Von Gerd Schneider, Montreal
28. Juli 2005 Zu den schönsten Irrtümern der Sportwissenschaft gehört das vermeintliche Naturgesetz, nach dem der menschliche Organismus vom 25. Lebensjahr an abbaue und zu körperlichen Höchstleistungen bald nicht mehr in der Lage sei, vor allem in den von Schnellkraft geprägten Sportarten.
Noch in den achtziger Jahren wurde diese Lehrmeinung an den Universitäten gepredigt. Daß auch damals schon in der Leichtathletik die besten Sprinter - ob mit unerlaubter Hilfe oder nicht - um die 30 oder älter waren, ignorierten die Gelehrten. Allerdings nicht mehr lange. Inzwischen ist diese Theorie längst von der Praxis überholt und dann entsorgt worden. Leistungssport, so die gängige Ansicht, ist keine Frage des Alters mehr.
Das Schwimmen freilich schien von diesem Methusalem-Syndrom ausgenommen. Natürlich ist es schon lange nicht mehr so wie in den achtziger Jahren, der Anabolika-Ära dieser Sportart. Damals galten Schwimmerinnen mit 21, 22 Jahren als Auslaufmodell, ihre männlichen Kollegen mit Mitte 20. Heute schwimmen die Athleten einfach weiter, bis sie 30 oder noch älter sind. Doch die ganz großen Erfolge, Medaillen bei Olympia oder Weltmeistertitel, blieben bislang den Jüngeren vorbehalten. Insofern hat Mark Warnecke am Mittwoch in Montreal mit seinem Sieg über 50 Meter Brust tatsächlich Geschichte geschrieben. Er wird als der älteste Weltmeister in die Bücher eingehen - bis ein anderer kommt und ihm diesen Altersrekord abnimmt.
Alles ganz legal
Mißtrauische Naturen wird Warneckes Erfolgsgeschichte stutzig machen. Geht da alles mit rechten Dingen zu? Hat er nicht ein geheimnisvolles Diätpulver zusammengemischt? Alles ganz legal, sagt Warnecke. Der Arzt ist seit langem dafür bekannt, daß er unerschrocken über die meistens unentdeckten Dopingpraktiken im Schwimmen spricht. Damit hat er sich Feinde gemacht. Das spricht für ihn; aber Gewißheit gibt es nicht. Doch jenseits aller Spekulation kann man ein paar Fakten entdecken, mit denen sich Warneckes später Titel erklären läßt. So ist der begrenzende Faktor im Schwimmen weniger eine biologische denn eine mentale Angelegenheit.
Die meisten hören mit Mitte oder Ende 20 auf, weil sie sich ausgebrannt fühlen von der dumpfen Eintönigkeit des täglichen Trainings. Warnecke unterwirft sich schon lange nicht mehr dieser Fron, und vermutlich ist er gerade deshalb auch mit 35 Jahren noch frisch. Sein Titel ist eine Botschaft. Man wird sich wohl daran gewöhnen müssen, daß sich auch im Schwimmen der Generationenwechsel verlangsamt. Die Besten können von ihrem Sport inzwischen gut leben. Sie werden so lange auf der Bühne bleiben, wie es nur irgend geht. Schwimm-Olympiasieger mit 40, diese Vorstellung ist seit Mittwoch keine Utopie mehr.
Text: F.A.Z., 29.07.2005, Nr. 174 / Seite 30
Bildmaterial: REUTERS