Mein Fitness-Kick

Der Luxus der Unerreichbarkeit

Von Michael Horeni

04. März 2008 An der Höflichkeit müssen wir in unserem Fitnessklub bekanntlich noch arbeiten. Mit dem Grüßen hapert es dort ja noch ziemlich (Siehe: Mein Fitness-Kick: Plötzlich wurde es sehr still in der Kabine). Aber der Mangel an Freundlichkeit in der Umkleide ist wohl kein isoliertes Phänomen eines „Premium Health Clubs“ in Frankfurt, sondern offensichtlich nationaler deutscher Kabinenalltag. Von überall her kamen in der vergangenen Woche jedenfalls Reaktionen auf das beharrliche Schweigen in meiner Umkleide - und überall derselbe Befund.

Mehr als ein „Hallo“ ist in Sportkabinen offensichtlich schon fast ein unzumutbarer Kraftakt, weniger ist Alltag - ob nun im Sportverein um die Ecke, bei McFit im Gewerbegebiet oder in den gehobeneren Anstalten der Körperertüchtigung mit goldenen Eintrittskarten. Von den fliegenden Fußballschuhen eines Oliver Kahn beim FC Bayern München, den ständigen Streitereien beim FC Schalke hinter verschlossenen Türen oder den Kabinen-Brüllattacken von Manchester United-Coach Sir Alex Ferguson (Spitzname: Der Föhn) gar nicht erst zu reden.

Muscle-Shirts müssen leider draußen bleiben

Aber wo wir nun schon mal bei Manieren im Muskel-Betrieb sind, noch ein paar Knigge-Anmerkungen zu den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln beim gemeinschaftlichen Stemmen und Schwitzen unter einem Dach. In der Nähe des Eingangs meines Klubs hängt ein kleines Verbotsschild. Zugegebenermaßen mit einem etwas elitäre Charakter. In der Mitte ist ein ärmelloses T-Shirt abgebildet - durchgestrichen mit einem roten Balken. Muscle-Shirts müssen hier leider draußen bleiben.

Was ich aber nicht recht verstehe. Denn um was geht es denn eigentlich in einem Fitnessklub mit Dutzenden von sündhaft teuren Geräten, die nur darauf ausgelegt sind, die Muskelkraft zu steigern, den Muskeltonus zu erhöhen, die Muskelmasse wachsen zu lassen? Die Leute wollen und sollen fitter werden, aber niemand darf es an entblößten Schultern sehen? Wir sind doch im Fitnessklub und nicht in der Kirche.

Das Handy-Verbotsschild ist ein Segen

Ist natürlich schon klar, um was es eigentlich geht: Angeber sollen hier nichts zu suchen haben. Zumindest nicht solche, die nur etwas plump ihren Körper vorzeigen wollen. Aber Verbotsschilder gegen die Angeber, die von ihrem Handicap schwadronieren oder davon erzählen, dass sie gerade aus Hawaii kommen, wo es so nett war, und am nächsten Wochenende noch mal schnell runter ins Engadin wollen, gibt es nicht. Übrigens: St. Moritz sagt man natürlich nicht, man sagt Engadin. Die Leute, die verstehen sollen, verstehen. Und diejenigen, die nachfragen, wohin es im Engadin geht, nun, ja.

Aber es gibt noch ein Schild in meinem Klub, dessen Nutzen nicht hoch genug zu schätzen ist. Im Durchmesser von 20 Zentimetern kostet es zwar nur 2,50 Euro, aber es ist ein Segen: Das Handy-Verbotsschild. In meinen Fitnessräumen herrscht eine ganz ungewohnte Ruhe. Ich habe in den rund fünf Monaten, wenn alle an ihren Körpern arbeiten, tatsächlich noch nicht ein einziges Mal ein Telefon klingeln hören. Wo gibt es den Luxus der Unerreichbarkeit im Sportlerleben sonst noch?

Auf der Wiese klingeln die Torpfosten

Auf dem Golfplatz klingelt es immer wieder zwischen Loch eins und achtzehn. Der Tennistrainer telefoniert während der Trainerstunde. Beim Fußball auf der Wiese klingeln die Torpfosten aus Trainingsjacken und auf den Skipisten wird geplaudert wie auf der Zeil.

Aber kaum verlassen wir die handyfreie Zone des Fitnessklubs, greifen alle wie im Flugzeug in ihre Taschen und nehmen wieder so schnell wie möglich Kontakt zur Außenwelt auf. Wahrscheinlich ist das der wahre deutsche Volkssport: telefonieren.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

 

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