Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax
08. Mai 2008 Franz Reindl machte ein Gesicht, als würde er auf die Strafbank geschickt. Und zwar auf unbestimmte Zeit. Seit Jahrzehnten steht der ehemalige Nationalspieler in den Diensten des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). Inzwischen ist der Geschäftsführer zum Sportdirektor aufgestiegen. Als Funktionär kennt er sich somit im Strafenkatalog für gravierende Versäumnisse und Fehler aus.
Darum kam er am Mittwoch im Büßergewand daher, um eine Mitteilung zu machen, der eine Selbstanzeige beim Internationalen Eishockey-Verband (IIHF) vorausgegangen war: In den Gruppenspielen der Weltmeisterschaft in Halifax gegen Finnland (1:5) und die Slowakei (4:2) hatte der DEB mit Verteidiger Jason Holland einen Profi mitwirken lassen, der nach den Statuten der IIHF gar nicht hätte eingesetzt werden dürfen.
Normalerweise werden die Punkte aberkannt
Ich nehme alle Schuld auf mich, übernehme die Verantwortung und entschuldige mich insbesondere bei den gegnerischen Mannschaften und meinem Team für diesen Fehler, sagte Reindl mit einer Miene, als wäre ihm gerade ein Eigentor unterlaufen. Der Konsequenzen war er sich bewusst und zeigte sie sogleich auf: Normalerweise werden die Punkte aberkannt und das Spiel wird mit 5:0 für die anderen gewertet. Normalerweise.
Aber es kam dann innerhalb von Stunden, in denen Gerüchte und Vermutungen einander jagten, ganz anders. Die Verantwortlichen müssten sich eigentlich vom Glück verfolgt gefühlt haben, nachdem erst die endgültige Spielgenehmigung für Florian Busch erteilt wurde. Dann die gegen die Slowakei geholten Punkte nach einer Mehrheitsentscheidung des zuständigen Direktorats Bestand hatten. Damit war schon vor dem letzten Gruppenspiel der Klassenverbleib sicher.
Die 2:0-Führung fahrig verspielt
Doch in der Stunde vor Mitternacht folgte die Ernüchterung auf dem Eis: Die Partie gegen Norwegen wurde nach einer 2:0-Führung noch verspielt. Mit einem 2:3 als Ende vom Lied. Weil nun Norwegen statt der Slowaken in die Zwischenrunde einzieht, gehen die Deutschen die Zwischenrunde mit dem Zwischenguthaben von null Punkten an. Null statt sechs, die es im Falle eines Sieges über Norwegen gewesen wären. Dann nämlich hätte nicht der Weltmeister von 2002 in die Abstiegsrunde gemusst, sondern Norwegen. Punkte werden nur dann in die Zwischenrunde übernommen, wenn sie gegen Teams erzielt wurden, die weitergekommen sind.
Für die Deutschen Profis wäre es ein leichtes gewesen, ihre fahrige Vorstellung gegen Norwegen mit den Nebengeräuschen in den Stunden vor dem Anpfiff zu erklären. Stefan Ustorf wählte dieses Wort, betonte aber sogleich, ganz Profi, dass muss man ausblenden, denn dass zieht sich ja schon länger hin. Eine Anspielung auf den Fall Busch. Der Forderung der Nationalen Anti-Doping-Agentur, den Spieler mit sofortiger Wirkung wegen eines erst verweigerten und dann nachgeholten Dopingtests zu sperren, wollte die IIHF nicht nachkommen.
Der IIHF fällt DEB-freundliche Entscheidungen
Bis zum 7.5.08 hat kein Gremium der Sportinstitutionen innerhalb Deutschlands gegen die Entscheidung der zuständigen Eishockey-Disziplinar-Kommission Berufung eingelegt. Solange nicht alle Berufungsmöglichkeiten, die im Rahmen der deutschen Anti-Doping-Richtlinien möglich sind, ausgeschöpft und entschieden wurden, sieht sich das IIHF nicht in der Position sich in die Entscheidungen ihrer nationalen Mitgliedsverbände einzumischen, heißt es wörtlich.
Die Begründung erscheint so DEB-lastig wie die Behandlung des Falles Jason Holland DEB-freundlich. Der Verteidiger ist in Edmonton geboren und ist 1996 im Trikot mit dem Ahornblatt Weltmeister geworden. Inzwischen besitzt er einen deutschen Paß und spielt seit drei Jahren in der Deutschen Eishockey Liga. Ein Jahr zu wenig, wie sich in Halifax herausstellte, denn für eine Teilnahme an IIHF-Meisterschaften gilt eine vierjährige Sperrfrist, sofern ein Spieler bereist bei einem IIHF-Championat für eine andere Nationalauswahl aufgelaufen ist. Im Fall Holland für Kanada.
Bundestrainer Krupp: Haben unseren Job nicht gemacht
Weder Reindl, noch das die Spielgenehmigung erteilende IIHF-Büro, noch der letzten Instanz in Halifax ist die vom DEB auf dem entsprechenden Formular korrekt eingetragene Jahreszahl 2005 aufgefallen. So lange ist er in der Deutschen Eishockey Liga dabei. Ein Datum, das die Teilnahme Hollands erstmals bei der WM 2009 zuließe. Erst in der zweiten Abstimmung seiner Sondersitzung hat das Direktorat, gebildet aus je einem Vertreter der acht in Halifax vertretenen Nationen, mit 5:3 Stimmen pro Deutschland entschieden, nachdem die erste 4:4 endete. Unter außergewöhnlichen Umständen könne von einem Punktabzug abgesehen werden, wenn der Urteilsspruch zu einer Wettbewerbsverzerrung in einer der weiteren Runden der Meisterschaft führe, heißt es sinngemäß in der Begründung des Urteilsspruchs.
So verstockt sich der DEB wochenlang gegenüber der Nada gab und gibt, so kleinlaut verhielt er sich im Fall Holland gegenüber der IIHF. Der Verteidiger reiste im Laufe des Donnerstags ab, während Stürmer Andre Rankel bereits am Mittwoch nach Deutschland zurückgeflogen war, um seine im Zweikampf mit einem Slowaken erlittene Gehirnerschütterung auszukurieren. Das Team hatte sich gegen Norwegen, wie Verteidiger Christoph Schubert nach dem 2:3 berichtete, vorgenommen für die beiden Jungs zu spielen, die jetzt nicht mehr dabei sind. Ustorf wiederum wollte sich nicht über Entscheidungen aufregen, die ich nicht kontrollieren kann.
Etwa die mit dem drohenden Punktabzug. Erst waren die weg, dann waren die wieder da. Es ging ein bisschen Hin und Her, zog Bundestrainer Uwe Krupp die Bilanz eines Tages, von dem er zu später Stunde sagte: Heute haben wir unseren Job nicht gemacht. Da müssten sich erst recht jene dringend angesprochen fühlen, die nicht auf dem Eis waren.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP