Leichtathletik

„Laufen ist unsere einzige Chance“

Von Sebastian Bräuer, Nairobi

Auf dem Sprung: Ein kenianischer Läufer in Eldoret

Auf dem Sprung: Ein kenianischer Läufer in Eldoret

11. Oktober 2005 Ein Trainingszentrum in Kamukungi? Der Taxifahrer in Eldoret lacht und schüttelt den Kopf. Daß im Armenviertel oberhalb der Stadt Langstreckenläufer wohnen, kann er sich nicht vorstellen. Trotzdem fährt er los, muß aber bald wieder umkehren: Die schlammigen Wege haben sich nach heftigen Niederschlägen in Seen verwandelt. In Kamukungi wohnen die Menschen in Lehmhütten oder Holzverschlägen ohne Fenster und Türen. Nackte Kinder spielen im Dreck zwischen frei herumlaufenden Schweinen und Hühnern. Ein frischer Wind pfeift über die Hügel und treibt neue Regenwolken heran. Es ist die Heimat von zwanzig kenianischen Nachwuchsläufern, die nur einen Wunsch haben: ein Flugticket nach Europa.

"Ich würde von dort nicht mit leeren Händen zurückkommen", sagt Regina Jerotich. "Aber ich habe keinen Manager, der mir die Papiere besorgen könnte." Die Zwanzigjährige hat die zweite Trainingseinheit des heutigen Tages hinter sich gebracht, einen einstündigen Tempodauerlauf. Ihr Trainingsanzug in den kenianischen Landesfarben leuchtet in der Abendsonne. "Gott hat mir Talent geschenkt, damit ich Rennen gewinne und meine Familie versorgen kann." Regina Jerotich hat sieben jüngere Geschwister, die alle noch in die Schule gehen. Sie selbst hat die Secondary School vor zwei Jahren beendet. Seitdem besteht ihr Leben aus Laufen, Essen und Schlafen.

Schlank gebaute Menschen mit markanten Gesichtszügen

Regina Jerotich wohnt im Trainingszentrum von Henry Cherono. Der 27 Jahre alte Marathonläufer gibt jungen Landsleuten aus mittellosen Familien die Möglichkeit, professionell zu trainieren. "Ich möchte etwas von dem zurückgeben, was ich bekommen habe", sagt er. Gleichzeitig verfolgt Cherono weiterhin seine eigene Karriere. Am 23. Oktober steht der Venice-Marathon auf dem Programm. Dort möchte er erstmals unter 2:10 Stunden laufen. Im vergangenen Jahr beendete der Kenianer den Köln-Marathon in 2:10:26 Stunden, fünf Sekunden hinter dem Sieger. Wäre Cherono ein Deutscher, würde man ihn für diese Zeit feiern. In Kenias Jahresbestenliste landete er dagegen nur auf Platz 29. Kein Land der Welt bringt so viele Weltklasse-Langstreckenläufer hervor wie Kenia. Die meisten kommen aus der Gegend um Eldoret im Westen des Landes. Das Städtchen gilt als Welthauptstadt des Laufens. Dort ist das Volk der Kalenjin ansässig, schlank gebaute Menschen mit markanten Gesichtszügen und leicht mandelförmigen Augen.

"Laufen ist unsere einzige Chance, es zu etwas zu bringen", sagt Timothy Limo. Der 18 Jahre alte Mittelstreckenläufer schwärmt von den Villen, die ehemalige Weltklasseathleten in Eldoret gebaut haben. Sie prägen das Bild des Ortes genauso wie das riesige Einkaufszentrum, das der dreimalige Weltmeister Moses Kiptanui nach seiner Karriere errichtet hat. Von den Luxuswaren, die es dort zu kaufen gibt, kann Timothy nur träumen. Er teilt sich sein Zimmer im Trainingszentrum mit zwei Läuferkollegen. Seine wenigen Kleidungsstücke hängen auf Wäscheleinen, die er quer durch den Raum gespannt hat. Viel mehr besitzt er nicht. An der Wand hängt eine Krawatte. Timothy braucht sie bei Hochzeiten - oder für den Fall, daß ein Manager nach Eldoret kommt.

15.000 Euro Verdienst bei einem Marathon

Solange die Läufer trainieren, verdienen sie nichts. Nur die absoluten Top-Athleten werden vom kenianischen Verband unterstützt, die anderen können froh sein, wenn sie von europäischen Managern mit Laufschuhen und Kleidung versorgt werden. Doch die Gage bei europäischen Rennen, die sich aus Geldern von Veranstaltern, Vereinen und Sponsoren zusammensetzt, kann sich sehen lassen. Cherono sagt, daß er bei einem Marathonlauf um die 15.000 Euro verdient - eine Menge Geld in Kenia.

Am frühen Abend treffen sich die jungen Athleten im Aufenthaltsraum. Sie scherzen und lachen ausgelassen, sind froh, die harten Trainingseinheiten überstanden zu haben. Regentropfen drücken sich durch Ritzen an den Fensterscheiben, fließen die unverputzte Wand herab und tropfen auf den Lehmboden. Ein altes Radio scheppert. Zum Essen gibt es Ugali, einen geschmacksarmen Maisbrei, und trockenes Brot. In der Mitte des Raumes flackert eine Petroleumlampe. Seit mehreren Wochen gibt es im Trainingszentrum keinen Strom mehr. Ein Nachbar habe die Rechnung nicht bezahlt, sagt Cherono. Der Trainer und Ersatzvater schickt seine Athleten früh ins Bett. Keiner von ihnen geht zur Universität oder lernt einen Beruf. "Nach der Schule sollen sie sich aufs Laufen konzentrieren", sagt Cherono. Auch Freundinnen sind nicht erwünscht. "Nur wer sich nicht ablenken läßt, hat Erfolg", sagt der Marathonläufer. "Disziplin macht stark."

„Disziplin macht stark“

Der nächste Tag beginnt morgens um halb sieben. Die Läufer kommen im Innenhof zusammen, strecken sich, tippeln auf der Stelle. Vor dem Frühstück stehen schon zwanzig Kilometer an. Die ersten Minuten sind gemächlich, doch bald setzt sich der Chef an die Spitze und verschärft das Tempo. Hinter ihm bildet sich eine langgezogene Schlange. Die Gruppe verschwindet im Morgennebel. Siebzig Minuten später ist Julius Limo einer der ersten, die das Trainingszentrum erreichen. Er wirkt nicht besonders angestrengt.

Vor wenigen Wochen lief der Fünfundzwanzigjährige die zehn Kilometer bei einem offiziellen Straßenrennen in 28:24 Minuten, so schnell wie seit Jahren kein Deutscher mehr. Kurz darauf schaffte er die 15 Kilometer in 43:23 Minuten. Beides in Eldoret, 2300 Meter über dem Meeresspiegel. Bald wird sich zeigen, ob er noch schneller ist, wenn ihn die dünne Höhenluft nicht mehr bremst: Er fliegt nach Italien, um dort Straßenrennen zu bestreiten. Drei Monate hat er Zeit, sich zu bewähren. Der hochgewachsene Läufer gibt sich selbstbewußt: "Ich bin nicht aufgeregt, denn ich habe hart trainiert und bin gut drauf." Doch schon im nächsten Moment wird er nachdenklich und möchte wissen, wie das Wetter in Italien ist und was es dort zu essen gibt. Julius Limo steht am Tor zu einer ihm fremden Welt.

Wenige Minuten nach ihm kommt schon Regina Jerotich an. Sie ist außer Atem, Schweißtropfen stehen auf ihrer Stirn. Die meiste Zeit hat sie mit den Jungs mitgehalten, ihr Ehrgeiz treibt sie täglich zu Höchstleistungen. "Ich werde mit meinem Manager sprechen, ob sie im Winter für Crossläufe nach Italien kommen kann", sagt Cherono. "Sie ist sehr stark." Erst im letzten Moment soll Regina Jerotich von der Entscheidung erfahren, die möglicherweise ihr Leben verändern wird. So will es Cherono: "Sie soll sich auf das Training konzentrieren."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.10.2005, Nr. 40 / Seite 20
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

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