Tennis-Tagebuch

Aufschlag zu einem neuen Leben

14. Juni 2006 Ich habe mich also entschlossen, professionell zum Tennisschläger zu greifen, anstatt „etwas Richtiges“ zu machen. Ist Profisport nun brotlose Kunst, wie von vielen vermutet, oder läßt es sich damit gut leben?

Dank des Abiturs als Puffer kann ich es darauf ankommen lassen, und letztendlich werden Talent, Wille und die Bereitschaft zur Arbeit entscheiden. In meinen ersten drei Wochen als Tennisprofi habe ich erkennen müssen, daß vor allem letztere eine entscheidende Rolle spielen wird, was einhergeht mit Verzicht auf Dinge, die jeder Jugendliche gerne machen würde. Und schon entstand die erste Hürde und die Überlegung, ob ich überhaupt dafür geeignet bin, ob ich überhaupt bereit bin zu verzichten - oder ob ein Studentenleben nicht doch das angenehmere sei.

Erste Gehversuche im Profisport

Nun, die Entscheidung ist längst nicht gefallen, da ich nach wie vor versuche, meinen Sport zu betreiben, ohne jedoch Verzicht zu üben. So versuche ich, mein Jugendleben in meine freien Tage zu legen, und bemühe mich, den Rest meiner Zeit so professionell wie möglich zu gestalten. Wie man sich professionell zu verhalten hat, konnte ich hautnah in meiner ersten Bundesligasaison erleben.

Nach einem mehr oder minder erfolgreichen Jahr 2005 waren einige Angebote von verschiedenen Erstligavereinen ins Haus geflattert. Nach vielen Besprechungen, Abwägungen und Überlegungen kamen wir im Familienrat zur Überzeugung, daß die Bundesliga eine gute Möglichkeit ist, die ersten Gehversuche im Profisport zu machen und gute Matches als Vorbereitung auf die Saison zu haben.

Ohne Matcherfahrung in die Bundesliga

Allerdings galt es, einige Hindernisse zu überwinden. Zum einen stand fest, daß genau in die Bundesligasaison die Abiturprüfungen fallen. Zum anderen mußte ich in einen anderen Verband wechseln, da es in Hessen keinen Bundesligaverein gibt. Schließlich versprach der TC Zamek Benrath, gewisse Leistungsschwächen aufgrund des Abiturs zu verzeihen, und mit der Unterstützung des Hessischen Tennisverbandes, der sich trotz des Vereinswechsels bereit erklärte, mir seine Trainingsstätten zur Verfügung zu stellen, konnte ich mich für den deutschen Meister TC Zamek Benrath entscheiden.

Wegen eines Schlittenunfalls, der mir im Winter einen Außenbandanriß eingebracht hatte, und wegen des im April angesetzten schriftlichen Abiturs war ich in den ersten drei Monaten des Jahres ausgefallen, ich hatte also wenig bis gar keine Matcherfahrung, als ich zum erstenmal in der Bundesliga aufschlug. Das und der Umstand, daß ich meine Mitspielerinnen kaum kannte, während beim TEC Darmstadt, meinem alten Verein, teilweise meine besten Freundinnen um mich herum die Mannschaft bildeten, führten zu einer gewissen Anfangsnervosität, als ich zum ersten gemeinsamen Essen nach Düsseldorf fuhr.

Horrorfahrt durch Regen, Sturm und Stau

Das legte sich schnell. Das Team, bestehend aus einer Spanierin, einer Tschechin, zwei Italienerinnen und einigen Deutschen, unter ihnen Fedcup-Chefin Barbara Rittner, verstand sich blendend und konnte diese Stimmung auch in das Match am folgenden Tag übertragen. Wir feierten einen 9:0-Erfolg, mein Einzel gewann ich scheinbar souverän 6:3, 6:1, jedoch verschleiert das glatte Ergebnis meine anfängliche Aufregung. Immerhin gab mir das Ergebnis Selbstvertrauen für die kommenden Spieltage, das ich gut gebrauchen konnte.

Das nächste Spiel fand bei Blau-Weiß Berlin statt. Nach einer Horrorfahrt durch Regen, Sturm, Stau und schlechte Musik (was ich natürlich für mich behielt, man muß ja schließlich den Mannschaftsfrieden wahren), erreichten wir Berlin nach realen acht und gefühlten zwanzig Stunden Autofahrt. Weder die Fahrt noch die dabei auf englisch geführte, erbitterte Diskussion, wer denn Fußball-Weltmeister würde, wirkte sich nachteilig auf den Teamgeist aus, wir gewannen auch dieses Match 9:0.

Zehn Autostunden Mitten in der Nacht

Es folgte die Begegnung gegen den TC Moers, der als Mitfavorit galt, und unser Teamcoach Marek Owsianska entschied, „mit voller Montur“ zu spielen, sprich: mit allen Ausländerinnen. Unter diesen Umständen verzichtete man auf meine sonst natürlich unverzichtbare Hilfe, und ich konnte mich endlich meinem mündlichen Abitur widmen, was ich allerdings nicht tat, da zeitgleich das Schloßgrabenfest in Darmstadt anstand - man muß schließlich Prioritäten setzen.

Gegen den TC Rüppur Karlsruhe sollte ebenfalls die komplette Montur aufgefahren werden. Somit hatte ich die Erlaubnis, auf ein Turnier zu fahren. Ich befand mich im zehn Autostunden entfernten Prostejov in Tschechien, als ich am Samstag abend den Anruf erhielt, daß eine der beiden Italienerinnen kollabiert ist, die andere verletzt und die Spanierin im Libanon festsitzt. Am Sonntag morgen sollte das Spiel stattfinden, wir hatten nur vier Spielerinnen, und es wurde von mir erwartet, so schnell wie möglich zu erscheinen; also mitten in der Nacht.

Erdbeerquark gegen Aufregung

Vielleicht kann man es nachvollziehen, daß sich eine gewisse Hektik breitmachte; nicht zuletzt, weil man eine Strafe von 1000 Dollar zahlen muß, wenn man auf einem Turnier auftaucht, aber dann nicht zum Match. In letzter Sekunde dann die Rettung: Man hatte eine österreichische Ersatzspielerin aufgetrieben. Allerdings ging das Spiel dann sang- und klanglos verloren, der Titel war verspielt.

Das Match gegen Rot-Weiß Berlin war mein erstes Heimspiel in Benrath, es war eng und schwer. Beim Stand von 4:4 gewannen wir das letzte Doppel 7:5 im dritten Satz, was einige Nerven, literweise Schweiß und kiloweise Erdbeerquark kostete, welcher das beste Mittel gegen Aufregung ist. Gegen Waldau ging es dann um den zweiten Platz in der Tabelle. Nach verkorkstem ersten Satz (2:6) erschien Barbara Rittner auf meiner Bank, um für neuen Antrieb zu sorgen, den ich auch bekam: 6:2 im zweiten. Im dritten lag ich 1:5 zurück, aber mit dem Publikum im Rücken und Barbara Rittner auf der Bank drehte ich das Match. Das entscheidende Doppel gewannen wir 6:4 im dritten Satz. Wir waren Vizemeister. Und ich hatte alle meine Einzel gewonnen.

Als dann auch das Abitur mit 1,2 bestanden war, waren die Weichen für eine professionelle Tenniskarriere endgültig gestellt. Ich bin gewappnet für neue Herausforderungen.



Text: F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung
Bildmaterial: ddp

 
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