Von Gerd Schneider, Dublin
14. Dezember 2003Hannah Stockbauer stand regungslos am Beckenrand und schaute mit leerem Blick aufs Wasser. Ihr Trainer Roland Böller hatte den Arm um sie gelegt, als müßte er sie stützen. So vergingen Minuten, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. In diesem Moment war ihnen danach auch nicht zumute. Sie waren von einer stillen Fassungslosigkeit ergriffen, und vermutlich dachten beide über etwas nach, für das es vorerst keine Erklärung gibt.
Die 22 Jahre alte Nürnbergerin, eben erst von einer internationalen Fachjury zur "Weltschwimmerin des Jahres" gekürt, war am Freitag abend bei den Kurzbahn-Europameisterschaften über 800 Meter Freistil Sechste geworden, mit einem Rückstand von über zehn Sekunden auf die spanische Siegerin Erika Villaecija. Hannah Stockbauer war hinterhergeschwommen, sie hatte alles versucht, aber irgendwie sah es aus, als würde sie von unsichtbaren Fesseln gebremst. "Es lief nicht, ich habe keinen Druck auf die Hand bekommen, ich konnte mich nicht auskotzen", so beschrieb sie eine Stunde später die Minuten während des Rennens.
Daß es am nächsten Vormittag noch schlimmer für sie kommen würde, konnte sie da noch nicht wissen. Im Deutschen Schwimm-Verband (DSV) hatten sie gehofft, ihre Galionsfigur könnte sich am Samstag mit einem couragierten Auftritt über 400 Meter Freistil selbst ein Antidepressivum verabreichen. Statt dessen wuchs sich die schwere sportliche Niederlage vom Freitag tags darauf zu einem kleinen Desaster aus. Die dreimalige Weltmeisterin von Barcelona scheiterte schon im Vorlauf. Wie schon im Rennen über die doppelte Distanz kam sie nicht voran, sie fand keinen Rhythmus; in der sehr schwachen Zeit von 4:10,22 Minuten wurde sie nur Dreizehnte der Vorläufe.
Damit waren die Kurzbahn-Meisterschaften für die Fränkin beendet. Daß die Weltschwimmerin, die gefeierte Heldin von Barcelona, in Dublin baden ging, traf nicht nur sie selbst wie ein Keulenschlag. Ihr Trainer, DSV-Sportdirektor Ralf Beckmann, ja alle aus dem deutschen Lager waren vom Auftritt Hannah Stockbauers einigermaßen erschüttert. Beckmann versuchte am Samstag verständlicherweise, die Wellen flach zu halten. Er sagte, die Enttäuschung werde sie nicht aus der Bahn werfen. Doch auch er räumte ein: Für uns alle ist das eine schwierige und irritierende Situation. Die ganze Mannschaft ist geschockt.
Niemand war vorbereitet auf den Absturz der deutschen Vorschwimmerin, am wenigstens sie selbst und ihr Trainer Roland Böller. Gewiß, sie hat hart trainiert in den vergangenen Wochen und Monaten, sie ist mitten im Grundlagentraining für die Olympischen Spiele. Schwimmer unterwerfen sich so langen Zyklen - einerseits. Andererseits galten ihr die Kurzbahn-Europameisterschaften, wenn auch nicht eben eine Spezialität der Nürnbergerin, dieses Mal als willkommene Abwechslung.
Entsprechend hatte sie sich darauf in den vergangenen beiden Wochen auch vorbereitet. Und schließlich waren ihre Leistungen bei den nationalen Kurzbahn-Meisterschaften zwei Wochen zuvor in Gelsenkirchen, wo sie völlig unpräpariert an den Start ging, nicht einmal schlecht gewesen. Um so perplexer waren sie und ihr Trainer am Samstag. "Das Ergebnis kommt für uns sehr überraschend, es ist eine große Enttäuschung. Einfach abhaken und zur Tagesordnung übergehen, das geht nicht", sagte Böller.
Er hatte freilich genausowenig eine Erklärung für den schwachen Auftritt wie Hannah Stockbauer selbst. Sie konnte, wie schon tags zuvor, nur beschreiben, was da im Wasser vor sich gegangen war: "Ich fühle mich eigentlich gut, ich bin nicht krank, ich habe gut geschlafen. Aber ich hatte kein Gefühl für das Wasser, das ist, als zieht man ins Leere."
Auch Sportdirektor Beckmann, ein erfahrener Mann, konnte zunächst nicht mehr tun, als sich dem Rätsel anzunähern. Er sagte: "Ihre Zeiten waren so schlecht, da müssen die inneren Systeme nicht funktioniert haben. Noch ist es ein Phänomen, das wir momentan nicht erklären können." Beckmann vermutete, daß der Kopf eine entscheidende Rolle gespielt habe. "Vielleicht hat sie nach ein paar Metern gemerkt, daß sie mit dem Wasser nicht so zurechtkommt, wie sie das gewohnt ist. Und dann ist sie verkrampft."
Schon am Sonntag vormittag machte sich Hannah Stockbauer auf den Heimweg. In den nächsten Tagen werden sie und Böller versuchen, die mysteriöse Schwäche aufzuklären. Auch ein paar medizinische Untersuchungen sollen Aufschluß darüber geben, ob womöglich eine bislang nicht erkannte Infektion eine Rolle gespielt hat. "Das wäre ja das Einfachste, dann hätten wir wenigstens eine Erklärung", sagte sie. Die erste Wettkampfanalyse ergab, daß die Zugfrequenz "sehr, sehr niedrig" war, wie Böller konstatierte.
Immerhin war es für ihn und seine prominente Schwimmerin ein kleiner Trost, daß die Schadensbilanz bei einer sportlich nicht immens wichtigen Kurzbahn-EM relativ glimpflich ausfällt, viel glimpflicher jedenfalls als bei einer WM oder gar bei Olympischen Spielen. Allerdings dürften die deutschen Schwimmer, in den vergangenen drei Jahren von den vielen Erfolgen verwöhnt, gewarnt sein. Sportdirektor Beckmann sprach am Samstag von einem "hoffentlich heilsamen Schock". Er sagte: "Wer die leiseste Schwäche zeigt, wird durchgereicht."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.12.2003, Nr. 50 / Seite 20
Bildmaterial: dpa/dpaweb