Von Gerd Schneider
20. Dezember 2006 Es gibt zahlreiche Geschichten über den Schmerz, den Fußballspieler manchmal aushalten müssen, und auch die des Frankfurters Jermaine Jones ist nur eine unter vielen. Der Eintracht-Profi ist das, was man einen Langzeitpatienten nennt. Er litt monatelang unter einem Ermüdungsbruch und Entzündungen im rechten Schienbein, alles in allem eine ziemlich komplizierte Verletzung. Er wurde zweimal operiert und hatte im Frühjahr nur ein paar Einsätze, den letzten beim Pokalhalbfinale im April gegen Bielefeld. Eigentlich ging es da schon nicht mehr, aber Jones hat damals die Zähne zusammengebissen.
Sein Trainer Friedhelm Funkel nannte seinen Einsatz "bewundernswert" und "lebensnotwendig für die Mannschaft". Wie gesagt, ganz normal. Doch was den Fall Jones interessant macht, ist die ungewohnte Offenheit, mit der er über seine Schmerzen sprach - und darüber, wie er sie betäubte. Er habe monatelang Schmerztabletten genommen, sagte er, "vor jedem Training eine und an den Spieltagen zwei. Und manchmal auch mehr." Einmal krümmte sich Jones, der am Dienstag beim Pokalsieg gegen Köln sein Comeback feierte (siehe auch: Pokal: Eintrachts spätes Glück beim Jahresfinale) nach einer Partie auf dem Rasen, wegen extremer Schmerzen im Schienbein und im Bauch. Die Magenschmerzen kamen von den Medikamenten.
Ungeheure Mengen
Jermaine Jones ist kein Einzelfall. Im Gegenteil. Der Griff zu den Schmerztabletten gehört im modernen Hochleistungssport offenbar dazu. Inzwischen hat der Einsatz der sogenannten Analgetika wie Voltaren so stark zugenommen, daß die Sportmediziner alarmiert sind. Von einer "erschreckenden Entwicklung" sprach vor kurzem Professor Toni Graf-Baumann, Mitglied der medizinischen Kommission im Internationalen Fußball-Verband (Fifa), bei einem Sportärzte-Kongreß in Köln. Graf-Baumann hatte die Medikamentenlisten ausgewertet, die Fußballprofis bei Dopingkontrollen ausfüllen müssen. So stieß er, etwa bei Weltmeisterschaften, auf "einen exorbitant hohen Einsatz" von Schmerzmitteln: "Die schlucken Voltaren und Aspirin in ungeheuren Mengen, auch ohne medizinische Indikation. Das macht uns Sorgen."
Offensichtlich hat sich der Konsum von Schmerzmitteln verselbständigt, nicht nur im Fußball. Anders als starke Medikamente wie Cortison, das auf der Dopingliste steht und nur in Ausnahmefällen verabreicht werden darf, sind die gewöhnlichen Mittel erlaubt; und sie sind auch leicht zu bekommen. Viele Sportler nehmen die Tabletten, ohne die Mannschafts- oder Vereinsärzte einzubeziehen. "Manchmal haben wir die Dinger eingeworfen wie Bonbons", sagt der frühere Zehnkämpfer Frank Busemann, der wegen körperlicher Verschleißerscheinungen seine Laufbahn beenden mußte.
Folgen können fatal sein
Die Leichtathletik gehört neben Gewichtheben, dem Radsport, Fußball und Triathlon zu den Sportarten, in denen der Schmerzmitteleinsatz offenbar ausufert. "Wir haben die Listen von kontrollierten Athleten ausgewertet", sagt Hans Geyer, der Geschäftsführer des Kölner Zentrums für Dopingsforschung, "und gerade in diesen Sportarten sind wir auf eine unheimliche Präsenz dieser Substanzen gestoßen". Auch die renommierte amerikanische Zeitschrift "Medicine and Science in Sports and Exercise" kam zu einem ähnlich beunruhigenden Befund. Sie berichtete unlängst über eine Untersuchung bei einem Ironman-Wettkampf in Neuseeland. Demnach hatten 30 Prozent aller teilnehmenden Triathleten vor dem Start Schmerzmittel genommen; viele von ihnen prophylaktisch, also ohne Schmerzsymptome.
Die Folgen können fatal sein. Die gängigen Schmerzmittel haben gerade bei Langzeitkonsum beträchtliche Nebenwirkungen, etwa für den Magen-Darm-Trakt oder für die Blutgefäße. Einer der führenden Leichtathletik-Ärzte berichtete vor kurzem über Sportler, die an einem Tag acht bis neun Voltaren-Tabletten nähmen. "Bei so einer Dosis kann man ganz schnell an Nierenversagen sterben", sagt der Fifa-Mediziner Toni Graf-Baumann. Der aus Teningen stammende Arzt zitiert seriöse Studien, nach denen bei einer langfristigen Schmerzmitteleinnahme das Risiko eines Herzinfarktes oder Schlaganfalles signifikant steige.
Warnsignale des Körpers
Die besagte Studie bei Triathleten untersucht den Zusammenhang zwischen der Einnahme der Schmerztabletten und der Gefahr, während des Wettkampfs eine sogenannte Hyponatriämie zu erleiden: einen gefürchteten Abfall der Natrium-Konzentration im Blut, der zum Kollaps führen kann. Auch die indirekten Folgen des exzessiven Analgetikum-Einsatzes scheinen den meisten Athleten nicht bewußt zu sein. Schmerzen sind Warnsignale des Körpers. Wer sie ständig ignoriert oder unterdrückt, könnte eines Tages die Quittung bekommen.
So wie der frühere Fußball-Nationalspieler Jens Jeremies. "Es ist doch klar, daß man irgendwann den Preis dafür bezahlen muß, wenn man über die Grenzen geht und immer nur mit Schmerzmitteln spielt", sagt der ehemalige Bayern-Profi. Jeremies mußte seine Karriere im Alter von 32 Jahren beenden, nach fünf Knie-Operationen und zahllosen Verletzungen.
In einer Grauzone
Auch ethisch bewegen sich Leistungssportler wie Jeremies für manche in einem Grenzgebiet. Zwar gehen nur die wenigsten so weit wie Hans Geyer vom Zentrum für Dopingforschung, für den Schmerzmittel "die Kriterien eines klassischen Dopingmittels erfüllen". Doch auch andere wie Graf-Baumann räumen ein, daß man sich in einer "Grauzone" befinde. Er und seine Kollegen wollen nun darüber nachdenken, wie sie dem Problem beikommen können - aber: "Wir sind hilflos. Mehr, als Athleten und Ärzte zu sensibilisieren, können wir nicht tun." Es gibt kaum wissenschaftliche Untersuchungen, auf die sich die Mediziner stützen könnten, etwa was die Beweggründe für den Griff zu den Schmerztabletten angeht. Nur mit Überlastung, wie gemeinhin angenommen, läßt sich das Phänomen auch nicht erklären. "Dafür trainieren die Fußballer viel zuwenig", sagt ein früherer Bundesliga-Arzt.
Die Liga mauert lieber. Denn offensichtlich ist der deutsche Fußball nicht daran interessiert, dem Schmerz und seiner Unterdrückung auf die Spur zu kommen. Eine Beteiligung an einer von der Fifa angeregten wissenschaftlichen Untersuchung lehnten die Bundesligaklubs kategorisch ab.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.12.2006, Nr. 50 / Seite 17
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