Baseball

Philadelphia Phillies gewinnen World Series

Von Jürgen Kalwa, New York

Die Phillies - World Champions aus Philadelphia

Die Phillies - World Champions aus Philadelphia

30. Oktober 2008 Wenn die besten Baseball-Mannschaften Amerikas aufeinandertreffen, dauert ein Spiel schon mal ziemlich lange: Vier Stunden sind keine Seltenheit, und sie rinnen langsam und gemächlich dahin. Doch so lange wie das fünfte Match der World Series dauerte bisher noch kein Match, bei dem es um etwas ging.

Geschlagene zwei Tage - von Montagabend bis Mittwochabend - vergingen, ehe die Philadelphia Phillies und die Tampa Bay Rays einen Sieger ermittelt hatten, nachdem starker Regen zwischendurch den Platz unbespielbar gemacht hatte. Das Ende der Hängepartie - ein 4:3-Erfolg der Phillies - bedeutete allerdings auch das Ende der Saison. Mit dem vierten Sieg im fünften Spiel gewann Philadelphia die Finalserie, die unter dem anspruchsvollen Namen World Series läuft.

Einschaltquoten erreichten neuen Tiefpunkt

Dass die Anhänger 48 Stunden warten mussten, um ihre Mannschaft zu feiern, werden sie leicht verschmerzt haben. In Geduld müssen sich die Sportfans der Stadt schon seit geraumer Zeit üben. So war dies erst der zweite Titel der Phillies in den mehr als hundert Jahren ihrer Existenz. Der Klub, seit 1883 in der National League, in der es wie in allen amerikanischen Profiligen keinen Aufstieg oder Abstieg gibt, hatte 1980 das bislang einzige Mal die World Series gewonnen.

Demgegenüber wirken die Tampa Rays wie eine Gruppe von Emporkömmlingen. Das Team wurde erst vor zehn Jahren in Florida gegründet. Die Begeisterung in der Millionenstadt Philadelphia konnte aber nicht den Mangel an Interesse für die Endspielserie im Rest der Vereinigten Staaten wettmachen. Die Einschaltquoten für den Prestigewettkampf, die seit Jahren nach unten tendieren, erreichten in diesem Jahr einen neuen Tiefpunkt.

Obama überschattet das entscheidende Spiel

Wie unbedeutend das Ereignis geworden ist, zeigte sich am Mittwoch, als sich der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama unmittelbar vor der Fortsetzung der unterbrochenen fünften Begegnung in einem halbstündigen Werbespot zum letzten Mal vor den Wahlen direkt an die Bevölkerung wandte.

Die lange im Voraus geplante teure Marketingkampagne, die auf zahlreichen Kanälen lief, auch auf dem auf Baseball eingestellten Sender Fox, kostete Obama die Summe von 3,5 Millionen Dollar und überschattete das Sportereignis in mehrfacher Hinsicht. Es erinnerte viele daran, dass selbst populäre Sportarten im Lichte dieser Wahlentscheidung nur eine bescheidene Nebenrolle spielen.

„Den Phillies ist die Wende schon gelungen“

In dem mit 43.000 Besuchern ausverkauften Stadion in Philadelphia schienen solche Gedanken jedoch niemanden zu beschäftigen. In der „City of Brotherly Love“ wählt man ohnehin überwiegend demokratisch. Und man glaubt an die magische Kraft weißer Handtücher, mit denen einmal mehr Tausende auf den Rängen energisch herumwedelten. Die Zuschauer wurden dafür mit einem bis zuletzt spannenden Match belohnt.

Nach dem letzten Pitch feierten sie alle, am ausgelassensten die Phillies-Spieler, die trotz einer Temperatur von fünf Grad noch zwei Stunden lang auf dem Spielfeld blieben, um den Augenblick zu genießen. „Es ist das Jahr der Wende“, sagte ein Fan in Anspielung an den zentralen Slogan der Obama-Kampagne. „Den Phillies ist die Wende schon gelungen.“


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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