America's Cup

Die Kunst, ein Segelsyndikat auf Kurs zu halten

Von Michael Ashelm, Valencia

08. November 2006 Später Nachmittag. Tim Kröger steht am Quai der südafrikanischen Segelbasis und kontrolliert, wie einige seiner Crewkollegen die 24 Tonnen schwere Rennyacht vorsichtig per Hebekran aus dem Hafenbecken hieven. Die Männer wirken müde und abgekämpft, es sieht so aus, als wolle hier keiner unnötig viel Zeit vergeuden. Jeden Tag die gleichen Handgriffe: Raus in den Golf von Valencia, trainieren, testen, wenden, halsen, Segel wechseln, dann irgendwann zurück an Land, was nicht heißt, daß der Arbeitstag beendet ist. Nach dem Abtakeln warten Designer, Techniker und Segelmacher auf die Erkenntnisse vom Wasser.

Die Computer fahren hoch in den kleinen Büroeinheiten im Innern des provisorischen Quartiers, die nächsten Trainingsfahrten müssen anhand der frischen Daten geplant werden. Ein Job manchmal bis spät in den Abend. Es bleibt nicht viel Zeit zur Vorbereitung auf den America’s Cup. Der wichtigste, teuerste und glamouröseste Segelwettbewerb der Welt raubt den Beteiligten die letzten Reserven. Wer fünf Monate vor dem Start nicht alle Kraft investiert in das High-Tech-Projekt, könnte schlecht aussehen im Frühjahr.

Atmosphärisch auf Kurs bleiben

Doch soviel zu tun ist, „man kann die Leute auch verschleißen“, sagt Kröger. Der erfahrene deutsche Segelprofi in Diensten des Teams „Shosholoza“ deutet auf ein anderes Boot, dessen Crew zu Beginn der Dämmerung noch immer auf dem Wasser zu sehen ist und von der es heißt, daß ihr Chef am Steuerrad recht rücksichtslos mit der Manpower an Bord umginge.

Vielleicht gehört es zu den größten Herausforderungen beim America’s Cup, ein Segelsyndikat mit einer Vielzahl von Talenten und Egos atmosphärisch auf Kurs zu halten. 80, 100 oder 120 Mitarbeiter arbeiten und leben über mehrere Jahre in der Fremde auf engstem Raum zusammen. Nur die wenigsten Segler haben ihre Familien mitgebracht.

Psychologen und Eheberater aus der Heimat

Sechstagewochen, spontane Änderungen des Trainingsplans wegen des unkalkulierbaren Wetters sind keine Seltenheit. Das erzeugt Unmut und Stress. Zu hören ist von Grüppchenbildung, von Streit, Lagerkoller, Mobbing und blanken Nerven. Hier und da dreht sich plötzlich das Personalkarussell. Daß sich in den verbleibenden Monaten der Kampf um die 17 Plätze an Bord zuspitzen wird, verschärft die Situation. Der größte Druck lastet auf den verantwortlichen Köpfen, welche die Multi-Millionen-Unternehmung zum größtmöglichen Erfolg führen sollen und sehen müssen, daß Technik und Mensch Mitte April 2007 perfekt harmonieren. „Natürlich sind die Tage lang und hart“, sagt Jochen Schümann. Für den deutschen Segel-Olympiasieger und Sportdirektor des Schweizer Teams „Alinghi“ geht es im nächsten Jahr um nichts weniger als die Titelverteidigung. Schümann gilt als Fitness-Freak, der den Stress beim Radfahren durch die valenzianischen Berge abbaut. Bei einem anderen Team, so wird sich erzählt, hat der für seinen übersteigerten Ehrgeiz berüchtigte Skipper seinen Psychologen und Eheberater aus der Heimat einfliegen lassen.

Wer glaubt, noch nicht reif zu sein für den America’s Cup, den dürfte die überdimensionale Uhr an der Front der neuseeländischen Basis reichlich beunruhigen. Die Tage und Stunden bis zum ersten Start am 16. April werden dort heruntergezählt. Die Hausherren sind derzeit nicht anzutreffen – kein Boot, keine Segler, verschlossene Tore. Die Neuseeländer, die durch den Titelgewinn 1995 und 2000 den America’s Cup acht Jahre lang vor der eigenen Haustür hatten und entsprechend verwöhnt waren, sind für einige Monate zurück in ihre Heimat.

„Alinghi“scheut keinen Aufwand

Weil es den Seglern vom anderen Ende der Welt und ihren Familien besonders schwerfällt im fernen Spanien. Zudem glauben sie, im Hauraki- Golf vor Auckland, dem Cup-Revier der letzten Male, auf bessere sommerliche Winde zu treffen als an der winterlich unbeständigen Costa Blanca. Ihnen folgen die ebenso hochfavorisierten Amerikaner von „BMW Oracle Racing“, deren Crew zur Hälfte aus Neuseeländern besteht. Die Boote werden per Luft-Cargo rund um den Globus geflogen. Auch der Titelverteidiger „Alinghi“, dessen Eigner Ernesto Bertarelli unlängst sein Biotech-Imperium für mehr als zehn Milliarden Euro an Merck verkauft hatte, scheut keinen Aufwand. Die Schweizer verlegen ihr Winterquartier kurzum bis Februar nach Dubai. Es heißt, die Windbedingungen dort entsprächen denen des Sommers vor Valencia, wenn „Alinghi“ dann im Juni/Juli ins Duell einsteigt gegen den besten der elf Herausforderer. Gleichzeitig dürfte der Ortswechsel Teil einer Werbetour sein, um die Scheichs des Emirat für die Zukunft des America’s Cup zu gewinnen.

Wem die finanziellen Mittel zu solchen Extravaganzen fehlen, der kann nicht ausweichen und für ein bißchen Abwechslung sorgen vom stupiden Segelalltag. Ein paar Wochen Urlaub um Weihnachten herum und dann weiter. Das gilt für den Rest, obwohl, wie Kröger sagt, „konfuse Bedingungen“ vorherrschen vor Valencia. Das heißt, Windstärke und Windrichtung schwanken so sehr, daß sie kaum der Wettersituation an den Wettkampftagen im nächsten Jahr entsprechen. Dies löst bei den Seglern nicht allzuviel Freude aus. „Aber wir haben uns daran gewöhnt, auf die Zähne zu beißen“, sagt Karol Jablonski, der polnische Steuermann des spanischen Bootes. Die triste Winterzeit vor Augen – da liegt vielen Seglern der Frust näher als ihr Optimismus.

Schwerwiegende Materialprobleme beim deutschen Team

Wer dann noch wie das deutsche Syndikat über schwerwiegende Materialprobleme klagen muß, der braucht Nerven. Der Mast beim Trainingsboot gebrochen, der einzige für den Cup zugelassene Yacht-Neubau im Moment zurück an Land. Wegen eines „Kielproblems“, wie Vorstandschef Michael Scheeren vom „United Internet Team Germany“ sagt, was demnächst in den Griff zu bekommen sei. Ein Teil des Urlaubs ist den Seglern gestrichen worden, um die verlorene Trainingszeit aufzuholen. Doch Scheeren betont, wie stabil die Kampagne ansonsten aufgestellt sei. Die mehrstöckige Segelbasis ist fast fertig – und ihre Dachterrasse gilt im America’s-Cup-Hafen von Valencia als eine der schönsten.

Das ist ja schon eine organisatorische Leistung. Bei einem der Nachbarn steht gerade mal der Rohbau. Sowieso sind die Segler beim klammen Team China selten zu sehen, schon gar nicht auf dem Wasser. Es wird gemutmaßt, die Kosten von rund 45.000 Euro pro Trainingstag könnten nur begrenzt aufgewandt werden. Hier geht es wirklich nur darum, Perspektiven für die fernere Zukunft zu schaffen. Tim Kröger mit seinem südafrikanischen Team träumt von einer „Punktlandung“ im nächsten Jahr. Und das heißt, nicht nur die Chinesen hinter sich zu lassen.

Daten zum America's Cup:

16. April bis 12. Juni 2007: Rennserie der elf Herausforderer-Yachten aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien (3), Schweden, Südafrika, Amerika, Neuseeland und China.

23. Juni bis 7. Juli 2007: Finalrennen zwischen „Alinghi“ (Schweiz) und dem Sieger der Herausforderer-Serie.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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