Von Sebastian Bräuer, Ngong
06. November 2005 Bernard Sakuda sagt, daß er seinen berühmten Nachbarn mag. "Einmal hat Paul Tergat mir zwanzig Ziegen geschenkt", erzählt der schmächtige Mann, der früher selbst Läufer werden wollte. "Von den Tieren lebe ich jetzt." Bald komme sein ältester Sohn in die Schule, ergänzt der 36 Jahre alte Sakuda, vielleicht könne Tergat ihm dann bei den Schulgebühren helfen?
Wenige Meter weiter wohnt der Geschäftsmann Willi Arencha. Auch er bezeichnet den schnellsten Marathonläufer der Welt als seinen Freund - wie fast alle in Ngong. Doch zufrieden ist er nicht mit ihm. "Er besitzt so viel Geld und hat noch nicht einmal die Straße vor seinem Haus reparieren lassen", beklagt sich Arencha. "Und Strom haben hier auch nur die wenigsten."
Er ist unnahbar
Tergat hat eine Menge Geld verdient bei Läufen in Europa, und seine Landsleute wissen das. Spätestens, seit der 36 Jahre alte Kenianer im September 2003 in Berlin mit 2:04:55 Stunden die bis heute gültige Weltbestzeit aufstellte, kennt ihn wohl jeder im laufbegeisterten Kenia. Doch der fünffache Cross-Weltmeister schottet sich ab. Er hat hohe Mauern um das Haus seiner Familie in der Kleinstadt Ngong in den Bergen östlich der Hauptstadt Nairobi gebaut und läßt das Gelände Tag und Nacht bewachen. Wer kenianische Funktionäre oder Athletensprecher nach ihm fragt, wird mit einer Handynummer versorgt, die außer Betrieb ist.
Als Treffpunkt für das Interview schlägt Tergat das Serena-Hotel vor. Es ist das teuerste Hotel Nairobis, die Übernachtung kostet bis zu 700 Dollar. Der Läuferstar läßt auf sich warten, sein Handy ist wieder einmal ausgeschaltet. "Er ist unnahbar", sagt sogar einer seiner Trainingskollegen. Titus Juma braucht für einen Marathon nur wenige Minuten länger als Kenias Läuferheld. Doch Juma kann nach eigenem Bekunden froh sein, wenn er rechtzeitig erfährt, wann sich die hochkarätig besetzte Trainingsgruppe von Tergat trifft.
Zu viele Kurven in New York
Als Tergat zwei Stunden später als vereinbart das Foyer des Hotels betritt, entschuldigt er sich ausgiebig und spendiert einen Kaffee. Ein Wohltätigkeitstermin habe länger gedauert als erwartet, sagt er. Tergat trägt einen hellen Anzug mit gepunkteter Krawatte und eine Uhr mit Goldumrandung. Äußerlich wirkt er eher wie ein aufstrebender Jungmanager als ein Sportler.
Er habe gut trainiert und freue sich auf die "neue Herausforderung" New York, sagt Tergat. Eine Verbesserung seiner eigenen Weltbestzeit schließt er jedoch aus. "Dazu hat die Strecke zu viele Kurven", sagt er. Außerdem werde es vermutlich zu kalt sein. "Mal sehen, wie lange ich vorne dabeibleiben kann", sagt Tergat bewußt bescheiden. Er weiß, daß die meisten Experten mit einem Sieg rechnen. Doch wie viel bei einem Marathon schiefgehen kann, bekam er in letzter Zeit gleich zweimal zu spüren.
Eine große Portion Pommes mit Ketchup
Im April landete er in London nur auf dem achten Platz, bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 mußte er sich mit Magenschmerzen frühzeitig aus der Spitzengruppe verabschieden und wurde Zehnter. In New York wird zudem ein ungewöhnlich starkes Feld um den Sieg kämpfen. Als seinen härtesten Konkurrenten bezeichnet Tergat Vorjahressieger Hendrick Ramaala aus Südafrika. Mit dem Kenianer Robert Cheboror, dem Äthiopier Tesfaye Jifar und dem Südafrikaner Gert Thys haben zudem drei weitere Läufer ihren Start angekündigt, die bereits Zeiten unter 2:07 Stunden erreicht haben.
Der hochgewachsene Läufer bestellt sich ein verspätetes Mittagessen. Er bittet den Kellner um ein fettarmes Sandwich, doch der bringt zusätzlich eine große Portion Pommes mit Ketchup. Tergat ißt sowohl Sandwich als auch Pommes. "Ich bin sehr hungrig", sagt er, als müsse er sich für die kalorienreiche Mahlzeit entschuldigen.
Viele können sich nicht einmal Laufschuhe leisten
Die weitverbreitete Legende, daß Kenias Läufer so stark sind, weil sie jeden Morgen kilometerweit in die Schule rennen mußten, trifft auf den erfolgreichsten aktiven Athleten nicht zu. Der kleine Tergat wohnte nicht weit von der Grundschule entfernt. Erst mit 21 Jahren fing er beim Militär mit zielgerichtetem Lauftraining an. Vorher hatte er ohne besondere Ambitionen Fußball und Volleyball gespielt.
Ziemlich wortkarg wird Tergat, sobald es um seine Ziele nach New York geht. Ob er nochmal in Berlin laufen wolle? "Ich liebe Berlin." Wie viele Jahre er noch auf Weltklasseniveau trainieren könne? "Sport ist keine Frage des Alters, es zählt nur der Wille." Wären die Olympischen Spiele 2008 nicht ein idealer Karriereabschluß? "Das ist noch lange hin." Versuch gescheitert.
Immer wieder melden sich ehrgeizige Jugendliche bei Tergat. Sie sehen im Laufen eine Chance, der Armut zu entkommen, und erwarten, daß er ihnen dabei behilflich ist. Einige von ihnen hat Tergat in einem Haus in Ngong untergebracht und unterstützt sie finanziell. "Viele können sich nicht einmal Laufschuhe leisten", sagt er. Im September hat Tergat eine Stiftung gegründet, die seinen Namen trägt. "Ich möchte möglichst vielen jungen Landsleuten helfen, ihren Traum zu verwirklichen."
Auch Weiße könnten unter 2:05 Stunden rennen
Die Behauptung, daß Schwarzafrikaner im Langstreckenlauf talentierter seien als Weiße, möchte Tergat nicht stehenlassen. "Auch Weiße könnten unter 2:05 Stunden rennen", sagt er, "sie lassen sich nur zu sehr vom Training ablenken." Sein eigenes Erfolgsgeheimnis sei schlicht, sich jeden Tag zu quälen. Außerdem gehe er abends nicht feiern und trinke keinen Alkohol. Nie? "Nur in Ausnahmefällen."
Wenn Tergat sagt, daß er zum Vorbild für eine ganze Generation von Nachwuchsläufern geworden sei, klingt das nicht, als sei ihm seine Rolle als Hoffnungsträger lästig. Er könne zwar seine Läuferkollegen verstehen, die bei der ersten Gelegenheit das Weite suchten und heute in Dänemark, Qatar oder den Vereinigten Staaten ein angenehmes Leben führten. Für ihn sei dies aber nie in Frage gekommen, sagt Tergat. "Ich liebe mein Land."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. November 2005
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