstarken Outfielder Manny Ramirez trennte, der seitdem die Los Angeles Dodgers verstärkt. Habt Angst, Red-Sox-Fans, habt sehr viel Angst“, schrieb ein Kolumnist des Boston Herald“ denn auch, als er die Chancen der Mannschaft bewertete.
Auch ohne große Namen sei da in Florida unter der Leitung eines der innovativsten Managers“ ein Team herangewachsen, das sich von der Konkurrenz nicht länger beeindrucken lässt und angesichts des fehlenden Erwartungsdrucks unverkrampft an die Sache herangeht. Bisher behielt der Mann recht: Nach drei Begegnungen in der Best-of-Seven-Serie liegen die Tampa Bay Rays gegen den Titelverteidiger aus Boston 2:1 in Führung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS